21.05.2012

Die Männer auf dem Rücksitz

Von Scheidt, Paula

Ein Medizinstudent will in Italien Urlaub machen und nimmt zwei Nordafrikaner im Auto mit. Er ahnt nicht, dass man sich damit seine Karriere ruinieren kann.

An einem Morgen im September 2010 sitzt der Medizinstudent Sebastian M. in der Universitätsbibliothek Regensburg und freut sich auf seinen Urlaub. Seit Monaten lernt der 29-Jährige für das zweite Staatsexamen, zehn Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Er braucht eine Pause, dringend. Mit seinem Freund Andrej S. will er für ein paar Tage nach Norditalien fahren, ein bisschen Kraft tanken für den Endspurt seines Studiums.

Alles ist vorbereitet: Die Unterbringung ist organisiert, das Reiseprogramm erarbeitet, ein Auto für die Anreise gemietet. Um Kosten zu sparen, haben die beiden im Internet zwei Plätze als Mitfahrgelegenheit ausgeschrieben. Das war ein Fehler.

Gegen Mittag vibriert Sebastians Handy auf dem Bibliothekstisch. Keine Nummer auf dem Display, nur das Wort "Anonym". Sebastian nimmt das Gespräch an. Der Anrufer nennt keinen Namen, spricht Englisch und sagt, er habe die Anzeige gelesen. Nicht er selbst wolle mitfahren, sondern sein Bruder und dessen Freund, von München bis Bozen. Ob das gehe? "Okay", sagt Sebastian.

Mit dem kurzen Handy-Gespräch beginnt eine Geschichte, die das Leben von Sebastian komplett durcheinanderbringt. Es geht in dieser Geschichte um Organisierte Kriminalität, um eine schwerfällige Justiz und darum, wie schnell man in eine Falle tappen kann, aus der man kaum noch herauskommt. Sebastian hätte diese Falle fast seine Karriere als Arzt gekostet.

Die beiden Männer, die der anonyme Anrufer ankündigt, erscheinen am Abreisetag wie besprochen kurz vor Mitternacht vorm Münchner Hauptbahnhof. Sebastian schätzt sie auf etwa 20 Jahre, sie sehen ordentlich aus, ihre Herkunft kann er nicht richtig einordnen. Bosnier vielleicht? Serben? Oder doch eher Nordafrikaner?

Die Männer sprechen weder Deutsch noch Englisch und haben nur wenig Gepäck dabei. Sie kämen aus Ungarn und wollten jemanden in Rom besuchen, machen sie Sebastian und Andrej klar. Sebastian sieht keinen Grund, misstrauisch zu werden. Die beiden Fremden setzen sich auf die Rückbank - und schlafen bald ein.

Die Fahrt führt auf der A 8 Richtung Süden. Ein paar Kilometer hinter der österreichisch-italienischen Grenze müssen Sebastian und Andrej anhalten, um Gebühren an der Mautstation Sterzing/Südtirol zu entrichten. Eigentlich geht so etwas ganz schnell. In dieser Nacht sind aber Polizisten an der Station, um Passkontrollen zu machen.

Die beiden Männer auf der Rückbank sind wach geworden und wirken plötzlich nervös. Sie tuscheln kurz miteinander und reichen dann mit zitternden Händen zwei Ausweise nach vorn. Plötzlich geht alles ganz schnell: Die Polizisten brüllen "Documento", "illegale", "arrestare". Sebastians Knie werden weich. Er und sein Freund versuchen den Polizisten zu erklären, dass sie die Männer nicht kennen, dass sie nur eine Anzeige im Internet geschaltet haben, nicht mehr, nicht weniger. Aber die Polizisten geben keine Ruhe.

Sebastian und Andrej müssen das Auto verlassen, werden festgenommen und wissen nicht so genau, warum. Was wird ihnen vorgeworfen? Menschenhandel? Oder haben sie sich mit flüchtigen Kriminellen eingelassen? Wer sind die beiden, die da auf ihrem Rücksitz gesessen haben?

