Die Kolumne
Vorglühen und Konterbiere
Die Kolumne
Kürzlich verschickte die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) eine Pressemitteilung, nach deren Lektüre die meisten Akademiker eine Neubewertung ihres Studentenlebens vornehmen mussten. Vorher dachten viele, der damalige Alkoholkonsum sei okay gewesen. Nun wissen sie, dass sie "Risikotrinker" waren und fast nur mit Menschen verkehrten, die ebenfalls Schindluder mit ihrem Körper trieben. Die DHS schrieb nämlich, dass ein Mann neuesten Erkenntnissen zufolge schon "riskant" trinke, wenn er etwas mehr als durchschnittlich 0,5 Liter Bier pro Tag zu sich nehme (für Frauen gilt die Hälfte). Viele Akademiker müssen nun einräumen, dass sie sich damals fast immer in diese Kategorie vorpichelten. Das lag auch daran, dass der Durchschnitt durch regelmäßiges "Binge Drinking" nach oben getrieben wurde, das in den Medien gern mit "Komasaufen" übersetzt und mit Fotos von Krankenhauseingängen illustriert wird. Binge Drinking sollte nach Auffassung der DHS "aufgrund der akuten Gefährdung unterbleiben" und beginne der aktuellen Definition zufolge bereits dann, wenn ein Mann "fünf Gläser bei einer Trinkepisode, das heißt etwa 1,25 Liter Bier oder etwa 0,6 Liter Wein", konsumiere (für Frauen gilt wieder die Hälfte). Bei fünf kleinen Gläsern handelt es sich mithin um eine Menge, die frühere Studentengenerationen schon während des "Vorglühens" am Samstagabend übertrafen, übrigens ohne ins Koma zu fallen. Wenn es hart auf hart kam, hatten viele dann am Sonntag einen Kater und tranken direkt nach dem Aufstehen ein großes "Konterbier". Derlei Verhalten ist laut der DHS das stärkste Indiz für eine Alkoholsucht. So gesehen muss man froh sein, dass heutige Hochschüler wegen des starken Leistungsdrucks gar keine Zeit mehr haben, so riskant zu trinken wie ihre Vorgänger. Studenten sitzen 2012 ja nur noch am Schreibtisch und trinken Wasser. Soll noch einer sagen, früher sei alles besser gewesen.
UniSPIEGEL 3/2012
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