17.10.2011

Iiih, mein Prof ist tätowiert!

Kann es sein, dass der Typ vorn im Hörsaal ein Tattoo hat? Steht der sogar auf Punk und Hardrock? Absolut! Fünf Dozenten ziehen blank - und berichten, wie ihre Körperkunst bei Studenten und Kollegen ankommt.
Dr. Stephan Müller, 46, Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig: "Ich bin mit Punk groß geworden. Neben der Denkweise und der Musik war es in erster Linie die Bildsprache der Bewegung, die mich faszinierte. Darunter auch die hauptsächlich auf grafischen Zeichen und Symbolen basierenden Tätowierungen von Henry Rollins, Sänger der Punkband Black Flag. Selbstverständlich schwang beim Wunsch nach einer Tätowierung auch unterschwellig die Auflehnung gegen das Elternhaus und die Schule mit, wie bei jedem jungen Erwachsenen. Sie war aber nicht der Auslöser. Erst mit 24 Jahren, während meines Grafikstudiums an der Kunsthochschule in Luzern, ließ ich mich tatsächlich tätowieren. Die Faszination abstrakter Formen und die Beschäftigung mit konkreter Kunst, einer Stilrichtung, die sich auf geometrische Formen konzentriert, führten dann zu der Tätowierung eines auf neun Quadraten aufbauenden Bildes des Schweizer Malers Richard Paul Lohse."
Timm Ulrichs, 71, Künstler und emeritierter Professor der Kunstakademie Münster: "Ich habe von 1972 an 33 Jahre Kunst gelehrt, aber viele Jahre zuvor, 1961, mich bereits zum 'Ersten lebenden Kunstwerk' erklärt. Und mir in diesem Zusammenhang auch eine Reihe von Tattoos zugefügt. Unter anderem ließ ich mir den Schriftzug 'The End' aufs rechte Augenlid stechen. Meine Idee dazu: Das Leben ist ja wie ein Theaterstück, wie ein Film, der mit dem Tod zu Ende geht, und die Lider sind gleichsam die Vorhänge und Leinwände, auf denen wie im Abspann eines Kinofilms zum Schluss dieser Text erscheint. 'The End' ist ein letzter Gruß an denjenigen, der mir nach dem Sterben die Augen schließt. Damit verabschiede ich mich von meinem Publikum, mit einem lachenden und einem weinenden Auge gewissermaßen. Der Akt des Tätowierens selbst war zwar recht unangenehm, aber für die Kunst muss man eben Opfer bringen. Wenn ich also von Totalkunst und dem Leben als Kunstwerk spreche, meint das, das ganze Leben als Experiment, als Intensivstation zu begreifen, und das kann durchaus auch schmerzhaft sein. Im Schmerz empfinden wir uns intensivst; der gesunde Körper spürt sich ja gar nicht, ist eigentlich gar nicht richtig anwesend."
Dr. Hagen Höpfner, 34, Juniorprofessor an der Bauhaus-Universität Weimar, Studiengang Medieninformatik: "Ich habe gleich drei Tattoos: eine 'Triskele', also ein spiralförmiges Symbol auf der linken Schulter, das ich mir mit Anfang 20 in Magdeburg, meinem damaligen Studienort, habe stechen lassen. Dann einen Raben auf der Brust, den habe ich mir 2009 in Bruchsal tätowieren lassen, wo ich nach Studium und Promotion als Dozent an der dortigen International University in Germany gearbeitet habe. Und einen Baum auf dem rechten Oberarm: Den habe ich Anfang dieses Jahres stechen lassen, als ich von Bruchsal nach Weimar ging, wo ich die Juniorprofessur 'Mobile Medien' antrat.
Tattoos passen zu mir. Ich sehe nämlich auch sonst nicht gerade so aus wie die meisten anderen Professoren, ich habe lange Haare, spiele Gitarre in der Rockband Der Schulz. An der Uni herrscht ein lockerer Umgang, man konzentriert sich hier aufs Wesentliche: das Innere. Vor den Teilnehmern internationaler Konferenzen mit fremden Professorenkollegen verberge ich meine Tattoos aber lieber, ich versuche, nicht aktiv zu provozieren."
Stefan Schaak, 37, Dozent für Islam- und Religionswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum: "Tattoos sind längst salonfähig? Das halte ich für eine Lüge. Tattoos polarisieren, vor allem, wenn man sie als Uni-Dozent trägt. Für mich persönlich sind sie wichtig als Ausdruck meiner ganz individuellen Lebendigkeit. Damit provoziere ich schon mal Stirnrunzeln, auch bei Kollegen, aber das ist vollkommen in Ordnung. Ich habe nämlich gemerkt, dass ich über meine Tattoos mit den Studenten ins Gespräch komme. Unter anderem habe ich mir das Minarett und die Kuppel einer Moschee auf das rechte Schulterblatt stechen lassen. Einer meiner muslimischen Studenten sah das und sagte in einem Seminar, für einen Muslim sei es 'haram', also verboten, eine sol-che Veränderung an seinem Körper vorzunehmen. Und dann auch noch mit so einem Motiv! Schwupp, war eine tolle Diskussion im Gange. Insofern sind Tattoos äußere Schönheit und stimulieren parallel Ästhetik auch auf geistiger Ebene."
Paule Hammer, 36, Dozent an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig: "Tätowierungen sind ja als Import aus exotischen Kolonien nach Europa gekommen. Darum fehlt hier oft die Verbindung zwischen den Motiven und dem Alltag ihrer Träger oder gar ihrer Rolle in der Gesellschaft, von Knast-Tattoos mal abgesehen. Auch ich hatte zunächst nur den Wunsch, tätowiert zu sein, aber keine klare Idee, was das Motiv anging. Deshalb ist die erste Tätowierung eher konventionell: eine Spinne im Netz. Da ich mit diesem Motiv nichts verband, hatte ich zunächst echte Probleme, mich daran zu gewöhnen. Heute kommen die Motive oft aus meiner eigenen Arbeit; es macht Spaß zu beobachten, wie die schon vorhandenen Bilder - inzwischen sind es 14 - plötzlich in neuem Zusammenhang stehen, die angefangene Geschichte eine neue Wendung nimmt. Zu meinem ersten Kurstag bin ich aber langärmelig gegangen. Auch weil es in meinem Kurs um Zeichnung geht und ich nicht allzu massiv mit meinen persönlichen Motiven im Raum stehen wollte. Als die Studenten und ich einen Arbeitsmodus gefunden hatten, wurden die Ärmel kürzer."
Von Almut Steinecke

UniSPIEGEL 5/2011
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