10.12.2012

Abenteuer Ausbeutung

Von Haunhorst, Charlotte

Ein Jahr durch ferne Länder reisen? Geht wunderbar mit dem beliebten Konzept "Work 'n' Travel", also: schuften und mit dem Lohn Hostels und Bustickets bezahlen. Bloß: Manche Jobs ähneln moderner Sklaverei.

Allein für Australien haben im vergangenen Jahr mehr als 21000 Studenten und andere junge Deutsche ein Work 'n' Travel-Visum beantragt, gern mit Hilfe von Agenturen. Klingt toll, aber bei der Suche nach Aushilfsjobs im Ausland kann man in fiese Fallen tappen. Fünf Geschichten über harte Maloche, Schweinebesamung und Kranksein im Nirgendwo.

Mit Hautkrebs nach Hause

Einer der beliebtesten Backpackerjobs ist das "Fruitpicking": Hunderte von Rucksacktouristen werden dafür morgens mit Mini-Lkw auf Felder gekarrt, wo sie Orangen, Äpfel oder Trauben pflücken. Bezahlt wird im Akkord, also pro abgeerntetem Baum oder gefüllter Kiste. Was das faktisch bedeutet, erfuhr Rebecca Wessinghage an ihrem ersten Arbeitstag im australischen Queensland. Um einigermaßen zu verdienen, hätte sie täglich mindestens 300 Olivenbäume pflegen und beschneiden müssen, im Gepäck ihre Werkzeuge: Säge, Axt, Schere und Handschuhe - Letztere, um sich vor dem giftigen Biss der Redback-Spinne zu schützen. Nach drei Wochen kündigte Rebecca. Obwohl sie sich vergleichsweise glücklich schätzen durfte - ihr Arbeitgeber hatte sie wegen der Hitze nur bis zur Mittagszeit schuften lassen. So mancher Backpacker ist von der Feldarbeit unter australischer Sonne mit Hautkrebs nach Hause gekommen.

Unter Säuen

Wer vom Fruitpicking genug hat, liest mit Erleichterung die Anzeige von einem Job "mit Tieren". Dumm nur, wenn sich der romantische Bauernhof nach stundenlanger Fahrt durchs Outback als Schweinemastbetrieb entpuppt. So erging es Backpackerin Bärbel Bauer. Im Online-Reisemagazin "Reisebine" berichtet sie von ihrem Job als Ersatztierärztin von 1750 Schweinen: Zähne ziehen, Spritzen setzen und Säue besamen inklusive. Nicht schön. Nach einem Monat warf Bärbel hin.

Gestrandet am Ende der Welt

Das Konzept "Wwoofing" klingt zunächst fair. Ein weltweites Netzwerk von Farmern verspricht für sechs Stunden Arbeit am Tag freie Kost und Logis. Leider befinden sich die Farmen oft im Nirgendwo, was es schwer macht, zu entkommen, wenn der Job sich als miese Ausbeutung entpuppt. Das erlebte Sabine Hopf im australischen Queensland. Als Unterkunft wurde ihr ein schimmeliger Caravan mit Plumpsklo zu Verfügung gestellt, die tägliche Mahlzeit erwies sich als Toastbrot. Als Sabine nach fünf Tagen schwer erkrankte, musste sie dem Gastgeber rund 50 Euro Entschädigung für ihren Arbeitsausfall zahlen, erst dann brachte er sie für einen Arztbesuch in die 70 Kilometer entfernte Stadt. Dort fiel sie erst einmal einem Schalterbeamten am Busbahnhof weinend in die Arme.

Bleichen gegen die Pleite

Erst mal ankommen, dachte sich Uta Hennig. Doch als die junge Frau sich nach ein paar Tagen in Australien auf die Suche nach einem Job begab, merkte sie, wie schwierig es werden würde. Die Abiturientin war in der Ferienzeit angekommen, sämtliche Jobs waren bereits an einheimische Schüler vergeben. Zwei Monate hing sie ohne Perspektive fest, die Zahlen auf ihrem Kontoauszug wurden immer kleiner. Als Uta den Aufenthalt abbrechen wollte, kam ein Angebot: Zähnebleichen im Einkaufszentrum. 15 australische Dollar gab es pro Patient, geübt wurde zuvor an Freunden. So kam es, dass Uta täglich zehn Gebisse bleichte. Ob sie eine Ausbildung hatte für den Job, ob sie das überhaupt konnte - danach fragte niemand. Drei Monate und rund 720 aufgehellte Zahnreihen später hatte sie zumindest Geld fürs Reisen zusammen. Ihren Plan, Zahnmedizin zu studieren, hat Uta allerdings inzwischen verworfen.

Klo putzen

Das Angebot klang verlockend. Die Französin Tiffany Cravic zog für drei Monate in einen südafrikanischen Tierpark, um Affen-Babys vor Wilderern zu retten. Die Betreuung der niedlichen Tierchen erwies sich als Putzfrauen-Job. Der einzige Kontakt mit den Affen bestand darin, zerkratzt und angepinkelt zu werden, während Tiffany den Käfig schrubbte. Zusätzlich musste sie die Toiletten des Besucher-Cafés reinigen und die Wäsche der Gastfamilie machen. Selbst die erhofften Sprachfortschritte blieben aus: Anstatt wie versprochen Englisch sprach die Familie nur Afrikaans - und wenn sich die Französin beschwerte, hieß es: "No understand".

Und was sagt die deutsche Agentur TravelWorks über die Jobsuche vor Ort? "Generell empfehlen wir unseren Teilnehmern, dass sie bei der Arbeitssuche Flexibilität - sowohl in der Art des Jobs als auch in der Wahl des Standorts - zeigen müssen."

CHARLOTTE HAUNHORST


UniSPIEGEL 6/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

UniSPIEGEL 6/2012
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Abenteuer Ausbeutung