12.12.2011

Die Geheimnislose

Sie twittert Intimes, singt bei YouTube, stellt private Fotos ins Netz - die Psychologiestudentin Marina Weisband, Geschäftsführerin der Piraten, lebt vor, was ihre Partei fordert: Transparenz. Kann das gutgehen?
Marinas Lippen sind mit Blut beschmiert. Da ist Marina schon wieder, umgeben von leichenblass geschminkten Gesichtern, sie steht auf Vampire. Marina knotet sich aus dem Hemd ihres Freundes eine Art Cocktailkleid für die nächste Party um den Leib. Marina trägt schüchtern ein Liebeslied vor, begleitet sich auf der Gitarre. Marina trinkt ihren Kaffee mit vier Stück Süßstoff und einer halben Tasse Milch.
Fotos, Tweets, YouTube-Filmchen - in wenigen Minuten hat man sich tief reingegoogelt ins Privatleben von Marina Weisband, 24 Jahre alt, Psychologiestudentin aus Münster. Vielen gefällt, was sie da sehen. "Wieso müsst ihr Frauen aus dem Osten eigentlich immer so umwerfend sein?", schwärmt einer der YouTube-Zuschauer.
Marina Weisband, in der Ukraine geboren und 1994 als Aussiedlerin nach Deutschland gekommen, hat Tausende Spuren im Netz hinterlassen, und es kommen jeden Tag neue hinzu. Neben ihrem Blog und einem Twitter-Konto unterhält sie eine eigene Website. Darauf: selbstgemalte Bilder, selbstverfasste Kurzgeschichten. Die Hobby-Künstlerin, Hobby-Autorin, Hobby-Musikerin und begeisterte Rollenspielerin mit dem Pseudonym "Afelia" macht kein großes Geheimnis aus ihren Gedanken und Gefühlen. Sie lebt seit Jahren vor, was ihr neuer Arbeitgeber einfordert: Transparenz.
Seit Mai dieses Jahres ist Marina Weisband politische Geschäftsführerin der Piratenpartei und damit wichtige Repräsentantin einer Vereinigung, die vor knapp drei Monaten mit unglaublichen 8,9 Prozent der Wählerstimmen ins Berliner Landesparlament einzog. Wäre jetzt Bundestagswahl, bekämen die Piraten laut Meinungsforschungsinstituten 7 Prozent der Stimmen. Weit mehr als die FDP. Marina hätte damit realistische Chancen auf einen Sitz im Bundestag. Sie könnte sogar in einer Regierungsfraktion landen: Piraten-Chef Sebastian Nerz hat angekündigt, dass seine Partei im Fall eines Wahlerfolgs im Bund für Koalitionsgespräche zur Verfügung stünde.
Müsste Weisband jetzt nicht viel stärker trennen zwischen Marina, der Studentin mit einer Leidenschaft für Vampire, und Frau Weisband, dem Bundesvorstandsmitglied mit Aussicht auf eine Karriere in Berlin? Kann sie weiterhin über ihre Unterleibsschmerzen twittern? Ihre Einkaufsgewohnheiten? Ihre Kinderpläne? Macht sie sich damit nicht angreifbar? "Mir egal", sagt sie, "ich will den Menschen zeigen, wie ich bin und was bei mir privat so abgeht. Ich will offen und ehrlich sein."
Ein Montagnachmittag im November. Marina öffnet die Tür zu ihrer Wohnung: Zwei-Zimmer-Küche-Bad im Studentenviertel am Hafen, etwa 60 Quadratmeter, die sie sich mit ihrem Freund Markus teilt. Sie hat Markus in ihrem Vampir-Club kennengelernt und bei einer inszenierten Bluthochzeit gleich "zum Manne" genommen, wie sie später berichten wird. Marina bietet Hagebuttentee an und weist dann den Weg ins Wohnzimmer. Wuchtiges Ecksofa, gewaltiger Flachbildfernseher und ein Bücherregal mit Tolstoi, Tschechow und Fantasy-Schmökern.
In der Ecke hat Marina das Parteibüro eingerichtet. Da, am Computer, sitzt sie nun oft bis morgens um vier. Sie habe derzeit, erzählt Marina, ja nicht nur "die Partei im Nacken", sondern schreibe gleichzeitig auch noch an ihrer Diplomarbeit zum Thema "Wertemodelle ukrainischer Kinder".
Für ihre Hobbys finde sie momentan so gut wie keine Zeit, sagt Marina, nicht mehr fürs Theaterspielen, nicht fürs Malen, nicht fürs Komponieren. Am Wochenende habe sie nach etlichen Monaten endlich mal wieder an einem Live-Rollenspiel teilnehmen können, dieses Mal in einem Wäldchen bei Marl zum Thema "Römerzeit". Ihr Job war es, als "Sklavin" schwere Tonkrüge voll Met heranzuschleppen und am Abend für die Soldaten "zum Klang der Laute" auf dem Tisch zu tanzen. "Das ging ganz schön auf Arme und Beine", erzählt sie, "war aber auch eine schöne Entspannung nach all dem Parteistress der letzten Wochen."
