15.10.2012

BILD- UND LESEBAND / BAHNEN ZIEHEN

Etüden einer Schwimmerin

Von Seidel-Hollaender, Gabriela

Badeanzug-Fotos und Skizzen von Pools schmücken ein kluges Buch über Sport und Kunst.

Schon vor der Schule absolviert die zehnjährige Leanne ihr Training, durchpflügt mit ihren Mannschaftskollegen Tag für Tag und Bahn für Bahn das Schwimmbecken. Trainingslager und Wettkämpfe beherrschen ihr Leben. Sie gehört zu den sehr Guten, nicht jedoch zu den Besten, weshalb es letztlich für die Olympischen Spiele nicht reicht. Aber beim Sport geht es nicht darum, die Spitze zu erreichen, sondern die Spitze erreichen zu wollen. Die Autorin Leanne Shapton, 39, war Leistungsschwimmerin und erinnert sich in ihrem Buch an die Zeit des harten Trainings ihrer Jugend.

Doch "Bahnen ziehen" ist mehr als die Autobiografie einer Sportlerin. Weil Leanne Shapton mehr ist als eine Sportlerin - die Kanadierin hat Kunst studiert und offeriert dem Leser mit Momentaufnahmen, Zeichnungen und Fotos eine avantgardistische Etüde über das Schwimmen. Dabei untersucht sie, wie die Erfahrung als Leistungssportlerin auch noch ihr Erwachsenenleben beeinflusst. Shapton findet Parallelen zwischen Sport und Kunst. Das stete Üben, die permanente Wiederholung rücken die Disziplinen in überraschend nahe Verwandtschaft.

Einem Impuls folgend hatte Shapton während des Studiums den von ihr bewunderten New Yorker Illustrator James McMullan angerufen. Er fand, sie könne gar nicht zeichnen, stellte sie aber trotzdem ein. Sie lernte, zeichnete weiter und wurde später Artdirector der Meinungsseite der "New York Times". In ihrem Buch widmet Shapton den Zeichnungen verschiedener Poolformen ein eigenes Kapitel, in einem weiteren skizziert sie Schwimmer, dann wieder beschreibt sie unter der Überschrift "14 Gerüche" diese so treffsicher, dass sie beim Leser eigene Erinnerungen heraufbeschwört ("Toilettenkabine in der Damenumkleide": Bleiche, Babypuder, milder Urin). Originell: die Fotos ihrer über Jahre gesammelten Badebekleidung. Die Modelle hat Shapton mit dem Datum und dem Ort des Erwerbs versehen sowie mit einer Notiz über die Art der Nutzung, "Wettkampf" oder "Freizeit". Die Badeanzüge erzählen etwas über den Geschmack der Autorin, über Zeit und Mode.

"Bahnen ziehen" ist ein Album von Erinnerungen und Eindrücken. Es durchzublättern fühlt sich an wie der Besuch einer Ausstellung. Ein kluges und sinnliches Kunstvergnügen, angesiedelt zwischen Autobiografie, Bild- und Leseband - nicht nur für Schwimmer.

GABRIELA SEIDEL-HOLLAENDER


UniSPIEGEL 5/2012
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