10.12.2012

POP / MIGUEL, FRANK OCEAN, THE WEEKND

Triumph des weichen Mannes

Von Rapp, Tobias

Schwarze Musik wurde jahrzehntelang von HipHoppern dominiert, die sich wie herzlose Dealer und Zuhälter gaben. Jetzt darf wieder gefühlt werden. Steht Black Music am Beginn einer neuen Ära?

Newcomer Miguel: Typen wie er hatten Goldkette zu tragen

Lange ist es nicht her, da bekamen bunte Vögel wie der US-amerikanische Soulsänger und Produzent Miguel Jontel Pimentel, 26, statt eines Plattenvertrags nur einen guten Rat: Style dich so, wie es sich gehört für einen schwarzen Mann, dann kannste wiederkommen. Typen wie er hatten teure Turnschuhe zu tragen, Basketball-Shirts und dicke Goldketten. Angesagt waren Zuhälter-Attitüde und Drogen-Dealer-Chic. Und jetzt? In Hemd und Sakko blickt Miguel vom Cover seines neuen Albums "Kaleidoscope Dream", um sein Gesicht herum sieht man die verwischten Farben des titelgebenden Kaleidoskops. Und so ist auch seine Musik: verspielt, psychedelisch, künstlerisch - all das, was schwarze Musik im vergangenen Jahrzehnt nur ganz selten war.

Im schwarzen Pop wird wieder gefühlt, experimentiert und herumgesponnen. Ob es der Sänger Frank Ocean ist, der im Sommer sein bahnbrechendes Album "Channel Orange" veröffentlichte, eine Platte mit Liedern über die Wohlstandsverwahrlosung kalifornischer Kids und sein eigenes Coming-out. Oder der Produzent Abel Tesfaye alias The Weeknd, dessen düstere Sammlung dreier CDs, "Trilogy", gerade erschienen ist. Überall werden die Regeln, die Black Music seit der Jahrtausendwende dominierten, über den Haufen geworden: Der neue schwarze Pop ist weder formatierte Tanzmusik, noch retroseliger Soundtrack zur Afterwork-Entspannung. Er ist experimentierfreudig, ohne sich dabei in einer Nische zu verstecken. Seine Protagonisten suchen die große Bühne, spielen für die Charts. Wie Miguel.

Er kommt aus Los Angeles, seine Mutter ist schwarz, sein Vater Mexikaner. Seine ersten künstlerischen Gehversuche endeten zunächst im Abseits: Seine Plattenfirma weigerte sich, sein fertigeingespieltes Debütalbum überhaupt herauszubringen. Als "All I Want Is You" dann doch erschien, wurde es ein Überraschungserfolg.

Für "Kaleidoscope Dream" holt Miguel nun weit aus. Mal sind die Songs sanft hingepinselt, mal mit dicken Strichen skizziert, nie lassen sie sich festlegen. Ohne nostalgisch zu sein, erinnert die Musik oft an Prince, der sich ja auch keine Gedanken über Formate machte, solange er seine Obsessionen in seinen Liedern spiegeln konnte.

Interessanterweise kommt die einflussreichste schwarze Musik der letzten 30 Jahre, der HipHop, auf "Kaleidoscope Dream" nicht einmal in Spurenelementen vor. Vielleicht hat im schwarzen Pop ja eine neue Ära begonnen. TOBIAS RAPP


UniSPIEGEL 6/2012
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