21.05.2012

Flucht von der Insel

Bis vor kurzem gehörten Briten zu den Exoten an deutschen Unis. Doch nun zieht es Tausende zur Billigkonkurrenz auf dem Kontinent.
Svenja Rausch kennt den Andrang schon. Gerade hat sie ihren Stand auf einer Berufs- und Ausbildungsmesse in der University of Birmingham aufgebaut, schon ist sie von Studenten umringt. Die 29-Jährige hat ja auch ein attraktives Produkt anzubieten. Sie arbeitet für den Deutschen Akademischen Austausch-Dienst (DAAD) und rührt die Werbetrommel für ein Studium in Deutschland.
Ob man Deutsch können müsse, um in Deutschland zu studieren, fragen die Studenten, die an ihrem Stand stehen. Nein, antwortet Svenja, zehn Prozent der Master-Studiengänge würden auf Englisch unterrichtet. Und wie es um Stipendien und um Studiengebühren bestellt sei? Gebühren gebe es fast keine, sagt sie. "Das ist zu schön, um wahr zu sein", sagt eine Studentin und verstaut die Broschüren aus Deutschland in ihrer Tasche.
Für englische Studienbewerber erscheint es mittlerweile unvorstellbar, dass ein Studium gratis ist. Die Gebühren in England wurden zuletzt stark erhöht, in vielen Fällen um das Dreifache. Schon ein Bachelor-Studium kostet einen bis zu fünfstelligen Euro-Betrag im Jahr. Deshalb ziehen viele junge Engländer nun zur Billigkonkurrenz ins europäische Ausland. Die Massenflucht endet besonders häufig in Deutschland, denn günstiger ist ein Studium fast nirgendwo zu haben.
14 Bundesländer verlangen ab dem Herbst gar keine Gebühren mehr, nur Bayern und Niedersachsen wollen rund 500 Euro pro Semester. Damit haben die deutschen Hochschulen weltweit fast ein Alleinstellungsmerkmal, wie eine Hochschulberatungsfirma aus Kanada in einer Studie festhielt. Die Experten untersuchten 40 Länder. Generell seien Hochschulen weltweit zunehmend gezwungen, sich durch hohe Gebühren statt staatliche Hilfen zu finanzieren.
Bei der Messe in Birmingham scheint sich bereits eine Neuordnung der europäischen Hochschullandschaft abzuzeichnen: Viele Stände der britischen Unis sind verwaist, bei der billigen EU-Konkurrenz drängen sich die Studenten. Die größte Begeisterung ruft Svenja mit ihrem Stand hervor. Der Leiter der Londoner DAAD-Außenstelle geht von einem "Anstieg im dreistelligen Bereich" aus, seine Mitarbeiter könnten die vielen Anfragen an manchen Tagen kaum noch bewältigen. Die Begeisterung für den deutschen Nachbarn ist noch ungewohnt für die englischen Hochschulexperten. "Vor ein paar Jahren traf man in Deutschland doch eher einen mongolischen Studenten als einen britischen", sagt zum Beispiel Mark Huntington, Chef der britischen Consulting-Firma AStarFuture, die Briten beim Auslandsstudium hilft.
Attraktiv ist Deutschland aber nicht nur, weil das Studium gar nichts oder nur sehr wenig kostet. Auch das große englischsprachige Angebot sorgt auf der Insel für Begeisterung. Laut Edwin van Rest, Chef des europäischen Studienportals "StudyPortals", ist "in keinem anderen europäischen Land die Anzahl der englischsprachigen Master-Kurse in den letzten zwei Jahren so stark gestiegen wie in Deutschland". Marktführer sind momentan die Niederlande - aber wie lange noch? Inzwischen gibt es in Deutschland rund 650 Kurse, von "design" über "economics" bis "forestry".
Besonders in den Naturwissenschaften finden sich viele englischsprachige Angebote; britische Experten berichten von einem deutlich wachsenden Interesse auch an technischen Studiengängen. Und was für Briten nicht teuer ist, ist für andere Studienbewerber ebenfalls billig und damit attraktiv. "Auch Studenten aus China oder Indien, die einen englischen Bachelor gemacht haben, werden nun vermutlich in anderen Ländern nach Master-Kursen suchen", sagt Chris Phillips, Veranstalter von Studiengangsmessen.
Manche deutsche Hochschule freut sich bereits über den möglichen Ansturm aus aller Welt. "Wenn das Interesse an Großbritannien abnimmt, könnte die Anzahl ausländischer Studierender hierzulande weiter steigen", sagt Herbert Grieshop, geschäftsführender Direktor des Center for International Cooperation der Freien Universität Berlin, die sieben Büros im Ausland unterhält, um für ihr Angebot zu werben.
DAAD-Mitarbeiterin Svenja merkt, dass sich auch viele junge Menschen aus anderen Ländern, die in England studieren, für einen Wechsel nach Deutschland begeistern. Kurz nach Eröffnung ihres Stands stehen Sonja aus Hongkong und Gillian aus Malaysia vor ihr. In England wollten sie klug werden, nicht arm, klagen sie und freuen sich über die Alternative. Für den Master aus England aufs Festland zu wechseln, sagt Sonja, habe noch einen weiteren Vorteil: "In Deutschland ist das Wetter besser als in England."
Von Rick Noack

UniSPIEGEL 3/2012
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