Mit ihrem Mietwagen müssen die beiden Regensburger einem Polizeibulli folgen, es geht zu einem Gefängnis in der Nähe der Mautstation. Dort werden sie von den beiden Mitfahrern getrennt und in eine Zelle gesperrt. Darin zwei Holzbänke, ein vergittertes Fenster und zwei alte Filzdecken gegen die Kälte. Andrej ritzt mit dem Autoschlüssel seine Initialen in die Wand. Die beiden jungen Männer wissen, dass sie diese Nacht nie vergessen werden.

Am nächsten Tag werden Sebastian und Andrej in einem vergitterten Gefangenentransporter nach Bozen zum Gericht gefahren. Bevor sie aussteigen dürfen, werden ihnen Handschellen angelegt. "Ich habe mich gefühlt wie ein Schwerverbrecher", erinnert sich Sebastian, "aber danach bekamen wir endlich Auskunft, worum es genau geht."

Vor dem Gerichtssaal erklärt ihnen ein Pflichtverteidiger ihre Lage: Sie hätten verbotenerweise zwei Flüchtlinge transportiert, einen Algerier und einen Marokkaner. Die beiden hätten Ungarn, wo sie erstmals registriert worden seien, nie in Richtung eines anderen EU-Staats verlassen dürfen, so schreibt es das europäische Asylrecht vor. Die Männer wollten aber unbedingt nach Italien, wo viele nordafrikanische Flüchtlinge leben. Sebastian und Andrej stünden jetzt unter Verdacht, Ausländer gesetzeswidrig quer durch Europa kutschiert zu haben, ergo Menschenschleuser zu sein. Alles spreche gegen sie: Sie hätten die Grenze ausgerechnet am Brenner überquert, einem klassischen Schleuserübergang; sie seien mitten in der Nacht gefahren, was typisch sei; und sie hätten einen Mietwagen gehabt, so wie alle Profis, die daran verdienen, Flüchtlinge in ihr Wunschland zu bringen.

"Sie haben schlechte Chancen" , bilanziert der Anwalt. Schleuser können für mehrere Jahre ins Gefängnis kommen. Sebastian sieht vor seinem inneren Auge alles zusammenklappen wie ein Kartenhaus: sein Staatsexamen, seine Zulassung als Arzt, seine berufliche Karriere. Er fleht den Anwalt an, alles Menschenmögliche zu tun. Und tatsächlich schafft es der Jurist, dass die beiden ohne Kaution vorerst wieder auf freien Fuß dürfen. Sie sollen sich zur Verfügung halten und würden dann frühzeitig darüber in Kenntnis gesetzt, wann es zur Verhandlung komme.

Der Prozess wird für den Januar 2011 angesetzt. Doch kurz vor dem ersten Verhandlungstag bekommt Sebastian eine Nachricht: Der Staatsanwalt habe nur wenig Zeit gehabt und müsse sich erst noch in die Sache einlesen. Nächster Termin: irgendwann im Sommer. Ein Umstand, der erhebliche Folgen für Sebastian hat.

Um eine Zulassung als Arzt zu bekommen, muss er einen Approbationsantrag ausfüllen und darin unter anderem folgenden Satz unterschreiben: "Hiermit erkläre ich, dass gegen mich kein gerichtliches Strafverfahren, staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren oder berufsrechtliches Verfahren anhängig ist." Eine Erklärung, für die Sebastian lügen müsste, jetzt sogar doppelt. Denn inzwischen ermitteln nicht nur die Italiener gegen ihn, auch die deutsche Grenzpolizei ist ihm auf den Fersen. Die glaubt nämlich, dass er und Andrej die beiden Nordfrikaner bereits von Ungarn nach Deutschland eingeschleust haben.

