09.07.2012

Gefahr im Nirgendwo

Australien? Gut erschlossen, leicht zu bereisen, kaum Kriminalität. So denken zumindest viele Backpacker - und gehen große Risiken ein. Das kann sich rächen.
16 000 Kilometer weit fliegen. Einen Geländewagen mieten. Losfahren, immer weiter ins Landesinnere. Über staubtrockene Pisten, durch einsame Weiten. Rote Erde, knallige Hitze, flirrende Luft. Ab und zu ein Känguru am Straßenrand. Abends irgendwo anhalten in der Einsamkeit, ein Feuer entfachen, in den Sternenhimmel schauen, der nirgendwo phantastischer, klarer, tröstlicher blinkt als hier, auf der anderen Seite der Erde.
Ein Abenteuer, ein Traum, natürlich. Aber einer, der schneller zum Alptraum werden kann, als viele glauben. Kein anderes Land auf der Erde ist beliebter bei deutschen Weltenbummlern als Australien, und kaum ein anderes Land wird so falsch eingeschätzt.
Allein mit dem Working-Holiday-Visum reisten vergangenes Jahr mehr als 15 000 junge Frauen und Männer auf den kleinsten Kontinent, viele davon Studenten. Sie kommen, um in Sydney, Melbourne und Brisbane zu feiern, um Koalas und Kängurus zu sehen und das Outback zu entdecken. Das Geld für ihre Tour verdienen sie sich als Kellner oder Obstpflücker.
Viele, die nach Australien kommen, glauben, das Land auf der anderen Seite der Erde sei leicht zu bereisen, gut erschlossen und durch und durch friedlich. Angenehmer als Lateinamerika oder Teile Südostasiens, die ebenfalls beliebt sind bei deutschen Rucksacktouristen. Weitgehend bekannt ist etwa, dass in Australien die Schlangen mit den stärksten Giften leben. Doch die Gefahren, die von Menschen ausgehen, macht sich kaum jemand bewusst.
Australien-Reisende tun daher Dinge, die sie zu Hause oder anderswo nie wagen würden; per Anhalter fahren, sich von Wildfremden auf Drinks einladen lassen, Trips ins Hinterland unternehmen mit Menschen, die sie kaum kennen. Viele reisen durchs Land in dem Glauben, jeder Australier sei ihr "mate", ihr Kumpel. Ein Fehler, wie gerade in den vergangenen Monaten wieder deutlich wurde.
Raubüberfälle, Autoaufbrüche, Vergewaltigungen - laut Meldungen australischer Zeitungen suchte unlängst eine Welle von Verbrechen das Northern Territory heim, die Stadt Gold Coast sowie Touristenhochburgen wie Cairns und das Vergnügungsviertel Kings Cross in Sydney. Die Opfer: häufig ausländische Touristen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Sie sind dreimal mehr gefährdet als ältere Reisende, hat das New South Wales Bureau of Crime festgestellt. Junge Leute, die zum Studieren in Australien weilen, sind sogar viermal häufiger betroffen.
Wer vorhat, sich in Australien ein Auto zu mieten oder zu kaufen, sollte zudem wissen, dass in kaum einem anderen Land der Welt so viele Fahrzeuge gestohlen werden wie dort. Nach Vergleichsdaten der Vereinten Nationen wurden 2009 pro Kopf fast dreimal mehr Pkw geklaut als in Deutschland. Auch der Inhalt der Fahrzeuge lockt Kriminelle an - Diebe wissen, dass Touristen in der Regel viel Bargeld und Wertgegenstände wie Laptops und Kameras mitführen, und so kommt es gerade auf den beliebtesten Reiserouten zu Autoaufbrüchen.
Miriam Kühn, 22, ist eines der Opfer. Demnächst beginnt sie ihr Studium, Verlagswesen soll es sein. Mit einer Freundin flog sie vorigen Winter nach Australien. Die beiden Frauen mieteten zusammen mit zwei anderen Backpackern einen Van, um von Sydney aus die Ostküste hochzufahren. In Brisbane parkten sie nachts in einer Sackgasse, neben einer Grünanlage.
