10.12.2012

Das bessere Berlin

Was geschieht in deutschen Uni-Städten zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen? UniSPIEGEL-Autor Maximilian Popp feiert in einem Fahrradladen und besucht ein Konzert in einem 100 Jahre alten Kino. Eines Nachts in: Leipzig.
18.00 Uhr Die Nacht beginnt mit einem Anruf. Mein Kumpel Emin hält das Handy ans Ohr und nickt. "Folgt mir. Ich kenn den Ort", sagt er. "Die Party wird wild." Wir fahren mit dem Rad durch Leipzig, vorbei an eckigen Mietskasernen, Plattenbauten und Industriebrachen; über Kanäle, durch einen Wald, bis zu einer Lichtung.
Bunte Lampions hängen an den Bäumen, Boxen stehen im Gras, der DJ wippt im Takt der Musik. Ein paar dutzend Menschen tanzen ausgelassen zu weichem Techno, Club-Mate-Flasche in der Hand, Lucky-Strike-Zigarette im Mund, Lebensgier in den Augen.
Eine Zeitlang feierten Studenten in vielen deutschen Großstädten illegale Partys im Freien. Es war der Versuch, den ewigen Wiederholungen immergleicher Clubnächte zu entkommen. Doch in Berlin und Hamburg besetzen Investoren Zug um Zug die freien Räume. In Leipzig dagegen tun sich noch neue Lücken auf - die Stadt verändert sich in atemraubender Geschwindigkeit. In der Künstler-Studenten-Hipster-Karawane hört man es jetzt raunen "Karl-Heine-Straße", "Georg-Schwarz-Straße", "Clara-Zetkin-Park".
Emin kam aus Istanbul zum BWL-Studium nach Leipzig. Er hätte auch nach München gehen können oder nach Köln. Doch die spannendste deutsche Stadt, behaupteten Freunde, sei Leipzig. Außerdem seien die Mieten dort unvorstellbar niedrig. "Better Berlin" nannte die "New York Times" die Stadt. "Ich fand das überzeugend", sagt Emin.
21.30 Uhr Zurück in der Innenstadt, in Connewitz, einem hippen Leipziger Bezirk. Eigentlich dürfte es Connewitz gar nicht geben. In der DDR sollte das Viertel abgerissen werden und Plattenbauten weichen, das erzählen die wenigen, die damals schon hier lebten. Das Projekt ist gescheitert. Jetzt wohnen Studenten, Musiker, junge Familien in den Altbauten.
Im UT Connewitz, dem ältesten Lichtspieltheater Leipzigs, tanzen Mädchen in Röhrenjeans und Jungs in Retro-Jacken in einem Saal, der mit den breiten Trägern und der hohen Decke etwas Sakrales ausstrahlt. Eine Band spielt lauten Rock. Das UT Connewitz wird im Dezember 100 Jahre alt, seine Anhänger feiern den Geburtstag mit Konzerten, Lesungen, einem Filmfestival. "Leipzig ist frei von Zynismus", sagt Julia, eine Kunststudentin. Die allerwenigsten ziehen hierher, um reich zu werden. Die guten Jobs gibt es anderswo. Die Menschen in Leipzig suchen nach einer Alternative, nach anderen Wegen des Arbeitens, des Zusammenlebens, des Feierns. Ein gelungener Auftritt, eine gute Pointe sind manchmal wichtiger als ein hohes Einkommen.
23.15 Uhr Es gibt in Leipzig eine Menge sonderlicher Orte: ein Kino unter Brücken, eine Schule für Schriftsteller. Und es gibt das Dr. Seltsam, einen Fahrradladen im Stadtteil Plagwitz, der nachts als Bar genutzt wird. An der Wand hängen Schläuche, Rahmen, Schraubendreher. Die Luft ist vom Zigarettenqualm vernebelt, die Fenster sind beschlagen. "Könntest du dir einen Laden wie diesen in einer anderen Stadt vorstellen?", fragt Jan, ein Grafiker, der vor einem Jahr aus München nach Leipzig gezogen ist. In München, klagt er, sei kein Platz für verrückte Ideen. Dort verändere sich nichts mehr. In Leipzig hingegen öffnen Clubs für ein halbes Jahr in Ruinen, Unternehmen entstehen in Fabrikhallen. Und Gerd Harry Lybke, der Besitzer der Galerie Eigen + Art, sagte einmal in einem Interview: "In Leipzig kannst du eines Morgens aufwachen und entscheiden 'Ich bin ein Künstler', oder am nächsten Tag sagen 'Ich glaube, ich will Journalist sein'."
2.00 Uhr Wir ziehen weiter ins "Noch besser leben". Ich bestelle Bier bei einem Barkeeper, der aussieht wie Charles Bukowski. In der Kneipe spielen an den Wochenenden oft Bands, die Gäste sitzen auf dem Boden, Studenten, Abenteurer, Hedonisten, Unternehmer, Hipster, Punks. Leipzig ist nicht reich. Aber die Stadt erlaubt den Menschen, das zu tun, was sie wirklich wollen. "Leipzig ist voller Versprechen", sagt Emin.-
Drei Clubs, drei Versprechen: "Noch besser leben" (o.), "UT Connewitz" (M.) und "Dr. Seltsam" (u.)
Clubs in Leipzig:
Den Wiederholungen immergleicher Nächte entkommen
FOTOS: CHARLOTTE SATTLER,
STEFAN HOYER
Von Maximilian Popp

UniSPIEGEL 6/2012
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