21.05.2012

Auswahl im Kreißsaal

Von Popp, Maximilian

Akademikerkinder sind an den Unis stark überrepräsentiert. Grünen-Chef Cem Özdemir fordert daher Förderprogramme für Studenten aus Arbeiter- und Migrantenfamilien. Sein Ziel: der Campus als Querschnitt der Bevölkerung.

Herr Özdemir, Sie sind in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, haben Abitur gemacht, studiert und wurden der erste türkischstämmige Bundestagsabgeordnete. Trotzdem behaupten Sie, Deutschland sei ein "ungerechtes Land". Warum?

In Deutschland reproduziert sich der Status der Eltern. 71 Prozent der Kinder von Akademikern schaffen es an eine Universität, aber nur 24 Prozent der Kinder von Nicht-Akademikern. Das hat nichts mit Begabung oder Intelligenz zu tun. Es ist ein soziales Problem. Jugendliche aus sozial schwachem Umfeld erfahren nicht die Unterstützung, die sie brauchen.

Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren sogar verschlechtert. Während der Anteil von Akademikerkindern an den Unis rasant stieg, sank er seit 1982 bei Arbeiterkindern von 23 auf 15 Prozent.

Das lag sicher auch an der Einführung von Studiengebühren. Finanzielle Sorgen schreckten viele junge Erwachsene aus ärmeren Familien vom Studium ab. Und Stipendien richten sich an die Besten, nicht an Bedürftige.

Wo fängt die soziale Selektion an? Erst beim Übergang auf die Hochschulen?

Die Auswahl beginnt schon im Kreißsaal. Migranten- und Arbeiterkinder bekommen, auch bei gleicher Begabung, seltener eine Empfehlung fürs Gymnasium als Kinder deutscher oder reicher Eltern. Sie schaffen es seltener an die Hochschule. Bei der Jobsuche werden sie benachteiligt. Als ich als Schüler angab, aufs Gymnasium wechseln zu wollen, hat die ganze Klasse schallend gelacht, einschließlich des Lehrers. Diesen Moment werde ich nie vergessen.

Was kann die Politik tun, damit es im deutschen Bildungswesen gerechter zugeht?

Wir müssen die Kinder früher fördern durch frühkindliche Betreuung. Wir müssen sie länger fördern durch Ganztagsschulen. Und wir müssen sie effektiver fördern durch individuelle Lernangebote. Kurzum: Wir müssen alles dafür tun, dass Nachteile, die durch Herkunft entstehen, ausgeglichen werden.

Schließt das längeres gemeinsames Lernen mit ein? In Hamburg sind die Grünen mit dem Versuch, das Gymnasium abzuschaffen, spektakulär gescheitert.

Wir haben aus den Fehlern von Hamburg gelernt. Am Anfang muss eine Debatte über die Qualität der Schulen stehen, nicht über die Struktur. Gegen die Eltern, gegen das pädagogische Personal und gegen die Jugendlichen ist eine Bildungsreform nicht durchzusetzen.

Früher wurden Studienplätze durch die ZVS vergeben, heute suchen sich die Hochschulen ihre Studenten meistens selbst aus. Wird das System dadurch fairer?

Nur wenn wir dafür sorgen, dass insgesamt mehr Studienplätze zur Verfügung gestellt werden. Wir müssen den Unis mehr Mittel zur Verfügung stellen. Ansonsten können sie lediglich den Mangel verwalten.

Würde es helfen, Unis die Aufnahme einer Mindestzahl an Arbeiter- und Migrantenkindern vorzuschreiben?

Die Grünen haben mit der Frauenquote in der Politik gute Erfahrungen gemacht. Migranten- und Arbeiterkinderquoten an Universitäten stelle ich mir aber schwierig vor. Spezielle Förderprogramme, die die Herkunft der Studenten berücksichtigen, würde ich mir hingegen wünschen. Im Idealfall sollte der Campus einen Querschnitt der Bevölkerung darstellen mit Studenten aus allen Schichten.


UniSPIEGEL 3/2012
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