17.10.2011

Diebesnester in Regalen

Jedes Jahr gehen in den Lesesälen deutscher Unis Tausende Bände Fachliteratur verloren, weil Studenten sie absichtlich falsch einsortieren. Juristen und Theologen erweisen sich als notorische Bücherhamster.
Vor der juristischen Bibliothek der Universität Hamburg parkt ein weißer Bus mit der schwarzen Aufschrift "Bundestag". Besuch aus Berlin? Jurastudent Alessandro Covi interessiert sich weniger für irgendwelche Parlamentarier; es reicht der Schriftzug auf dem Fahrzeug, um ihm einen sehnsüchtigen Seufzer zu entlocken.
Es ist der Gedanke an seine Promotion, die ihn umtreibt. "Es wäre schön, wenn ich meine Arbeit in der Bibliothek des Bundestags schreiben könnte", sagt der 28-jährige Doktorand. Die Lesesäle des hohen Hauses in Berlin, erzählt er, könnten ihm bieten, was seine Stammbibliothek ihm nicht beschert: uneingeschränkten Zugriff auf die Fachliteratur.
An Lesestoff an sich fehlt es nicht: 361 Millionen Bücher und Zeitschriften horten die wissenschaftlichen Bibliotheken. Aber Studenten wie Bibliothekare suchen oft vergebens nach Bänden, die zwar im digitalen Register stehen, jedoch nicht an ihrem Platz im Regal.
Zwar gibt es mangels Statistiken keine repräsentativen Zahlen über den Bücherschwund in Lesesälen. Aber faktisch gibt es ihn, viele Bibliothekare beklagen sich über Studierende, die Exemplare klauen oder verstecken. Die Täter sortieren die Fachliteratur absichtlich in die falschen Regale - auf diese Weise verschwinden laut deutschem Bibliotheksverband die meisten Bände. Sie tauchen ab in eine Art Paralleluniversum der nicht auffindbaren Bücher.
Regelrechte Büchernester legen manche Studenten an, davon kann Joachim Boy berichten, Organisationsdezernent der Uni-Bibliothek Duisburg-Essen. Wann immer er und seine Kollegen Regale umbauen oder verrücken, finden sie Exemplare, die nicht ins entsprechende Fachgebiet gehören. Dabei handele es sich nicht nur um umkämpfte Standardliteratur, die vorsätzlich vor der Konkurrenz versteckt werde, sagt der Bibliothekar. "Manche stellen die Bücher nach der Lektüre einfach irgendwo hinein, weil's bequem ist."
Unter den Fächern, hinter anderen Werken oder hoch oben auf den Borden sterben manchmal ganze Sammlungen wissenschaftlicher Literatur an plötzlichem Bedeutungsverlust, weil niemand mehr auf sie zugreifen kann. Derzeit gelten 3000 von den 2,5 Millionen Bänden der Uni-Bibliothek Duisburg-Essen als vermisst; sie existieren - und doch wieder nicht.
"Wenn eine Hausarbeit gleichzeitig an 200 Studenten vergeben wird, brau-chen alle die gleichen Bücher", sagt die Jurastudentin Tina Winter. "Ich habe mal zufällig drei Bände über Zivilrecht in der Rechtsphilosophie gefunden." Einmal musste Winter für eine Hausarbeit sogar auf eine wichtige Quelle verzichten, weil Kommilitonen einen Aufsatz kurzerhand aus der Fachzeitschrift gerissen hatten.
Manche Uni-Bibliotheken haben sich gegen Diebstahl, Vandalismus und Buchverstecke mit durchaus ungewöhnlichen Mitteln gewappnet. So wirbt die Hochschule Duisburg-Essen gezielt studentische Mitarbeiter mit überdurchschnittlicher Körperlänge an. "Die finden auf den hohen Regalen sofort Sachen, die sonst keiner sehen kann", sagt Joachim Boy. Ansonsten vertraut er auf einen gut 15 Zentimeter langen und drei Millimeter schmalen Metallfaden. Der klebt nahezu unsichtbar in jedem Buch und soll Langfinger entlarven. Überquert man mit Diebesgut die Schranke am Ausgang, schlagen Detektoren Alarm. "Das ist ein ausgefeiltes Sicherungssystem", sagt Andreas Sprick, Leiter der Benutzungsabteilung. Das allerdings wirkungslos bleibt, wenn skrupellose Leser die Seite mit dem Draht einfach herausreißen.