Morgens brachen die vier zu einer nahe gelegenen Lagune auf, sie wollten baden. Als sie nach etwa einer Stunde zurückkamen, war der Wagen aufgebrochen und leergeräumt. Miriam fehlten: ihre Kreditkarten, Handy, Kamera und eine externe Festplatte, auf der sie die Fotos ihrer Reise speichern wollte. Einer anderen Mitreisenden kam der Pass abhanden. Da die internationale Telefonnummer zur Sperrung der Kreditkarten von Australien aus nicht funktionierte, hatten die Diebe Zeit, eines der Konten leerzuräumen.
Im nächstgelegenen Konsulat zuckte man nur die Schultern: Das komme häufig vor, hieß es. Das Auswärtige Amt empfiehlt, Wertgegenstände niemals im Auto zurückzulassen.
"Wenn mir das allein passiert wäre, wäre ich sofort nach Hause geflogen", erzählt Miriam. Sie und ihre Freundin halfen sich gegenseitig mit Geld und Klamotten aus und setzten die Reise fort. Sie flogen nach Alice Springs, um den Ayers Rock zu besuchen. Das Wahrzeichen Australiens liegt nur viereinhalb Autostunden von Alice Springs entfernt.
Miriam erlebte die kleine Stadt im Outback - wie viele andere Reisende - als "unangenehm". Auf den Straßen halten sich viele bettelnde, betrunkene Aborigines auf, die in ihrer Heimat noch immer deutlich weniger Chancen auf ein gesichertes Leben haben als andere. "Die Stadt ist nachts gefährlich, besonders für Frauen", sagt ein Arzt des örtlichen Krankenhauses. Hohe Alkoholpegel führten zu Aggressionen und Gewalt, jeder dritte Patient werde in Folge von Alkoholmissbrauch in die Klinik eingeliefert.
Am 1. Mai machten zwei andere europäische Rucksacktouristinnen in Alice Springs Halt, eine der beiden eine Deutsche. Sie stellten ihr Auto in einer Straße ab und legten sich schlafen. Nachts drangen drei Männer in den Wagen ein und zwangen sie mit vorgehaltener Waffe zum Sex. In den Stunden zuvor hatten die Täter, minderjährige Aborigines, bereits ein Auto gestohlen und versucht, einen Taxifahrer zu überfallen. In derselben Nacht, in der die beiden Touristinnen in ihrem Auto vergewaltigt wurden, griffen in einer anderen Ecke der Kleinstadt vier Jugendliche einen 43-jährigen Deutschen an und raubten ihn aus.
Deshalb wird bereits seit Jahren davor gewarnt, die Straßen der Stadt im Dunkeln zu betreten. Selbst für kurze Strecken sollte man stets ein Taxi nehmen. Nach dem Sexualdelikt im Mai hat das Auswärtige Amt die Reiseinformationen auf seiner Internetseite aktualisiert und weist nun auf die besondere Situation in Alice Springs hin: "Insbesondere bei Dunkelheit", heißt es da, sei Vorsicht geboten. "Mit Wohnmobilen sollten nur bewachte Campingplätze angesteuert werden."
Auch das Outback ist nicht sicher. Dort gibt es manchmal im Umkreis von Hunderten Kilometern keine menschliche Siedlung. Und stundenlang - in manchen Regionen in Western Australia sogar tagelang - kommt einem kein anderes Auto entgegen.
Und bei der Hitze empfiehlt sich ein ausreichender Wasservorrat: Wer sich nicht gut vorbereitet, ist also im Outback ohnehin in Gefahr.
Hinzu kommt, dass immer mal wieder zwielichtige Gestalten durch die Wüste stromern, die Einsamkeit gezielt ausnutzen, um Menschen zu überfallen. So wie der Lkw-Fahrer Bradley John Murdoch. Er machte, so glauben die Behörden, Jagd auf Backpacker und erschoss den jungen Briten Peter Falconio; dafür wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.
Es ist daher ratsam, nicht sofort auszusteigen, wenn irgendwo im Nirgendwo jemand mit einem scheinbar kaputten Auto am Straßenrand steht - so hat Murdoch sein Opfer Falconio in die Falle gelockt. Besser erst mal nur das Fenster runterkurbeln, fragen, was los ist, und auch danach eher misstrauisch sein. Im Zweifel, heißt es, könne das Leben retten.
Von Sandra Pingel

UniSPIEGEL 4/2012
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