13.02.2012

Das Phantom

Von Reinhard, Ulla

Die Polizei im Ruhrgebiet fahndet seit 18 Jahren nach einem Serienvergewaltiger. 22 Frauen hat er überfallen - die meisten im Bochumer Uni-Viertel. Eine Ermittlerin sagt: "Wir kriegen ihn."

Vielleicht wohnt er ja noch ganz in der Nähe, hat jetzt eine Familie und führt ein zufriedenes Leben. Vielleicht hat es ihn auch in einen anderen Teil der Republik verschlagen, und er streift nun wieder im Dunkeln durch die Gegend, auf der Suche nach einem neuen Opfer. Vielleicht ist er ausgewandert und hat nie aufgehört, Frauen zu überwältigen, zu vergewaltigen, ihr Leben zu zerstören. Nur, dass es hier in Deutschland keinem mehr auffällt.

Kriminaloberrätin Andrea Stein glaubt jedenfalls, dass der Mann, der als das "Uni-Phantom" bekannt wurde, noch lebt; er könne jetzt höchstens 50 Jahre alt sein. Vielleicht denkt dieser Mann, er habe es geschafft, er sei davongekommen mit dem, was er getan hat. Doch Stein, 55, eine kleine schmale Frau mit kurzen Haaren, ist sich sicher: "Wir kriegen ihn."

Die Polizistin sitzt in einem schlauchförmigen Büro im Polizeipräsidium Bochum, vor ihr ein Kaffee und ein paar Aktenordner, die sie mal wieder hervorgeholt hat. Darin steht, was man weiß über das Uni-Phantom, das zwischen 1994 und 2002 mindestens 22 Frauen überfiel, 9 im Bochumer Uni-Viertel, mindestens 3 in einem dunklen Wäldchen nahe eines Studentenwohnheims.

Kaum ein anderer Polizist hat sich so intensiv mit dem Serienvergewaltiger beschäftigt wie Stein. Drei Jahre lang leitete sie die eigens gegründete "Ermittlungskommission Messer", die so heißt, weil der Täter den Frauen ein Messer an die Kehle hielt, während er sie missbrauchte.

Der Täter, der nur manchmal maskiert war und fast jedes Mal DNA-Spuren hinterließ, begann seine Serie an einem Januartag des Jahres 1994, im südlichen Ruhrgebiet. Es war wahrscheinlich seine erste Vergewaltigung, und er suchte sich ein besonders wehrloses Opfer: ein Kind.

Auf der Homepage der Bochumer Polizei, wo alle Fälle aufgelistet sind, liest sich das so: "Opfer war damals ein zu diesem Zeitpunkt gerade 12-jähriges Mädchen, welches er in Sprockhövel im Grünbereich an den Straßen Haßlinghauser Straße / Im Kühlen Grunde von hinten anging, mit einem Messer bedrohte und zu sexuellen Praktiken nötigte. Er drohte dem Kind mit Tötung, falls es nicht das täte, was er verlangte."

Acht Monate später dann seine zweite Tat, diesmal überfiel der Unbekannte eine 44 Jahre alte Frau, die ihn wie folgt beschrieb: "Deutscher, ca. 20 - 30 Jahre alt, schlank, dunkelbraune Haare, Meckifrisur, hinten länger, Ponyfransen im Gesicht, eventuell braune Augen und ruhig." Mit Hilfe der Frau entstand das erste der sieben Phantombilder, die im Internet zu sehen sind. Sieben Gesichter mit Schnauzer und Kurzhaarfrisur.

Der Mann war nach den ersten beiden Taten offenbar auf den Geschmack gekommen, er ging nun häufiger auf die Jagd. Meist suchte er sich seine Opfer abends oder nachts in entlegenen Wohngebieten, näherte sich von hinten und zwang sie in ein Gebüsch. Manchmal fesselte er sie mit Kabelbindern, damit sie sich nicht wehren konnten.

Nachdem er sich anfangs vor allem in Sprockhövel und in den benachbarten Städten Witten und Hattingen herumgetrieben hatte, schlug er ab 1997 häufig in Bochum zu, das erste Mal in der Nähe der Universität. Die Ermittlungskommission Messer spekulierte, dass der Täter umgezogen sein könnte, weg von Sprockhövel, näher Richtung Bochum. Sie versuchten dann, zum ersten Mal, ihn mit einem Massen-Gentest zu überführen: 1000 Männer, die sich zwischen 1994 und 1997 aus Sprockhövel abgemeldet hatten, gaben Speichelproben ab - der Täter war nicht dabei.