Bis zum Sommer 2009 hatte Marina Weisband mit Politik "fast gar nichts" am Hut. Die Menschen, die da im Bundestag und im Fernsehen zu sehen waren, kamen ihr alle "wahnsinnig fremd" vor, fern ihrer Lebenswelt. Sie war angeödet von den Männern und Frauen, die immerzu so täten, "als würden sie alles richtig machen", und den Eindruck hinterließen, es gäbe nur die Politik in ihrem Leben. Gerade die Abgeordneten und Regierungsmitglieder unter 40, zum Beispiel Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, wirkten auf sie "wie 90-Jährige", die krampfhaft versuchen, auf jung und trendy zu machen.
Dann sah sie im Sommer 2009 einen Wahlwerbespot der Piraten. Sie war begeistert. Endlich eine Partei, die nicht aus alten Männern in grauem Anzug bestand, sondern aus jungen Menschen, die wie sie mit dem Internet großgeworden waren. Aktivisten, die im Netz nicht nur einen Hort von Kinderporno-Verbrechern und politischen Extremisten sahen, sondern es als Chance begriffen, sich mitzuteilen, zu vernetzen, Demokratie zu stärken.
Marina füllte einen Mitgliedsantrag aus, ging zu den Stammtischen der Partei in Münster und fühlte sich "unter all den netten Nerds" gleich richtig wohl. Sie begann, auch Politisches zu bloggen, und stieg bei Twitter zu einem Star der Piratenszene auf: Mittlerweile hat sie schon über 4600 Follower, deutlich mehr als zum Beispiel Hermann Gröhe, Generalsekretär der CDU.
Marina war also keine Unbekannte mehr in der Community, als sie im Mai zum Bundesparteitag fuhr. Sie wurde aufgefordert, sich für den Vorstand zu bewerben, und bat die zumeist männlichen Parteimitglieder in ihrer Rede, sie nicht nur deswegen zu wählen, weil sie eine Frau sei. Marina bekam 67 Prozent der Stimmen und zog als eine von zwei Frauen in den Bundesvorstand der Piratenpartei ein.
Zurück in Münster, war sie plötzlich Geschäftsführerin einer Partei - ohne feste Anstellung, ohne Lohn. Unter anderem soll sie sich kümmern um Mitgliederanfragen und die Organisation von "Liquid Feedback", der Seele der Piratenpartei. Auf der Online-Plattform können Mitglieder Anträge stellen, Meinungen kundtun, Vorschläge für Initiativen machen. Demnächst werden Marina und ihre Kollegen daraus destillieren, wie sich die Partei künftig zu Fragen der Wirtschafts-, Innen- oder Außenpolitik positionieren wird.
Momentan gehe es ihr und den Parteigenossen in erster Linie darum, einen neuen Politikstil zu etablieren. Es sei daher auch kein Zufall, dass sie Privates in die Welt twittere, sagt Marina - die Entblößung ist hier politisches Programm.
Kürzlich warf sie via Twitter die Frage auf, "ab welchem prozentualen Verhältnis zwischen Medikamenten und Frühstück" es eigentlich bedenklich würde.
(*) Der Berliner Fraktionsvorsitzende Andreas Baum, Parteichef Sebastian Nerz.
Das war offenbar zu authentisch - prompt beschwerten sich Parteimitglieder. Und warfen ihr vor, die Sache mit der Transparenz vielleicht doch ein bisschen zu ernst zu nehmen. Es gebe viele wichtige politische Themen: den Staatstrojaner, die Euro-Krise, den Mindestlohn, warum also etwas derart Privates absondern? Das hat Marina "sauer, sauer, sauer, sauer" gemacht, wie sie in ihrem Blog schrieb.
Natürlich, sie könne sich in ihren Tweets auch nur noch auf Kristina-Schröder-Politikersätze beschränken, so in der Art: "Haben gute Arbeit geleistet, dem Land geht es gut." Aber dann würde sie sich völlig verbiegen, sagt Marina. Sie wolle aber doch wahrhaftig rüberkommen, Rollenspiele mache sie lieber in ihrer Freizeit. Noch kassiert Marina deutlich mehr Lob als Kritik für ihre Offenheit. "Viele haben mir geschrieben, dass sie gerade deswegen beim nächsten Mal die Piraten wählen", sagt sie, "die haben offenbar genug von den Polit-Maschinen aus den etablierten Parteien."
Ob sie die Totaltransparenz im Politikbetrieb auf Dauer durchhalten kann? Marina hat da eine klare Position: Wenn man ihr dies nähme, dann sei eben Schluss mit den Piraten, dann müsse sie sich einen normalen Job suchen, zumal im März nächsten Jahres auch ihr Bafög auslaufe. Dann werde sie eben wieder als Marina im Netz unterwegs sein, Mitte zwanzig, Psychologin aus Münster.
Die Geheimnislose
Von Guido Kleinhubbert

UniSPIEGEL 6/2011
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