13.02.2012

Dramen / „Shame“, „In the Land of Blood and Honey“Verzweifeltes Begehren

Steve McQueen zeigt in „Shame“ den Sex als Fluch, in Angelina Jolies Regie-Debüt bedeutet Sex: Flucht. Beide Werke sind zutiefst romantisch.
Der New Yorker Werbefachmann Brandon (Michael Fassbender) hat in einer Bar gerade eine junge Frau aufgelesen, in einer dunklen Seitenstraße haben die beiden hastigen Sex. Als Brandon zurück in sein Apartment kommt, klappt er seinen Laptop auf und schaut sich Pornos an. Er geht unter die Dusche und masturbiert. Der Sex hat ihn im Griff, lässt ihm nur kurze Pausen zum Essen, Trinken, Arbeiten, zum Leben.
Die Bosnierin Ajla (Zana Marjanovic) ist in einem serbischen Kriegsgefangenenlager interniert. Die anderen Frauen in ihrer Zelle werden von den Wächtern regelmäßig vergewaltigt. Ajla nicht, denn sie ist die Geliebte des Kommandanten Danijel (Goran Krostic). Als die beiden das erste Mal miteinander schlafen, erkunden sie ihre Körper sanft und zart. Der Sex gibt ihnen kurze Pausen von dem Gemetzel um sie herum.
Der New Yorker Künstler und Regisseur Steve McQueen erzählt in seinem neuen Film "Shame" (Start: 1. März) von einem Mann, der seiner Sucht nach Sex hilflos ausgeliefert ist. Die Schauspielerin und Uno-Botschafterin Angelina Jolie zeigt in ihrem Spielfilm-Regiedebüt "In the Land of Blood and Honey" (Start: 23. Februar) ein Liebespaar im Bosnien-Krieg der neunziger Jahre, für das Sex der einzige Fluchtweg ist.
McQueen beginnt seinen Film in der New Yorker U-Bahn. Brandon fährt zur Arbeit und beobachtet eine junge Frau. Sie weicht seinem Blick zunächst aus, dann lässt sie sich auf das Spiel ein, schlägt die Beine übereinander, genießt es, wie er sie mit Blicken abtastet. Es ist ein ziemlich intensiver körperloser Sex, der sich hier in der Öffentlichkeit abspielt. Als die Frau den Waggon verlässt, stürzt Brandon hinter ihr her, sieht sich fast panisch nach ihr um. Zu spät, die Beute ist entronnen.
Jolie beginnt ihren Film bei einem Tanzabend im friedlichen Bosnien-Herzegowina, Ajla und Danijel liebkosen sich eng umschlungen. Da erschüttern schwere Detonationen den Ballsaal, das Bild wird schwarz, einzelne Schlaglichter zeigen Tote und Verwundete. Der Akt der Gewalt hat Ajla und Danijel jäh auseinandergerissen, es ist der Beginn eines grausamen Kriegs, den die beiden nur überleben können, wenn sie sich mit aller Kraft aneinanderklammern.
Jolie geht von dem schönen Gedanken aus, dass Liebe stark ist, vielleicht sogar stärker als Hass, und zeigt dann ein tapferes, aber letztlich aussichtsloses Rückzugsgefecht. Ajla ist Muslimin, Danijel ist Serbe, ihr Liebesspiel wird aggressiver, je länger die Kämpfe andauern und je mehr Opfer sie fordern. Es wird selbst ein Gefecht, in dem es um Machtgewinn geht, in dem verdeckte Angriffe geführt werden und in dem es am Ende nur Verlierer geben kann.
McQueen will herausfinden, was den Sex, wenn er zum Fluch wird wie für Brandon, aufhalten kann. Als Brandon eine Arbeitskollegin zu einem Date einlädt, ist alles neu für ihn, das Flirten, das Vorspiel. Sie reden, trinken, lachen, es ist ein sehr entspannter Abend, doch als sie versuchen, miteinander zu schlafen, ist er plötzlich nicht dazu in der Lage. Er kann nicht dagegen an, dass er etwas für diese Frau empfindet. Die Gefühle, legt McQueen nahe, können stärker sein als der Sex.
So sind "Shame" und "In the Land of Blood and Honey" zwei zutiefst romantische Filme, die beide von einem verzweifelten Begehren handeln, von der Sehnsucht nach Liebe und nach Freiheit. Sie erzählen von dem Wunsch, beim Sex eine Nähe zu einem anderen Menschen zu spüren, die man anders nicht finden kann, weil entweder die Außenwelt oder das eigene Innere es nicht zulässt.
Von Lars-Olav Beier

UniSPIEGEL 1/2012
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