Sebastian muss in Regensburg zum Verhör erscheinen und lernt dort einiges über die Branche, der er angehören soll. Menschenschleuser, so heißt es, kassierten von einem Nordafrikaner etwa 7000 Euro, um ihn aus seinem Heimatland in das europäische Land seiner Wahl zu bringen. Um die Kosten möglichst gering zu halten, ist es für die Organisationen äußerst lukrativ, sich über Mitfahrzentralen Fahrer zu organisieren - und meistens klappt das auch gut. Sollte stimmen, was er da sage, habe er einfach ein bisschen Pech gehabt, geben ihm die Beamten beim Verhör zu verstehen.

Im Februar 2011 bekommt Sebastian die erste gute Nachricht seit Monaten: Das deutsche Ermittlungsverfahren wird eingestellt. Nicht, weil seine Unschuld bewiesen sei, sondern weil man ihm und Andrej nicht nachweisen könne, dass sie die beiden Afrikaner aus Ungarn nach Deutschland gebracht hätten. Jetzt muss noch die italienische Sache vom Tisch, doch ein Gerichtstermin im Juni wird erneut verschoben: Die Richterin müsse außerplanmäßig zu einer Fortbildung, heißt es.

Sebastian ist mit den Nerven am Ende. Was, wenn der Prozess in Italien sich immer weiter hinzieht? Er muss den Approbationsantrag endlich unterschreiben, seine Karriere als Arzt hängt davon ab. Er recherchiert im Internet, telefoniert mit unzähligen Anwälten, um herauszufinden, was passiert, wenn er das laufende Verfahren im Antrag erwähnt. Es gibt keine Rechtsprechung zu einem solchen Fall. Er solle sich bewerben, sagen die einen. Das könne schwerwiegende Nachteile für seine Karriere haben, sagen die anderen. Sebastian ist hin- und hergerissen - und arbeitet erst einmal als Postbote. Irgendwie muss er seine Miete bezahlen.

Im Juli bekommt er die Nachricht, dass die Gerichtsverhandlung in Italien nun im September 2011 stattfinden soll. Es sieht lange so aus, als ob das klappen würde. Doch dann wird die Sache wieder kurzfristig verschoben, weil ein neuer Staatsanwalt die Sache in Angriff nehmen soll, und der müsse sich ja auch erst einmal einlesen, heißt es. Sebastian M. wundert sich schon gar nicht mehr - und feiert nun zumindest in Sachen Approbation einen Durchbruch. Bei seinen Recherchen lernt er einen Juristen kennen, der einen guten Draht in die zuständige Behörde hat. Sebastian solle seine Unterlagen mit einer genauen Schilderung des Falls einreichen, man kümmere sich darum.

Plötzlich geht alles vergleichsweise schnell. Zwei Monate später kommt per Einschreiben die Approbation. Sebastian kann seit einem Jahr zum ersten Mal aufatmen. Nun kann er sich bei Krankenhäusern bewerben - und muss nur noch wegen der Gerichtsverhandlung in Italien zittern. Es droht ihm ja weiterhin eine Verurteilung.

Es vergehen weitere drei Monate, dann trifft plötzlich und unerwartet am 13. Dezember 2011, 15 Monate nach der Festnahme bei Sterzing, eine E-Mail des italienischen Anwalts ein: "Ich kann Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, dass Sie beide, nach einigem Hin und Her mit der Staatsanwältin, von den Ihnen zur Last gelegten Straftaten im Verfahren vor dem Landesgericht Bozen freigesprochen wurden, weil die Tat keine Straftat darstellt."

Inzwischen hat Sebastian einen Arbeitsvertrag als Anästhesist in einem Krankenhaus in Regensburg unterschrieben. Jetzt muss er sich nur noch mit seinem Anwalt einigen. Anfänglich hatte der Jurist 500 Euro pro Person veranschlagt. Jetzt hat er seine Meinung geändert. Er fordert nun 2500 Euro.

Die Männer auf dem Rücksitz


UniSPIEGEL 3/2012
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