07.04.2012

„Das ist ja kein Todesurteil“

Der Biologiestudent Bastian Greshake hat sein Erbgut nach Krankheitsrisiken durchforsten lassen. Nun weiß er, dass ihn Prostatakrebs ereilen könnte, wenn er 50 ist.
Greshake, 27, speiste sein DNA-Profil in ein Internetportal namens »openSNP« ein, das er an der Uni Münster selbst entwickelt hat, gemeinsam mit zwei Kommilitonen. Die Web site steht jedem offen, der seine DNA testen lassen möchte – sofern er sie schon hat entschlüsseln lassen.
Sie wissen, dass Sie möglicherweise irgendwann an Prostatakrebs erkranken. Wie geht es Ihnen heute?
Gut! Da mache ich mir keine großen Sorgen. Ich kenne jetzt eben meine Risiken sehr genau: Mit 30-prozentiger Wahrscheinlichkeit kriege ich mit 50 Prostatakrebs. Darauf kann ich reagieren, indem ich die Vorsorgeuntersuchungen entsprechend ernst nehme. Dann würde die Krankheit früh entdeckt und behandelt werden.
Verfolgt Sie jetzt nicht dauernd der Gedanke: "Ich krieg Krebs, ich krieg Krebs"?
Nein, gar nicht. Das ist ja kein absolutes Todesurteil in meiner DNA, sondern nur ein erhöhtes Risiko. Etwa doppelt so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung. Ich finde das nicht so schlimm, weil die Krankheit gut zu behandeln ist. Problematischer wird's bei Diagnosen wie Alzheimer oder Parkinson. Die sind unheilbar.
Das hätte bei Ihnen aber auch herauskommen können. Was hätten Sie dann gemacht?
Das ist eine schwierige Frage. Ich vermute, ich hätte mich erst einmal nach Vorsorgemaßnahmen erkundigt. Wie kann ich meinen Lebenswandel anpassen, um beispielsweise Alzheimer vorzubeugen? Vielleicht würde ich an Studien teilnehmen, um die Forschung voranzubringen. Und ich würde mir immer wieder sagen, dass ich die Krankheit ja nicht wirklich bekommen muss. Im Fall von Alzheimer kann man aus den Genen im schlimmsten Fall ein Risiko von 14 Prozent herauslesen, das ist doppelt so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung.
Ihr Portal verspricht vor allem "Hilfestellung beim Umgang mit Testergebnissen". Schicken Sie bei schlimmen Diagnosen einen professionellen Tröster?
Nein, wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Bei uns kann man umsonst seine DNA-Ergebnisse und Prognosen noch einmal wissenschaftlich abgleichen …
… sehr tröstlich.
Außerdem können sich die Betroffenen untereinander austauschen. Neulich gab's zum Beispiel eine Diskussion über die besten Sportarten gegen Fettleibigkeit - von Leuten, die aufgrund ihrer Gene mal richtig dick werden könnten.
Sie haben Ihr Erbgut auf "openSNP" nun für jedermann zugänglich gemacht. Haben Sie keine Angst, dass Ihre Krankenversicherung dar-in herumschnüffelt und Ihnen dann bestimmte Leistungen verweigert?
In Deutschland verbietet das Gendiagnostik-Gesetz, dass man wegen seines Genmaterials diskriminiert wird, egal ob bei der Versicherung oder im Job. Bislang ist die Methode auch noch viel zu ungenau, um für Versicherungen interessant zu sein. Aber in Zukunft besteht schon die Gefahr, dass genau die Leute mit dem höchsten Krankheitsrisiko ohne Versicherung dastehen, gerade in Ländern ohne Versicherungspflicht wie in den USA.
Dann müssten Sie doch eigentlich den Leuten abraten, ihr Erbgut analysieren zu lassen!
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Man sollte sich vorher halt gut überlegen, ob man eine negative Diagnose verdrängen oder produktiv mit ihr umgehen kann, zur Not auch mit einem Arzt oder einem "genetic counselor". Das ist eine Art Gen-Berater, der den Leuten in amerikanischen Krankenhäusern die Ergebnisse ihrer Gentests beibringt.
Und der sagt dann einer 20-jährigen Studentin auf ganz besonders einfühlsame Weise: "Sorry, mit 50 sind Sie tot"?
So ein Fall ist mir nicht bekannt. Derart präzise Aussagen können DNA-Untersuchungen gar nicht treffen.
Wie aufgeregt waren Sie, als Sie Ihr Ergebnis aus dem Rechner zogen?
Ziemlich aufgeregt. Das ist ja Forschung am eigenen Körper. Ich wollte meine Rohdaten haben, um daraus selber Rückschlüsse zu ziehen. Zum Beispiel auch auf die Krankheitsrisiken meiner Eltern. Die ergaben, dass auch mein Vater ein erhöhtes Prostatakrebsrisiko hat. Er ist sofort zur Vorsorge gegangen, und die Ärzte haben tatsächlich einen kleinen Tumor gefunden. In ein paar Wochen wird er operiert.
Von Carolin Wahnbaeck

UniSPIEGEL 2/2012
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