Deutschlands beste Professoren
Der Mutige
Der Konstanzer Psychologe Thomas Ebert schaut in die Seelen jener, die unfassbares Leid erlebt haben. Dafür reist er regelmäßig in Länder, die als die gefährlichsten der Welt gelten.
Da gibt es diesen Film, den er in seinen Seminaren oft zeigt. Man sieht einen Afrikaner in einem blauen T-Shirt, der mitten in einem Gespräch mit zwei Frauen aufspringt, eine Teppichleiste von der Wand reißt und zum Fenster rennt. Dort fuchtelt er mit dem Holzstück herum und brüllt Befehle, als ob er ein Fort verteidigen müsste.
Dieser Mann ist ein ehemaliger Kindersoldat. Er arbeitete sich zum Kommandanten hoch, er brachte Menschen um und befahl anderen Menschen, Menschen umzubringen. Das ist schon eine Weile her, aber irgendetwas in diesem kargen Raum, der Tisch und die Stühle und die beiden Therapeutinnen, irgendetwas, eine Erinnerung oder ein Geräusch oder ein Geruch, hat ihn in sein altes Leben zurückgeholt. Und dann ging es wieder los, und dann kamen sie wieder und griffen an, und er musste seine Männer auf sie hetzen und schießen und zuschlagen, denn wer zögert, stirbt.
Der Konstanzer Psychologe Thomas Elbert kann in seinen Vorlesungen viele Geschichten erzählen von Mördern und Massakern in afrikanischen Kriegsgebieten, von Massenvergewaltigungen und Kannibalismus, von Hass, Brutalität, Angst und so unfassbarem Leid, dass man an der Menschheit verzweifelt. Wer bei ihm studiert, hat aber nicht nur einen weitgereisten Kenner menschlicher Abgründe vor sich, einen mutigen Abenteurer mit dröhnender Stimme und Vollbart, der mehrere Jahre in den schlimmsten Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt zugebracht hat: in Ländern wie Uganda, Kongo, Somalia, Ruanda und Afghanistan. Elbert ist auch ein Wissenschaftler der Spitzenklasse, ein Mann, der Forschungspreise und Fördergelder einheimst. Oder wie es seine Studenten ausdrücken: Die Folien seien zwar oft schlampig, die Vorlesungen dennoch "extrem spannend, einfach wow".
Was macht Menschen zu Killern? Was richtet Gewalt mit uns an, in unserem Gehirn, in unserer Psyche? Und kann man das wieder rückgängig machen?
Elbert beschäftigt sich mit diesen Fragen seit Ende der neunziger Jahre. In einem Urlaub in Zimbabwe traf er ein Team von Ärzte ohne Grenzen. Schnell entspann sich eine Debatte darüber, dass man doch so wenig über Kriegstraumata wisse, eigentlich müsse sich mal einer der Frage annehmen.
Elberts erste Forschungsstation war in Uganda. Er und seine Kollegen arbeiteten dort in einem Camp, in dem 10000 Flüchtlinge lebten. Menschen, die Massaker in ihrem Dorf, an ihrer Familie gesehen hatten. Menschen, die zusammengeschlagen und verstümmelt worden waren. Ein Drittel, stellten sie fest, war "nicht mehr lebensfähig". Die saßen nur herum und starrten gegen Wände oder bekamen Panikattacken und Flashbacks wie der ehemalige Kindersoldat im blauen T-Shirt, der sich mitten in einer Sitzung mit seinen Psychologinnen plötzlich wieder im Kampf wähnte.
In der Therapie wird deshalb versucht, die schlechten Erinnerungen so in der Vergangenheit zu verankern, dass sie die Menschen nicht mehr heimsuchen können. Das hilft auch den Therapeuten, selbst Distanz zu den Ereignissen zu gewinnen. "Man muss aufpassen, dass man nicht auch irgendwann Angst bekommt oder in depressive Stimmungen verfällt", sagt Elbert. Und manchmal, das sei leider so, helfe da nur noch Zynismus.
Als er mit einem Rebellen arbeitete, der zuweilen Menschenfleisch aß, hielt Elbert dem Mann irgendwann seinen Arm hin mit den Worten: "Mal probieren?" Woraufhin der andere sagte, nein, Fleisch von Weißen sei eklig. "Und dann lachten wir beide, aber eigentlich ist das natürlich überhaupt nicht witzig", sagt Elbert.
Wenn Studenten nachvollziehen wollen, was es heißt, in Bürgerkriegsgebieten zu arbeiten, können sie Praktika in seinen Forschungsstationen in Afrika machen. Und sollten sie auf dem Weg in die Camps an einem Dorf vorbeifahren, das gerade überfallen wurde, wofür qualmende Hütten und menschenleere Sandwege sprechen - dann sind sie dem Grauen nahe, das Menschen zerstören kann.
Caroline Schmidt
GANZ KURZ
Thomas Elbert, 62, studierte in München Physik und Psychologie. Nach seiner Promotion im Jahr 1978 lehrte er in Tübingen, unterbrochen von Gastprofessuren an der Pennsylvania State University und an der Stanford University. Seit 1995 lebt er in Konstanz, wo er die Professur für Klinische Psychologie und Neuropsychologie innehat.
UniSPIEGEL 1/2013
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