09.07.2012

„Wir müssen weiterkämpfen“

Julie, die Schöne, Julie, die Kluge - eine 19-jährige Amerikanerin wird ge feiert als eine der „furchtlosesten Frauen der Welt“. Julie Zeilinger ist die Spitze einer vergessen geglaubten Bewegung: eine bekennende Feministin.
Ihre dunklen Haare glänzen, der Ausschnitt ist tief, die Sätze sind druckreif. Der Auftritt der jungen Frau, die den Feminismus wieder salonfähig machen will, ist von professioneller Präzision. Zu Interviewterminen erscheint Julie Zeilinger auf die Minute pünktlich und entschwindet dreißig Minuten später, ebenso pünktlich. An ihrer Seite: zwei PR-Managerinnen, die das Gespräch aufmerksam verfolgen.
Zeilinger ist im Hauptberuf Studentin am renommierten Barnard College in New York, im Nebenberuf: Weltverbesserin und Nachwuchsfeministin. Das amerikanische Magazin "Newsweek" wählte sie kürzlich neben Hillary Clinton, Angela Merkel und Angelina Jolie unter die "150 furchtlosesten Frauen der Welt". Die britische "Times" listet Zeilinger unter den "40 Bloggern von Bedeutung".
Regelmäßig schreibt Julie Zeilinger für die hippe amerikanische Online-Zeitung "Huffington Post". Die Studentin diskutiert vor laufenden Kameras mit Chelsea Clinton, Tochter der US-Außenministerin, ihre Vision des Feminismus. Eine Bloggerin schreibt hingerissen, die Revolution habe eine neue Führerin. Gerade hat Zeilinger ihr erstes Buch veröffentlicht, es heißt: "A Little F'd up. Why Feminism Is Not a Dirty Word", warum Feminismus kein Schimpfwort ist.
Im Mai hat Zeilinger ihr erstes Uni-Jahr abgeschlossen; in den Hauptfächern will sie sich später der Frauenforschung und den Menschenrechten widmen. Jetzt sind offiziell erst einmal Ferien. In Wahrheit nutzt sie die freie Zeit, um für ihr Buch zu werben. Die Studentin geht in TV-Talkshows, stellt sich Radio-Interviews und hält Lesungen in Buchläden. Daneben gibt es den besagten Blog von Bedeutung, er heißt "The FBomb". Da kann die Welt täglich nachlesen, warum der Feminismus noch längst nicht ausgedient hat.
Hat er nicht? Wo doch Frauen wie Angela Merkel Staaten lenken, eine Christine Lagarde dem Internationalen Währungsfonds vorsteht? Wo an vielen Unis in den westlichen Ländern mehr als die Hälfte der Studenten weiblich ist? Wie kommt eine 19-jährige Amerikanerin dazu, einer Bewegung neues Leben einhauchen zu wollen, die schon in den neunziger Jahren passé zu sein schien? Wer zu diesen Zeiten in Zeilingers Alter war und sich allen Ernstes mit Simone de Beauvoirs Standardwerk "Das andere Geschlecht" befasste, galt schon damals als ewiggestrig.
"Uns wird immer gesagt, dass die Zeit des Feminismus vorbei sei", sagt Zeilinger. Sie trägt ein violettes Satintop und schwarze Lackballerinas und antwortet immer gemessen, höflich. "Aber wir müssen weiterkämpfen, es gibt noch so viel zu tun."
Dann erklärt sie, was noch alles im Argen liegt. Der Körperwahn in Werbung und Medien, der junge Frauen unter Druck setze. Politiker in den vorwiegend christlich dominierten Vereinigten Staaten, die Abtreibungen und sogar Empfängnisverhütung verbieten wollen. Kulturen in anderen Teilen der Welt, die Mädchen zwangsverheirateten. Und generell: eine Welt, in der es an weiblichen Vorbildern immer noch mangele - zu wenig Hillary Clinton, große Politikerin, zu viel Kim Kardashian, Soap-Sternchen, eine Männergefallerin, kurz: Strapsmieze.
Dass da viel im Argen liegt, hat Julie Zeilinger schon als Teenager erkannt. Seitdem führt sie den Kampf für die Sache der Frauen im Internet. Ihren Blog besuchen im Monat mehr als 30 000 Menschen aus der ganzen Welt. Sie können dort lesen: Traktate gegen sexuelle Belästigung und Analysen darüber, warum Barbie-Puppen ein falsches Frauenbild vermitteln. Sie können dort auch mit Zeilinger darüber diskutieren, ob es okay ist, sich von einem Mann zum Essen einladen zu lassen, oder ob und unter welchen Umständen Frauen im Militär dienen sollten.
Und dann erklärt Zeilinger, warum sie mit solchem Eifer für die Bewegung kämpft. Der Feminismus, sagt sie, habe ein massives "PR-Problem". Viele Altersgenossen hätten Angst allein schon vor dem Wort "Feminismus". Weil der Mythos der fiesen, männerhassenden Frauenrechtlerin weiterlebe.