Dann machte das Phantom eine Entdeckung: das sogenannte Laerholzwäldchen in der Nähe eines Studentenwohnheims. Es sollte sein bevorzugtes Jagdrevier werden.

Kriminaloberrätin Stein ist oft im Laerholzwäldchen gewesen, um Kollegen die Tatorte zu zeigen, möglich, dass sie sich dort nun besser auskennt als der Vergewaltiger. Das Gehölz verbindet den Campus und die U-Bahn-Haltestelle Ruhr-Universität mit Wohnheimen und Einfamilienhäusern. Tagsüber sind hier viele Menschen unterwegs, aber ab 18 Uhr begegnet man nur noch vereinzelt Fußgängern, das Wäldchen wird zu einem einsamen, düsteren Ort mit vielen Möglichkeiten, sich zu verstecken.

"Wir gehen den Weg, den die Opfer gegangen sind", sagt Andrea Stein und biegt in einen Pfad ein, eine Abkürzung, die durch eine dämmrige Landschaft aus hohen Bäumen führt. Der trüb beleuchtete Hauptweg ist von hier kaum noch zu erkennen. Als die jungen Frauen auf den Täter trafen, war es Nacht.

Auf dem Campus der Ruhr-Uni brach damals Panik aus unter den Studentinnen. Andrea Stein organisierte eine Informationsveranstaltung und forderte die Frauen auf, nachts Fahrgemeinschaften zu gründen. Gleichzeitig setzte sie Polizistinnen ein; die liefen als Lockvögel durchs Universitätsviertel.

Bis zu 50 Polizeibeamte waren an manchen Tagen rund um die Hochschule unterwegs und kontrollierten alle Männer, die ihnen verdächtig vorkamen. Einmal entdeckten sie auf einem Parkplatz einen Kerl in einem Gummianzug mit zusammengebundenen Füßen. Ein Fetischist, aber der Täter war er nicht.

Ende des Jahres 2002 hörte es auf. Im Oktober versuchte das Phantom noch, eine Studentin am Rande des Laerholzwäldchens zu vergewaltigen. Die junge Frau rammte ihm ein Knie zwischen die Beine und rannte; die Flucht gelang. Zwei Monate später, am 1. Dezember 2002, probierte der Serientäter es bei einer weiteren Studentin, dieses Mal in einem anderen Stadtteil. Aber auch sie wehrte sich erfolgreich. Beschloss er daraufhin aufzuhören? Was geschah danach?

Die EK Messer ermittelte noch drei Jahre lang. Stein ließ einen Geo-Profiler von Scotland Yard einfliegen, der anhand der verschiedenen Tatorte eingrenzen sollte, wo der Täter herkommen und wo er zuletzt gelebt haben könnte. Der Experte kam zu dem Schluss, dass grundsätzlich alle Männer verdächtig waren, die zwischen 1962 und 1977 geboren worden waren und ab 1968 in Sprockhövel und/oder ab 1995 im Universitätsviertel von Bochum gelebt hatten.

Stein leitete daraufhin einen zweiten Massen-Gentest in die Wege, einen der größten in der bundesdeutschen Geschichte. Wer dem Geo-Profil entsprach, sollte eine Speichelprobe abgeben. Es konnten nicht alle Männer ermittelt werden, gerade von den Studenten waren viele schon wieder weggezogen. Einige weigerten sich auch, ihre DNA abzugeben. Insgesamt testete die Polizei mehr als 10 000 Männer. Erfolglos.

Im Polizeipräsidium Bochum gibt es noch einen Sachbearbeiter, der für den Fall zuständig ist. Er nimmt die Hinweise entgegen, die weiter regelmäßig eingehen. Vor einigen Monaten meldete sich ein ehemaliger Mitarbeiter der Universität. Er habe seinen Schrank ausgeräumt und einen Studentenausweis entdeckt, den er damals auf dem Campus gefunden hatte. Ob der Ausweis vielleicht dem Täter gehöre? Der Sachbearbeiter überprüfte den Inhaber - Fehlanzeige.

Sollte der Serienvergewaltiger tatsächlich irgendwann gefasst werden, wird es das Gericht wegen der DNA-Spuren nicht schwer haben, ihm die Taten nachzuweisen. Doch die Zeit drängt. Vergewaltigung verjährt nach 20 Jahren. Für die erste Tat würde das Phantom in zwei Jahren nicht mehr bestraft werden.

Und in zehn Jahren könnte ihm keiner mehr was.


UniSPIEGEL 1/2012
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