KOLUMNE / NETZWELT
Wirr im Kopf
Womöglich war es falsch, den Ulmer Universitätsprofessor Manfred Spitzer für seinen Bestseller "Digitale Demenz" zu schelten. Der Psychiater behauptet darin, dass Computer, Facebook und andere Werkzeuge der Moderne besonders jungen Menschen schaden. Wenn Schüler und Studenten sich die Welt nur noch zurechtgoogelten und herbeisurften, dann könnten sie sich bald nichts mehr merken und würden wirr im Kopf, hat Spitzer auch in Funk und Fernsehen gesagt. Viele Kritiker haben ihn dafür gescholten, zumal er fahrlässig mit Studien und Statistiken umging, die auch im Internet zu finden sind.
Man möchte diesen Schreibern zurufen: Seht ihr denn nicht die innere Logik? Könnte es nicht sein, dass Spitzer, obwohl nicht mehr jung, selbst durchs Googeln in die digitale Demenz rutschte und damit der beste Beweis für die Richtigkeit seiner These ist?
Dass der spitzersche Denkansatz so falsch vielleicht nicht ist, zeigen auch einige Ereignisse der vergangenen Wochen. Da wäre zum Beispiel das Schicksal von Julia Schramm, Mitglied im Bundesvorstand der Piraten. Bis vor kurzem war sie radikal für die Abschaffung des Urheberrechts, fand geistiges Eigentum "ekelhaft"; und wollte also alle Bücher, Filme und Musik kostenlos ins Internet stellen. Dann schrieb sie selbst ein Buch, wurde offenbar von der digitalen Demenz erwischt und hielt geistiges Eigentum, mithin auch die damit verbundenen Verdienstmöglichkeiten, plötzlich für toll. Wer es wagt, ihr Buch im Netz zum Gratis-Runterladen bereitzustellen, wird subito von ihrem Anwalt verklagt.
Mitleidig sollten wir auch auf all die jungen Menschen schauen, die kürzlich schon gegen 22 Uhr vor dem Apple Store aufschlugen, um morgens um neun zu den Ersten zu gehören, die das neue iPhone 5 kaufen durften. Gibt es einen deutlicheren Beweis für die Richtigkeit des Spitzer-Buchs als all diese jämmerlichen Gestalten, die ihr Nachtlager vor Einkaufszentren aufschlagen? Die es nicht erwarten können, ihr altes iPhone endlich gegen das neue einzutauschen, und die johlen vor Glück, wenn sie das Ding in den Händen halten? Das iPhone 5 unterscheidet sich vom Vorgängermodell übrigens in erster Linie dadurch, dass das Kopfhörerkabel nun unten eingestöpselt werden muss. Na gut, der Bildschirm ist auch einen Tick größer.
GUIDO KLEINHUBBERT
UniSPIEGEL 5/2012
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