Zwar gibt es in den USA nicht die eine Ikone wie in Deutschland Alice Schwarzer, die einem sofort in den Sinn kommt, wenn man an Feminismus denkt. Es ist aber so, dass in der amerikanischen Intelligenz Feministinnen ganz und gar nicht verpönt sind, im Gegenteil, wichtige Beiträge zur Geschlechtertheorie stammen aus den USA. Aber das Intellektuellenmilieu ist dort ein weitgehend elitärer Zirkel mit geringem Hebel in die Mitte der Gesellschaft.
Zeilinger ist der Hebel. Sie ist das All American Girl, keine Wissenschaftlerin mit Gendertheorien, die wahnsinnig klug sein mögen, aber nicht ankommen bei Leuten, die sich über Michelle Obamas Outfit beim letzten Empfang unterhalten - zu kurz der Rock?, zu eng das Kleid? Die Studentin wirbt Fans in einem Umfeld, das Gefallen findet an Serien wie "Gossip Girl", wo die Mädels zwar ungeheuer selbstbewusst wirken, sich aber vor allem abstrampeln, um Mister Right zu finden.
Zeilinger ist die Rettung. Altersgenossinnen können sich mit ihr identifizieren, weil sie der Beweis ist, dass man Feministin sein und kurze Röcke tragen kann. Sie zeigt, dass man selbstbewusst seinen Standpunkt vertreten kann, ohne mit Manolo Blahniks über Kopfsteinpflaster stöckeln zu müssen. Frauen twittern, dass Julie sie inspiriere, und bitten um ein Autogramm.
Noch etwas verbindet Zeilinger mit vielen ihrer Fans: Ihr ging es eigentlich immer ganz gut, als Mädchen schon und dann als junge Frau. Sie wuchs in einer liberalen Familie in der Kleinstadt Pepper Pike, Ohio, auf, ihre Eltern haben ihr stets versichert, dass sie alles schaffen kann. Die systematische Diskriminierung des weiblichen Geschlechts kennt sie vor allem aus dem Geschichtsunterricht. Von häuslicher Gewalt hat sie bislang in der Zeitung gelesen oder im Radio gehört. Diskriminierung am Arbeitsplatz hat sie noch nicht erlebt.
Zeilinger ist also wider Erwarten zur Feministin geworden. Es geschah, berichtet sie, als sie 14 war - und extrem genervt. Genervt davon, dass ihre Mitschülerinnen in der Highschool vor allem versuchten, süß auszusehen, den Jungs zu gefallen. Genervt von sich selber, weil sie sich davor scheute, sich im Unterricht zu melden; sie fürchtete damals, die Jungs mit ihrer Schlauheit zu vergraulen. Genervt davon, dass junge Männer ihr auf Partys zugrölten, sie solle doch mal Bier servieren.
Es waren also nicht unbedingt die großen Ungerechtigkeiten, die aus Zeilinger eine Feministin gemacht haben, sondern vor allem die kleinen. Deren Allgegenwart hilft, dass sie eine bleibt, sogar nun in der Weltstadt New York. Denn dort kann die Studentin erleben, was sie aus der Provinz schon kennt: Bei Studentenpartys biedern sich auch in Brooklyn, Manhattan, Queens die Frauen den Männern an, wollen vor allem gefallen.
Bei aller Emanzipation, trotz Hillary Clinton und angesichts einer hohen Frauenerwerbsquote in den USA - eines blieb in den USA bis heute konstant: Die Ehe ist das Ideal, die prunkvolle Hochzeit ein großes Ziel im Leben, und deswegen heulen gestandene Führungsfrauen mit üppigem Jahressalär beim Junggesellinnenabschied ihrer Freundin, weil sie noch keinen Kerl abgekriegt haben. Und doch schon 30 sind!
Julie Zeilinger hat auch Feinde, und das Internet ist nicht nur eine Plattform für Fans. Da kotzen sich gelegentlich wütende oder, noch schlimmer, herablassende Gegner aus. Ein Mann postete unter einem Online-Interview mit ihr: "Dieser Feminismus ist ein wachsendes Problem. Schade, dass sie (Julie) ihr so tolles Talent nicht nutzt, um in einem sinnvolleren Bereich zu arbeiten." Ein anderer kommentierte: "Oh, Süße! Du bist so jung und so wütend. Du musst noch viel lernen über die richtigen Probleme in der Welt." Ein anderer Leser sieht Amerika in Gefahr: Feministinnen seien die schlimmste Bedrohung für das Land.
Von Kritik lässt die 19-Jährige sich eher nicht beirren. Zeilinger provoziert lieber selbst. Vor kurzem, erzählt sie in ihrem Blog, klebte sie sich einen großen Sticker auf ihren Laptop mit der Aufschrift: "So sieht eine Feministin aus". Sie setzte sich mit dem Rechner in ihr Lieblingscafé nahe der Uni und wartete ab. Viele verdrehten die Augen, eine Gruppe junger Männer starrte sie immer wieder unverhohlen an. Früher hätte sie so etwas geärgert, sagt Zeilinger. "Heute kümmert mich das einen Scheiß."
Von Laura Gitschier

UniSPIEGEL 4/2012
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