10.12.2012

Wer schenkt, muss leiden

Von Gitschier, Laura

Die vorweihnachtliche Jagd auf Präsente beflügelt die Konjunktur, die Einzelhändler jubeln. Dabei ist die Schenkerei - ökonomisch gesehen - Unsinn, erklärt Achim Wambach, 44, Wirtschaftsprofessor an der Uni Köln.

"Schenken kann, rein ökonomisch gesehen, ziemlicher Unsinn sein. Mit manchen Geschenken richten wir sogar Schaden an. Wenn ich beispielsweise einem Freund ein Kochbuch für 20 Euro schenke, der Freund aber nicht gern kocht, kann er damit nichts anfangen. Bloß: Das Buch ist mit hohen Produktionskosten hergestellt worden, Menschen haben dafür gearbeitet, und dieser geschaffene Wert, der verpufft dann einfach. Im Grunde hätte man das Buch ebenso gut aus dem Fenster werfen können.

Ökonomen nennen diese Erscheinung einen Wohlfahrtsverlust. Gerade an Weihnachten tritt dieses Phänomen in deutlicher Häufung auf, weil viele Menschen den Geschmack der anderen nicht treffen. Stellen Sie sich doch nur mal vor, Sie hätten sich ihre Weihnachtsgaben vom letzten Jahr nicht schenken lassen, sondern selbst gekauft. Wie viel hätten Sie dafür ausgegeben? In einer amerikanischen Studie sollten Studenten diese Frage beantworten, und es kam heraus: Die meisten hätten viel weniger für ihre Präsente bezahlt als die Schenker es in der Realität getan hatten. Der Wert ist dahin.

Einen besonders rasanten Wertverfall erfahren die Geschenke von Menschen, die uns zwar mögen, aber nicht so ganz nah dran an unserem Alltag sind, Oma und Opa beispielsweise. Die geben sicherlich mit Herzenswärme, kennen aber unsere Vorlieben nicht unbedingt.

Hinzu kommt die Zeit, die es braucht, das Geschenk zu besorgen. Konsequenterweise müsste man sie auf den Gesamtwert des Präsents draufrechnen. Wenn Sie also eine Stunde lang die Buchhandlung nach dem interessantesten Bildband durchforsten, geht Ihnen Zeit verloren, in der Sie theoretisch arbeiten könnten. Wenn Sie sonst beim Jobben im Café zehn Euro die Stunde verdienen würden, müsste man aus wirtschaftlicher Sicht diesen Stundenlohn zum Wert des Geschenks addieren. Wie fatal, am Ende würde so ein noch höherer Wert vernichtet!

Wenn Sie also in Zukunft wirklich effektiv und ohne Verluste schenken wollen, sollten Sie an Heiligabend ihren Lieben einen Bündel Geldscheine unter den Christbaum legen. Das ist jetzt vielleicht nicht sehr romantisch, aber so wird zumindest kein Wert vernichtet. In Taiwan sind die Menschen schon weiter, die beschenken sich bereits mit Bargeld im Briefumschlag.

Wem Geldpräsente zu profan erscheinen, könnte sich auf Gutscheine verlegen. Auch mit denen wurde an sich noch kein Wert geschaffen.

Für Profis gibt es noch ein paar fortgeschrittenere Formen des Verschenkens. Ein Grundfehler dabei ist ja, dass wir oft versuchen, die Vorlieben der anderen einzuschätzen, anstatt uns auf das eigene Wissen zu verlassen. Ich als VWL-Professor sollte aber idealerweise meinen Freunden ein gutes Wirtschaftsbuch aussuchen. Der Hobbybotaniker sollte eine seltene Pflanze verschenken. Der Weinkenner einen guten Tropfen. Der Beschenkte, der sich nicht auskennt, würde danach viel länger suchen müssen als Sie. Wir schenken auf diese Weise also die eingesparte Zeit gleich mit. Und das Beste daran: Dieser Mechanismus würde dann auch wettmachen, dass Ihnen das Geschenk im Zweifel weniger wert ist, als es tatsächlich gekostet hat!

Eine Alternative wäre, dass Sie ein Geschenk auswählen, das Ihnen Schmerzen zufügt. Richtig gelesen: Wer schenkt, muss leiden! Und das funktioniert am besten bei Menschen, die Ihnen nahe stehen. Weil Sie mit einer gemeinsamen Karte für den FC Köln (Sie hassen Fußball) oder einem Gutschein für einen Tag Shoppen mit der Freundin (für Sie eine entsetzliche Vorstellung) zeigen können, wie gern Sie die Beschenkte oder den Beschenkten haben. Schau her, ich leide nur für dich! Das nennen wir Ökonomen Signalisierung. Dieser Einsatz kann sich dann bei Gelegenheit wiederum für den Schenker bezahlt machen - so würde zumindest der homo oeconomicus, der rein rational denkende Mensch, argumentieren."

AUFGEZEICHNET VON LAURA GITSCHIER


UniSPIEGEL 6/2012
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