15.10.2012

Dämon am Telefon

Franziska Wald arbeitet als Parapsychologin. Ihren Rat suchen Menschen, die Geister sehen oder Stimmen hören. Meist entlarvt sie die Spukereien aber als recht irdische Phänomene. Teil 10 der Serie über ungewöhnliche Berufe.
Franziska Wald las gerade ihre E-Mails, als da auf einmal ein Poltern in der Wand war, ein Fauchen, ein Rumsen. Etwas schien an diesem Sommertag plötzlich in den Steinen hinter ihrem Schreibtisch zu wüten, und es hörte sich an, als hegte es einen Groll gegen sie und ihre Büroarbeit.
Kündigte sich da nun doch die Rache von Lilith, Azazel oder dem ganzen anderen Dämonenpack an, das sie ja in gewisser Hinsicht immer wieder herausgefordert hatte bei ihrer Arbeit? Wütete da am Ende ein Geist im Gemäuer? Die Seele eines Verstorbenen? Uroma vielleicht?
Franziska Wald, zierlich, braunäugig und an diesem Nachmittag ganz allein in ihrem Acht-Quadratmeter-Büro, schauderte es zunächst. Dann jedoch erinnerte sich die 26-Jährige an einen gelben Zettel, der am Morgen an der Haustür hing und einen Handwerkerbesuch ankündigte: Es war, so folgerte sie, kein Dämon in der Wand, sondern der Schornsteinfeger; er stocherte wohl mit einem Besen im Rauchabzug herum.
Franziska Wald erzählt gern von dem Vorfall, er steht exemplarisch für ihre Arbeit als stellvertretende Leiterin der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg. Ständig werden sie und ihre fünf Kollegen mit Angsteinflößendem, zunächst Unerklärlichem konfrontiert, meistens findet sich jedoch bei genauerer Betrachtung sehr schnell eine eher irdische Erklärung.
Auf den ersten Blick wird die Beratungsstelle den Klischees gerecht, die es so gibt über Parapsychologen - Forscher also, die sich mit Geistererscheinungen oder Psi-Phänomenen beschäftigen und umstritten sind in der Wissenschaft. Die staatlich geförderte Einrichtung ist untergebracht in einer wuchtigen Villa, die innen dunkel vertäfelt ist und über ein Besprechungszimmer verfügt, das gut zu Edgar Allan Poe, dem wohl einflussreichsten Horrorschriftsteller aller Zeiten, gepasst hätte: Wände in Eiche düster, Bücherstapel auf dem Boden, staubige Büsten, ein altes Sofa.
Das Zimmer stimmt also auf jede Menge Spukiges und Schauriges ein, zumal Freiburg mit seinen Kopfsteinpflastergassen und mittelalterlichen Häusern eine prima Kulisse für eine Mystery-Serie abgäbe. Dann geht es im Gespräch mit Franziska Wald aber weniger ums Gruseln als um Menschen, die anderswo oft verlacht werden für das, was sie gesehen, gehört, erlebt haben wollen.
Etwa 3000 Meldungen über ungewöhnliche Vorfälle erreichten die Parapsychologen voriges Jahr, Tendenz schon lange steigend, aber nicht, weil mehr Dämonen um die Häuser zögen, sondern wohl in erster Linie wegen der Internetseite, die die Beratungsstelle betreibt.
Franziska Wald hat sich nie für Schauerliteratur oder Esoterik begeistern können, nur beim Gläserrücken hat sie mal mitgemacht, als Teenie. "Wenn im Fernsehen ein Gruselfilm läuft, schalte ich um oder greife mir einen Liebesroman", sagt sie. Was sie aber immer schon interessierte, war die verletzliche menschliche Seele. Sie studierte daher Psychologie und wurde nach einem Praktikum in der Beratungsstelle und dem anschließenden Diplom von deren Chef, Walter von Lucadou, eingestellt. Nun leistet sie genau das Gleiche, was ihre Berufskollegen in den therapeutischen Praxen tun: zuhören, einfühlen, Lösungen vorschlagen - meistens am Telefon, manchmal im Besprechungszimmer, immer kostenlos.
Sehr viele Menschen, die anrufen, beginnen mit dem Satz: "Bitte halten Sie mich nicht für verrückt." Anschließend geht es dann beispielsweise um Stimmen, die aus dem Nichts kommen, oder um Gestalten, die gegen Mitternacht plötzlich am Fußende des Betts auftauchen. "Das Wichtigste ist, dass sich die Leute ernst genommen fühlen", sagt Franziska Wald.
Von Berufs wegen tut sie Erscheinungen im Schlafzimmer erst einmal nicht als Hirngespinste ab; sie ahnt aber, dass es sich meist um sogenannte hypnagoge Zustände in der Phase zwischen Wachsein und Schlaf handelt: Da halluziniert sich manch ein Mensch gern mal die Silhouette eines Verblichenen in greifbare Nähe. Was die Stimmen angeht, kann es sich freilich um Schizophrenie handeln - aber auch um einen Teekessel oder Kochtopf, der Radiowellen überträgt. Kommt immer mal wieder vor und kann Leute zur Verzweiflung bringen. Franziska Wald bietet den Anrufern derlei Erklärungen an - und glaubt, dass sie und ihre Kollegen dem Gesundheitssystem damit Kosten ersparen. "Nicht jeder, der Stimmen hört, ist krank und braucht teure Medikamente", sagt sie.
Natürlich gibt es immer wieder auch Anrufer und Besucher mit psychischen Problemen, Menschen, die sich hineinsteigern in Phantasien von Dämonen oder dem Gehörnten persönlich. Die mit alten Musikkassetten kommen und darauf satanische Botschaften gehört haben wollen. Die Bilder auf dem Dachboden fanden und darauf Fratzenhaftes erkennen, das niemand sonst sehen kann. "Auch da muss man ruhig bleiben", sagt Franziska Wald. Zumal ihr eines in der Beratungsstelle klargeworden ist: "Viele brauchen einfach mal jemanden, der vorurteilsfrei zuhört. Das hilft denen schon." Sie glaubt daher, dass der Mensch eher etwas anderes fürchten sollte als Geister oder Gespenster: Einsamkeit.
Was ihr manchmal fehle bei ihrer Arbeit, sei die Zeit, sagt die Diplom-Psychologin. Zeit, sich genauer mit den Menschen zu beschäftigen, mit denen sie telefoniert oder die auf dem alten Sofa im Besprechungsraum sitzen, oft mit verängstigtem Blick und zittriger Stimme. Aber bei sechs Mitarbeitern, einer prekären finanziellen Ausstattung und 3000 Meldungen pro Jahr, da könne man sich ja ausrechnen, dass es oft schlicht nicht möglich sei, tiefer einzutauchen in die Fälle. Franziska Wald kann sich daher vorstellen, irgendwann in die "normale Psychotherapie" zu wechseln, sich intensiver mit den Menschen zu beschäftigen, länger mit ihnen zu reden. All die Geister zu besiegen, die sich nicht zu erkennen geben, sondern durch Köpfe spuken und durch Seelen. Sehr mächtige Geister. -
Von Guido Kleinhubbert

UniSPIEGEL 5/2012
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