10.12.2012

"Ich werde kämpfen!"

In der Türkei sitzen derzeit mehr als 2800 Studierende im Gefängnis, die meisten aus politischen Gründen - die Justiz macht sich einen Anti-Terror-Paragrafen zunutze. Sevil Sevimli könnte die Einzige sein, die eine Chance auf Freiheit hat: Sie ist EU-Bürgerin.
Sevimli, 20, besitzt neben ihrem türkischen auch einen französischen Pass. Sie studiert in Lyon Kommunikationswissenschaften; an ihrer Uni ist sie nie negativ aufgefallen. Freunde beschreiben sie allerdings als "politisch interessiert". Das und wohl auch die Tatsache, dass sie zur kurdischen Minderheit gehört, könnte ihr nun zum Verhängnis werden. Im Mai wurde Sevimli während ihres Erasmus-Studiums in Eskişehir drei Monate in U-Haft gesperrt, jetzt ist sie wieder auf freiem Fuß, aber das Land darf sie noch immer nicht verlassen. Im südtürkischen Adana wartet sie nun bei ihren Großeltern auf den Fortgang des Prozesses.
UniSPIEGEL: Sevil, dir drohen bis zu 32 Jahre Haft. Was hast du getan?
Sevimli: Man wirft mir vor, ein Konzert besucht zu haben, bei dem allerdings auch 35000 weitere Fans waren. Außerdem kritisiert man, dass ich an einer Demo für Bildungsfreiheit teilgenommen und mich bei Internetzeitungen informiert habe. Angeblich sind die Seiten illegal, aber jeder kann sie aufrufen.
UniSPIEGEL: Wie lief deine Verhaftung ab?
Sevimli: Das war am 10. Mai, sechs Uhr morgens. Gut ein Dutzend Polizisten stürmt meine Wohnung, schmeißt meine Sachen durcheinander, meine Bücher, all das, sagen sie, zeige, dass ich Terroristin sei. Sie schleppen mich aufs Kommissariat, machen sich dort über mich lustig. Man sperrt mich ein, holt mich einen Tag später wieder raus, um mir Fragen zu stellen, und führt mich dann ohne Vorbereitung dem Staatsanwalt vor.
UniSPIEGEL: Danach hast du drei Monate in Untersuchungshaft verbracht. Wie war das?
Sevimli: Glücklicherweise war ich mit Leuten in einer Zelle, die ich vom Studium her kannte. So verging die Zeit eigentlich schnell. Ich habe viel gelesen, Briefe geschrieben, einmal im Monat durften wir Fernsehen gucken. Nur das Essen, das war richtig schlimm. Manchmal war es vorher auf den Boden gefallen, oft waren Haare drin. Wirklich ungenießbar. Außerdem konnten wir uns nur alle drei Tage duschen.
UniSPIEGEL: Konntest du währenddessen weiter studieren?
Sevimli: Ich durfte meine Prüfungen absolvieren, aber nur in Polizeibegleitung. Unsere Professoren haben alles getan, damit wir Inhaftierten das in Ruhe machen konnten.
UniSPIEGEL: Am 16. Januar geht dein Prozess weiter. Hast du Angst?
Sevimli: Immerhin haben mehr als 130000 Menschen eine Petition für meine Freilassung unterschrieben. Der Präsident meiner Uni unterstützt mich, außerdem französische Politiker, darunter auch der Außenminister Laurent Fabius, außerdem noch einige europäische Politiker. Meine Freunde organisieren Demonstrationen. All das gibt mir Kraft. Ich glaube schon, dass ich freikomme und nach Frankreich zurückkehren kann.
UniSPIEGEL: Und wer hilft den inhaftierten türkischen Studenten, die kein solches Netzwerk aufzubieten haben?
Sevimli: In der Türkei engagieren sich schon einige Vereine für sie. Auch ich werde für sie kämpfen! - sie sind ohne Grund eingesperrt worden! Ich weiß, wie es ihnen geht.
Interview: Robert Schmidt, Mathieu Martinière

UniSPIEGEL 6/2012
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UniSPIEGEL 6/2012
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