10.12.2012

Bizarre BerufeBauschutt unterm Bett

Nina-Vanessa Heinemann arbeitet als Hoteltesterin. Sie fahndet mit UV-Licht auf Laken nach Körpersaftklecksen, findet Mäusekadaver und eklige Schmierfilme auf TV-Fernbedienungen. Teil 11 der Serie über ungewöhnliche Jobs.
Ständig was zu mäkeln: Hotelexpertin Heinemann
Der Besuch beginnt mit einer herzlichen Begrüßung an der Haustür und dem Geleit ins Wohnzimmer, wo die Zeitungen adrett gestapelt sind und das Mobiliar aussieht, als sei es gestern von einem Designerstore geliefert worden. Alsbald werden selbstgefertigte Schokocrossies und ein Kaffee serviert, auf dessen Milchschaumhaube ein Herz aus Kakaopulver gestreut wurde. Süß!
Zwar findet sich im weiteren Verlauf des Nachmittags keine Zeit und Gelegenheit, mal schnell unters Gästebett zu lugen oder mit UV-Licht versteckte Flecken auf dem Sofa zu scannen, aber zumindest das WC kann der Gast kurz inspizieren: strahlend sauber, gut ausgeleuchtet, weiche Handtücher liegen bereit. Nina-Vanessa Heinemann, 32, ist eine vollendete Gastgeberin. Kann man eigentlich auch erwarten von einer Frau, die durch Hotels in aller Welt zieht, inkognito, und dort beispielsweise mit ihren weißen Handschuhen unzulässige Staubablagerungen detektiert. Die regelmäßig etwas zu mäkeln hat an Matratzen oder Frühstücksbuffets. Und etwaige hygienische Unzulänglichkeiten dann auch noch in TV und Internet anprangert.
Nina-Vanessa Heinemann, wohnhaft im schweizerischen Urlaubsort Bottighofen am Bodensee, ist Hoteltesterin im Auftrag der Firma Holidaycheck und in dieser Rolle auch regelmäßig in Ratgebersendungen von ZDF und Sat.1 zu sehen. "Ein Traumjob, bei dem man die Welt entdecken kann", sagt sie und lächelt wie die Models in einer Hotelbroschüre.
Und wie kriegt man diesen Traumjob?
Die Metzgerstochter aus Münster studierte BWL, machte sich danach mit einer Event-Agentur selbständig und leitete ein schweizerisches Clubhotel. 2008 nahm sie Kontakt auf zu Holidaycheck - erfolgreich. Seitdem darf sie reisen, wohin sie will. Das unterscheidet sie von vielen Berufskollegen, die meist im Auftrag des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes arbeiten.
Weit über 300 Hotels hat Heinemann mittlerweile unter die Lupe genommen. Sie prüfte ägyptische Badezimmer, stellte störrisches spanisches Personal zur Rede und schaute unter Hotelbetten in der Türkei, in Italien und an der Nordsee. Was soll man da, denkt der Hotelgast, groß finden, außer Staub vielleicht, wenn das Haus drei oder vier Sterne hat? Die Testerin fand in Herbergen dieser Preisklasse aber auch: gefüllte Kondome, schmutzige Unterhosen, Mäusekadaver, Bauschutt.
Das allein wäre schon abschreckend genug, doch richtig eklig wird es, wenn Heinemann ihre UV-Lampe auspackt. Die entlarvt nämlich Urin-, Speichel- und Sperma-Rückstände. Leider, sagt sie, entdecke sie auf Laken und Decken regelmäßig zahlreiche Körpersaftkleckse - was daran liege, dass viele Hotels wegen der Energiekosten nicht heiß genug waschen.
Sowieso geht es gerade in den großen Touri-Herbergen, die einen erbitterten Preiskampf führen, oft nur um Kostenminimierung, berichtet Heinemann; mancherorts bekomme eine Putzfrau gerade mal sechs Minuten, um ein Zimmer samt Bad herzurichten. "Da darf man sich nicht wundern, wenn die Hörmuschel des Telefons mit Ohrenschmalz beschmiert ist", erklärt die Testerin. "Oder Haare in der Dusche liegen."
Ob man es im jeweiligen Hotel ernst nehme mit der Sauberkeit, lasse sich auch prima an der TV-Fernbedienung erkennen: Klebe popelartige Masse zwischen den Tasten, müsse man ein ernstes Wort mit der Leitung reden. Weil die Durchschnittsgäste das zu selten täten, sagt Heinemann, übernehme sie das eben. Gelegentlich sei sie daraufhin wüst beschimpft, einmal sogar vorübergehend von einem Manager eingesperrt worden.
Was sie besonders ärgert: die von etlichen Hotelleitungen betriebene "Vorspiegelung falscher Tatsachen". Neuerdings werde häufig mit dem Begriff "Wellness" getrickst. "Manchmal nennt sich ein Haus schon 'Wellness-Hotel', wenn es einen Whirlpool gibt oder am Pool Entspannungsmusik gespielt wird."
Die Lust auf Urlaub ist der Hoteltesterin trotz aller entdeckten Mängel noch nicht vergangen - was auch daran liegt, dass man ihr zufolge einen großen Teil der Herbergen durchaus empfehlen kann. "Besonders kleine, inhabergeführte Häuser sind in der Regel in einem guten Zustand", sagt Heinemann. Außerdem habe sie als Privatperson gar keine so hohen Ansprüche. Ihr reicht zum Glücklichsein: ein VW Bulli mit schmaler Pritsche. "Hauptsache, mein Mann ist dabei." Süß!
GUIDO KLEINHUBBERT
Von Guido Kleinhubbert

UniSPIEGEL 6/2012
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