10.12.2012

PORTRÄT / "HITCHCOCK"Sein breiter Schatten

Anthony Hopkins spielt den berühmtesten Regisseur aller Zeiten als listigen älteren Herren, Helen Mirren gibt dessen - überaus souveräne - Frau.
Frisst nachts den Kühlschrank leer: Hopkins als Hitchcock
Alfred Hitchcock betrachtet seine Frau Alma und sagt: "Keine Hitchcock-Blondine wird je so schön sein wie du." Auf diesen Satz habe sie 30 Jahre lang gewartet, erwidert sie. "Deshalb nennt man mich 'Master of Suspense'", gibt er zurück.
Suspense bedeutet, Erwartungen zu schüren und die Spannung zu dehnen. Im Kino ist dies das reine Vergnügen, im wirklichen Leben manchmal schreckliche Pein.
Sacha Gervasis Film "Hitchcock", in dem Anthony Hopkins den legendären Regisseur verkörpert, spielt Ende der fünfziger Jahre. Hitchcock war damals im Alter von 60 einer der erfolgreichsten Regisseure Hollywoods, Thriller wie "Das Fenster zum Hof" hatten ihm den Ruf eingebracht, wie niemand sonst Spannung erzeugen zu können. Dann entschloss er sich, einen kleinen, billigen Schocker zu drehen: "Psycho".
Gervasis Film zeigt die Kämpfe, die Hitchcock mit dem Studio Paramount und Hollywoods Zensoren ausfechten musste, um die bis dahin brutalste Szene der Filmgeschichte zu erschaffen: den Mord unter der Dusche, in der das von Janet Leigh verkörperte Opfer mit einem Küchenmesser erstochen wird. Hitchcock rang um jeden Zentimeter Haut, den er zeigen wollte.
Aber Gervasi erzählt auch von der symbiotischen Arbeits- und Liebesbeziehung zwischen Hitchcock und seiner Frau Alma Reville, gespielt von Helen Mirren. Die beiden kannten sich seit den zwanziger Jahren und hatten schon bei den britischen Filmen des in London geborenen Regisseurs zusammengearbeitet.
Im Film mahnt Alma ihren Alfred ständig, weniger zu essen und endlich abzunehmen. Als erhoffte sie sich, leichter aus seinem Schatten treten zu können, wenn dieser nicht mehr ganz so breit ist. Doch Hitchcock frisst nachts den Kühlschrank leer und schiebt tagsüber seinen Bauch vor sich her wie einen Puffer gegen die Wirklichkeit.
Obwohl der Film seinem Titelhelden ständig große Auftritte verschafft und ihm ein Bonmot nach dem anderen in den Mund legt, macht Mirren aus Reville die eigentliche Hauptfigur. Sie gibt dieser Frau eine grandiose innere Kraft. Wenn Reville mit Hitchcock am Tisch sitzt und es so mühsam wie würdevoll erträgt, dass er mit Janet Leigh (gespielt von Scarlett Johansson) flirtet, wirkt sie weit stärker als ihr Mann.
Der Film betrachtet Hitchcock mit Mirrens Blick. Er baut dem Regisseur kein Podest, aber er reißt das Denkmal auch nicht ein. Seit seinem Tod im Jahr 1980 versuchten viele Bücher und Filme, den Mythos Hitchcock zu demontieren. Vor einigen Wochen zeichnete der amerikanische Fernsehfilm "The Girl" den Regisseur als üblen Lustgreis. Der Hitchcock von Hopkins späht nur durch Gucklöcher, um seine Darstellerinnen beim Umziehen zu beobachten.
Das Kino mache die Zuschauer zu Voyeuren, indem es ihnen Einblicke in die Intimsphäre fremder Menschen verschaffe, hat Hitchcock gesagt. Das war sein Credo. Hopkins macht aus ihm nun einen listigen älteren Herren, der fest davon überzeugt ist, dass es zwischen Spannung und Spannen einen Zusammenhang gibt.
LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

UniSPIEGEL 6/2012
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