In der Hamburger Universitätsbibliothek dürfen Benutzer die Bücher im Ausleihzentrum gar nicht erst selbst zurückstellen. Dafür ist die Ausleihe der Werke aus dem Lesesaal erlaubt, was in den meisten anderen Universitätsbibliotheken nicht möglich ist. "Vielleicht ist genau das unser Zaubermittel, das vor Verlusten und Büchernestern bewahrt", sagt Elke Wawers, stellvertretende Benutzungsleiterin.
Die Universität Passau schafft in stark frequentierten Fächern wie Jura oder BWL möglichst viele Exemplare der gleichen Bände an, finanziert unter anderem mit Studiengebühren. "Die psychologische Schwelle für Diebstahl oder das Anlegen von Büchernestern ist höher, wenn stets Exemplare verfügbar sind", sagt Steffen Becker von der Uni Passau.
Außerdem haben die Bibliothekare an der Passauer Hochschule 25 000 Werke als E-Books verfügbar gemacht, jetzt können Kommilitonen sie mit privaten Laptops oder Computern der Bibliothek abrufen. Die nötigen Lizenzen für die dazugehörige Software kosten die Universität zwar ebenso viel wie neue Bücher, aber dafür können E-Books nicht spurlos verschwinden. Darüber hinaus hat die Bibliothek Scan-Boxen eingerichtet, wo die Studenten Buchseiten auf ihren Computern speichern können.
Die Universität Bielefeld setzt auf das "RFID"-Etikett, das bereits große Hochschulen wie die Humboldt-Universität in Berlin nutzen. Geht ein Mitarbeiter mit einer Art Scanner an etikettierten Büchern entlang, kann er auf einem Display ablesen, ob ein Werk falsch steht - und so ganze Räuberhöhlen ausheben.
Ausgerechnet in Jurabibliotheken seien solche Diebesnester unverhältnismäßig oft zu finden, erzählt Elke Wawers, die seit 26 Jahren als Bibliothekarin arbeitet. Juristen nutzten solche Verstecke, "um sich einen Wettbewerbsvorteil in Klausuren zu sichern", vermutet sie. Auch die Theologie und die Philosophie seien als Brutstätten des Bücherschwunds bekannt. "Menschen aus diesen drei Fachgebieten teilen ein Buch nicht gern mit anderen", bestätigt Steffen Wawra von der Sektion der deutschen Universitäts- und Hochschulbibliotheken. Er versucht, es positiv zu sehen. "Diese Fächer zeichnen sich eben durch eine große Bücherliebe aus."
Bloß handelt es sich da, wenn es Liebe ist, um eine sehr besitzergreifende und ausgesprochen eifersüchtige Passion. Daher machen in der rechtswissenschaftlichen Bibliothek der Universität Bielefeld studentische Mitarbeiter und Bibliothekare mehrmals täglich ihre Runde, um verstellte Bücher neu einzusortieren.
Allerdings wolle man die Nutzer keinesfalls unter Generalverdacht stellen, betonen die Bibliothekare. "Das ist eben der Preis dafür, dass jeder an unsere Bücher herankann", sagt Joachim Boy von der Universität Duisburg-Essen. "Noch schärfere Restriktionen würden in Feindseligkeit gegenüber allen Lesern ausarten. Und das will niemand."
Diebesnester in Regalen
Von Anna Müller-Heidelberg

UniSPIEGEL 5/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Das Brexit-Cover-Wunder: "Three Lions" und eine schräge Stimme
  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Das Drama in Shakespeares Geburtsstadt
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen