09.02.2013

Von Steinecke, Almut

Ständig Mails auf dem Smartphone checken? Den Status posten? Rumgoogeln? Tweets mit dem Tablet senden? Sogar während der Vorlesung? Wird immer normaler. Bloß tut das Geist und Studium gar nicht gut.

Professor Thomas Hoeren kann sich schlecht konzentrieren an diesem Mittwochabend. Ausgerechnet heute muss der Münsteraner Jura-Professor eine Sondervorlesung zum Thema "Informationsrecht" halten, die erst spät zu Ende sein wird. Vom Champions-League-Spiel seines Lieblingsvereins Dortmund wird er deshalb so gut wie gar nichts mitbekommen. So was quält sein Borussen-Herz.

Die Uhr zeigt schon 21 Uhr, doch der Hörsaal ist voll: Hoeren erfreut sich großer Beliebtheit. Allerdings scheinen auch die Studenten noch abgelenkter zu sein als sonst. Ein Gemurmel erfüllt den Raum, dann geht plötzlich ein Raunen durch die Stuhlreihen. Hoeren kann sich vorstellen, was los ist: Da werden einige andere Dortmund-Fans nebenbei auf ihrem Smartphone oder Tablet per Ticker oder gar Livestream verfolgen, wie sich ihre Mannschaft so schlägt im Spiel gegen Ajax Amsterdam.

"Okay", sagt Hoeren, "ich fühle heute mit Ihnen. Während wir uns hier mit so schwerem Stoff beschäftigen, erleidet Dortmund vielleicht gerade seine Schicksalsminute!"

"Keine Sorge, Herr Professor", ruft ein Student und hält sein Smartphone hoch. "Dortmund führt."

Ausnahmsweise ist es Hoeren an diesem Abend mal recht, dass sich einige der Hochschüler während der Vorlesung immer mal wieder über ihren kleinen Computer beugen. Ansonsten gehe ihm die "multimediale Multipräsenz" aber gehörig auf die Nerven, sagt er.

Leider sei es schon "ganz normal", mal eben mitten in der Vorlesung einen Tweet zu senden, seinen Status zu posten oder mit Freunden zu chatten. Er empfinde das als "verlängerte Privatsphäre, die in den öffentlichen Raum hineinreicht und dort massive Störungen verursacht". Es sei ihm kaum möglich, etwas gegen den Stand-by-Modus seiner Studenten zu unternehmen.

Natürlich könnte er die Teilnehmer zu Beginn einer jeden Vorlesung auffordern, Handys, Smartphones und Tablets auszuschalten. Er könnte an die Vernunft appellieren und daran erinnern, dass das, was er da sagt, wichtig ist für die Prüfung, für die berufliche Zukunft, vielleicht sogar fürs Leben. Aber er will seine Studenten nicht wie Grundschüler behandeln. Deswegen könne und wolle er die Geräte auch nicht einsammeln, er habe dazu auch "keine Ermächtigungsgrundlage". Wie solle man das zudem auch organisieren, wenn 300 Studenten anrücken, von denen fast 100 Prozent Handy und Computer mitbringen?

Hoeren ahnt, dass er das Ruder nicht mehr herumreißen kann: Facebook, WhatsApp und Co. haben die Seminarräume und Vorlesungssäle erreicht, und so, wie es aussieht, werden sie auch nicht mehr weichen. Er wird sich wohl damit abfinden müssen, dass ein Großteil der Studenten abgelenkt ist und der Sound einer ankommenden Kurznachricht zur Geräuschkulisse gehört.

Alle Erwachsenen unter 30 sind im Netz unterwegs, laut einer Studie von ARD und ZDF verbringen sie dort täglich drei Stunden - was auch daran liegt, dass die Surferei praktisch an jedem Ort Deutschlands möglich ist. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zieht daher eine ernüchternde Bilanz: "Auch wir als Dozenten stehen nun in ständiger Konkurrenz zur permanent mitlaufenden Netzkommunikation." Das allein sei eigentlich schon gravierend genug. Schlimmer sei es allerdings, dass das mediale Dauerrauschen Auswirkungen auf die Lernfähigkeit der Studenten habe.

Angehenden Akademikern falle es schwerer denn je, aufmerksam zuzuhören oder lange Texte mit Muße und Gewinn zu lesen, hat Pörksen festgestellt. Es sei vielen schlicht unmöglich, sich abzuschotten, die Restwelt auszublenden, Facebook-Postings zu ignorieren. Soziale Netzwerke seien für viele so etwas wie Zigaretten für Raucher. Auch wenn es dem einen oder anderen mal gelinge, das Ding auszuschalten, den Rechner zuzuklappen und sich abzuschneiden von dem digitalen Kosmos: Die Buchlektüre sei weitgehend zu einem "groben, flüchtigen Scannen" verkommen. Gelesen werde wie im Netz: quasi von Link zu Link springend, angetrieben von dem unterschwelligen Gefühl, dass man etwas verpasst, wenn man allzu lange irgendwo verweilt, sagt Pörksen.

Dazu passt, dass offenbar immer mehr Studenten lange Texte als Zumutung empfinden. Noch vor ein paar Jahren hätte man sein 500 Seiten starkes Script "Internetrecht" als Lernmaterial "ohne Murren" zur Vorbereitung auf seine Vorlesungen akzeptiert, möglicherweise sogar ganz gelesen, sagt der Münsteraner Professor Hoeren. In letzter Zeit häuften sich dagegen die Anfragen, ob man das Script nicht auf 30 Seiten kürzen und mit Bildern und Grafiken versehen könnte. Außerdem werde schon während der Veranstaltung gern mal in den Tiefen des Netzes recherchiert, ob es das, was der Prof da vorn referiert, nicht auch irgendwo in komprimierter Form gibt.

"Die Studenten können sich kaum noch längere Zeit auf eine Sache konzentrieren", klagte Ende vergangenen Jahres der Bayreuther Uni-Professor Gerhard Wolf in einem SPIEGEL-Interview. Der Wissenschaftler hatte zuvor etliche Kollegen zu den Lese- und Schreibfähigkeiten ihrer Studenten befragt - und bittere Antworten bekommen. Der aktive Wortschatz vieler Hochschüler sei auf "wenige hundert Ausdrücke" geschrumpft, hieß es unter anderem. Oder: "Verstehendes Lesen ist eine Kunst, die kaum ein Erstsemester beherrscht."

Wolf und seine Kollegen führen die Entwicklung in erster Linie auf die permanente Beschäftigung mit digitaler Technik zurück. "Die Studenten kommunizieren auf eine Art, die dem sorgfältigen Lesen und Schreiben im Wege steht", sagt Wolf, "damit meine ich vor allem Kurznachrichten per SMS und Twitter."

Ruben Martens, der an der Universität Freiburg Englisch und Politik auf Lehramt studiert, kann die Kritik der Professoren "schon irgendwie" nachvollziehen. Allerdings glaubt er, dass manch ein Dozent nicht ganz unschuldig daran ist, wenn Studenten nicht mehr zuhören und stattdessen ein bisschen rumsurfen. "Gerade dann, wenn ein Vortrag nicht so gut ist, neigt man dazu, online zu gehen", sagt er. Wenn es in der einen Welt langweilig ist, taucht man eben mal schnell in eine andere ab - und beschäftigt sich lieber mit seinem Smartphone.

Der Sog aus dem Netz ist so groß, dass zum Beispiel die Beschäftigung mit sozialen Netzwerken bei immer mehr Studenten sogar suchtähnliche Züge angenommen hat. Ein Umstand, den auch Mechthild Dyckmans, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, kürzlich zum Thema machte.

Laut einer repräsentativen Studie zur "Prävalenz der Internetabhängigkeit" nutzen etwa 560000 Deutsche das Internet so exzessiv, das man Dyckman zufolge von einer Abhängigkeit sprechen könne. Besonders Menschen zwischen 15 und 25 seien betroffen, mithin also auch viele Studenten.

So ist es kein Wunder, dass die Zahl der Hilfsangebote für Menschen mit pathologischem Internetgebrauch seit Jahren steigt. Deutschlandweit gibt es mittlerweile fünf große bekannte "Medienambulanzen", häufig angesiedelt im Uni-Umfeld, daneben zahlreiche Kliniken, zum Beispiel die Fachklinik Münchwies im saarländischen Neunkirchen, in der kürzlich auch Mika behandelt wurde.

Der Medizinstudent aus Heidelberg, der seinen richtigen Namen lieber verschweigen will, spielte keine Spiele, er war keiner dieser "World of Warcraft"-Süchtigen, die als Ork oder Elfe eintauchen in eine digitale Fantasy-Welt und irgendwann sogar vergessen, zu essen oder zur Toilette zu gehen. Mika gierte nach News, unterhielt sich in Diskussionsforen, surfte von Blog zu Blog, oft bis tief in die Nacht. Regelmäßig verschlief er dann anschließend und ließ die Uni sausen. Um im Studium nicht total den Anschluss zu verlieren, lud er sich vom E-Learning-Portal der medizinischen Hochschule die PDFs versäumter Vorlesungen herunter. Leider hatte er meistens nicht die Kraft, sich länger als zehn Minuten mit den Texten zu beschäftigen.

Kommilitonen riefen ihn an, fragten, warum er nicht mehr zur Uni komme. Er redete sich immer heraus. "Mika, das ist kein Zustand", ermahnte ihn seine beste Freundin Xenia. Im April 2012 hörte er dann von der Fachklinik Münchwies, wo sich, ähnlich wie in anderen Einrichtungen, von Jahr zu Jahr mehr Menschen wegen pathologischen Internetgebrauchs behandeln lassen: Waren es in 2009 noch 55, habe sich die Zahl mittlerweile verdoppelt, berichtet Oberarzt Dr. Holger Feindel. Etwa ein Drittel seien Studenten.

Zwei Monate hat Mika in Münchwies in einer "Patienten-WG" gelebt, mit gleichaltrigen Leidensgenossen. Während der Therapie waren Computer tabu. "Stattdessen habe ich Dinge gemacht, die ich sonst nicht gemacht habe, ein Buch lesen zum Beispiel, ganz in Ruhe, von Anfang bis Ende. Klingt vielleicht simpel, aber für mich war das eine neue Herausforderung", sagt Mika, der in Münchwies lernte, dass es auch soziale Ängste waren, die ihn ins Netz zogen: die Furcht, im Studium zu versagen, Prüfungen nicht zu schaffen. Mika teilt Internetseiten nun in Ampelfarben ein: "Diskussionsforen sind für mich rot, also tabu. Seiten für praktische Alltagsgestaltung, wie die fürs Online-Banking, sind grün."

Strategien, den Internetkonsum einzudämmen und so auch wieder einen klareren Kopf zu bekommen, empfiehlt der Berliner Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert nicht nur Menschen wie Mika. Der Autor des Buchs "Schluss mit dem ewigen Aufschieben" hält Smartphone, Laptop und Internet zwar auch für wertvolle Helfer auf dem Weg zum Abschluss - allerdings seien sie auch die "Ablenkung schlechthin". Im Vorlesungsraum hätten sie daher nichts zu suchen. Schließlich müsse man das allermeiste, was man während der Veranstaltung nicht mitbekomme, ja nacharbeiten.

Wer es nicht schaffe, das Gerät zu Hause zu lassen oder auszustellen, sollte sich während der Vorlesung zumindest aus allen sozialen Netzwerken und E-Mail-Programmen ausloggen, rät Rückert. Auch zu Hause sollte man dann auf seinen Konsum achten. Ein Trick sei es, sich mit seinem Smartphone und mit sozialen Netzwerken quasi zu verabreden: Eine Stunde arbeiten, dann mal nachschauen, ob es etwas Neues gibt. Eine kurze Pause machen also - früher musste die Zigarette her, heute übernimmt Facebook diese Rolle.

Manch einer könnte diese Regeln auch als Befreiung empfinden. Sicher sei es ja irgendwie auch eine Bestätigung, viele SMS oder Mails von Freunden zu bekommen. "Aber wenn das Smartphone in einer Tour piept oder vibriert", sagt die Bochumer Kunstgeschichte-Studentin Anna Schütz, "dann ist das auch echt nervig und stressig."-

Vielen Studenten ist es schlicht unmöglich, sich abzuschotten, die Restwelt auszublenden, Facebook-Postings zu ignorieren.

Verena Brandt (Fotos)

Eva Jauss (Illustrationen)


UniSPIEGEL 1/2013
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