10.12.2012

Scream Queen

Von Gitschier, Laura

Weil sie so gut kreischen und metzeln kann, ist die Rhetorikstudentin Annika zum Star in Splatter-Filmen geworden. Sie selbst guckt lieber "Das letzte Einhorn".

Bevor es Kaffee gibt an diesem Herbstnachmittag in Düsseldorf, muss Annika noch schnell ein paar Zombies erledigen. Die wanken gerade mit nach vorne gestreckten Armen und irre stöhnend genau auf sie zu, offenbar mal wieder fürchterlich ausgehungert. Annika steckt in einem hautengen schwarzen Anzug, hebt ihr Samurai-Schwert und schlägt mal ein bisserl drauf auf das eher grobmotorische und langsame Untoten-Pack: Ein Kopf fliegt, Blut spritzt, Schnitt. Kleine Pause.

Willkommen in der Welt von Master-Studentin Annika Strauß, 27 Jahre alt, Schauspielerin, Star in etlichen Independent-Horrorfilmen. Bekannt geworden bei den Fans der Low-Budget-Szene durch Filme wie "Schlaraffenhaus" oder "Avantgarde", in denen sie mit Nägeln, Bohrmaschinen und anderem Gerät traktiert wird. "Manch einen meiner Filme würde ich mir nicht unbedingt selbst angucken", sagt Annika, die in Tübingen Rhetorik studiert und es also zumindest sprachlich etwas niveauvoller mag.

Das Zombie-Schlachtfest, das Annika gerade mit dem Selfmade-Regisseur und gelernten Zahntechniker Olaf Ittenbach dreht, wird mit dem Titel "God Forsaken" in den Verleih kommen und - na klar - erst ab 18 sein. Annika spielt darin mal nicht das Opfer, sondern eine Kriegerin namens Myrel, die Untote erledigt, um eine Frau und deren Kind zu befreien. Ihr Text beschränkt sich weitgehend auf die Zeile: "Wir haben keine andere Wahl."

Ins blutige Business geriet Annika im Jahr 2009. Damals stieß sie beim Surfen im Netz auf die Meldung, dass für den geplanten Film "La Petite Mort", zu Deutsch "Der kleine Tod", eine Hauptdarstellerin gesucht wurde. Annika rief an, stellte sich vor und wurde genommen.

Weil sie sich begabt zeigte beim Dreh und besonders durch markerschütternde Schreie glänzte, galt sie in der Szene schnell als "Scream Queen". Seitdem kann sie sich vor Rollenangeboten nicht retten.

Mittlerweile hat sie in rund 20 Filmen mitgespielt, einige auf Englisch, die meisten von ihnen nicht teurer als 40000 Euro. Für eine Produktion war Annika sogar in die Vereinigten Staaten nach New York gereist, in der Regel spielt sie aber in Fabrikhallen und leeren Häusern, irgendwo in Deutschland.

Geld bekommt Annika selten dafür. Die Studentin will Referenzen und Erfahrungen sammeln, um später - das ist ihr Ziel - hauptberuflich als Schauspielerin arbeiten zu können. Im Frühjahr hat Annika den Film "Plastic" abgedreht, unter anderem mit den beiden C-Promis Gina-Lisa Lohfink und Katy Karrenbauer. Lohfink war mal das Ruhrpott-Luder bei "Germany's Next Topmodel", Karrenbauer wurde zum Star der 403-teiligen Knast-Serie "Hinter Gittern" und verdingt sich, nach Einstellung des Formats, nun fürs Horror-Genre.

In "Plastic" lässt sich Annika übrigens von einem irren Schönheitsdoktor so lange Botox spritzen, bis die Haut aufplatzt. Normalerweise tut das Drehen solcher Szenen nicht weh, trotzdem kommt die zierliche Studentin oft mit blauen Flecken oder sogar Schürfwunden nach Hause - als Opfer in Splatter-Filmen muss man schließlich regelmäßig über Asphalt robben. Auch emotional gehen der jungen Frau die Dreharbeiten oft nah. Nach einer besonders intensiven Szene ist sie einmal in Tränen ausgebrochen. Meist nervt Annika aber ganz Profanes: Das künstliche Blut aus dem Handel klebt zu lange in den Haaren, und die Alternative, eine Rote-Bete-Kakao-Mischung, taugt auch nicht. "Die fängt nach einer Weile an zu müffeln", sagt sie.

Eigentlich wollten Annika und der Regisseur heute eine Szene mit einer Dampfwalze drehen; das Gerät sollte planmäßig ein paar Zombies plätten, mitten im öffentlichen Raum, in einer Kiesgrube. Leider hat es Probleme mit der zuständigen Behörde wegen der Drehgenehmigung gegeben, und nun muss Annika nur noch eine Sequenz spielen: mit einem Mann, dem ein Bein abgebissen wird, in einen alten Audi steigen, Motor starten, davonfahren, fertig.

Dass Splatter-Filme nicht jedem gefallen, gerade die billigeren, weiß Annika. Im Internet bezeichnen Kritiker die Produktionen gern mal als "schlechten und unglaubwürdigen Mist". Die Studentin zuckt nur mit den Schultern. Daran müsse muss man sich gewöhnen, sagt sie. Andererseits bekomme sie mittlerweile Zuspruch aus aller Welt, sogar Fan-Post aus China oder Kanada gehe bei ihr ein.

"Ich sehe Horrorfilme durchaus als Kunst", sagt Annika, "sie haben ihren berechtigten Platz, genau wie Filme anderer Gattungen." Deshalb wird Annika auch ihre Master-Arbeit über das Genre schreiben. Titel: "Die Ästhetik der Grausamkeit". Ihr Professor ist begeistert und hat ihr vorgeschlagen, zum gleichen Thema zu promovieren.

Auf lange Sicht will aber auch die Master-Studentin nicht zwischen Blut, abgehackten Körperteilen und Gedärmen drehen. "Eine Rolle in einem Kostümfilm, das wäre es", sagt sie. Und sowieso, im echten Leben kann sie Blut überhaupt nicht gut sehen. Zu ihren Lieblingsfilmen gehört "Das letzte Einhorn", ein kitschiges Zeichentrickmärchen.

Es gibt Momente, die Annika darin bestärken, vielleicht doch schon bald in ein anderes Genre zu wechseln. So wie neulich. Da nahm ein Komparse im Zombie-Kostüm seine Rolle etwas zu ernst. Anstatt von Annika, wie im Drehbuch vorgesehen, massakriert zu werden, griff der Laiendarsteller die Studentin an - und biss ihr ins Bein. Das ging auch dem Regisseur zu weit: Der Unruhestifter wurde noch am Set gefeuert und durfte sich nicht einmal mehr von Annika köpfen lassen. Der Arme!-

VON LAURA GITSCHIER (TEXT) UND

NORBERT ENKER (FOTOS)

Annika als Kriegerin Myrel: Ein bisserl draufhauen auf das Untoten-Pack

Am Set: Ästhetik der Grausamkeit


UniSPIEGEL 6/2012
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