09.02.2013

Feindliche Umgebung

Von Hansen, Klaus P.

Warum es an den Universitäten immer schwieriger wird, sich vertieftes Wissen anzueignen

Eine Gattung stirbt. Es ist die Gattung der Gelehrten. Die Universitäten entziehen ihr den Lebensraum.

Früher, vor Bologna und Exzellenzinitiative, waren fast alle Professoren Gelehrte. Heute sind sie in erster Linie Bürokraten, Manager, Internationalisten, Wettbewerber und Moderatoren, die um die Gunst des Publikums buhlen. Gelehrte zeichnen sich durch immenses Wissen aus. Sie überblicken ihr Fach in seiner Gänze, und auf diesem Fundament schaffen sie sich Bereiche herausragender Expertise. Dort kennen sie jedes Detail sowohl der Quellen als auch der Sekundärliteratur. Ihre Tätigkeit ist oft einsam und besteht im bloßen Lesen von Büchern und Aufsätzen. Von Lärm und Störung abgeschirmt, sitzen sie in Archiven, Bibliotheken oder in stickigen, mit Papieren jeder Form vollgestopften Studierstuben. Heute wird so etwas nicht mehr wertgeschätzt. Für Gelehrte wird die Uni zur feindlichen Umgebung.

Das Aussterben der Gelehrten ist das Resultat eines kulturellen Wandels: Stundenlang, in völliger Einsamkeit, Buch für Buch zu lesen passt nicht mehr in unsere Zeit, die vom Wettbewerb dominiert ist und in der es um schnellen Austausch und das richtige Netzwerken geht. Die Universität, der bisherige Hort des Wissens, sieht die Wissensgewinnung als nicht mehr zeitgemäß an.

Der Gelehrte war fast immer Fachgelehrter. Sein immenses Wissen war Fachwissen, es bezog sich auf eine begrenzte Disziplin wie Philosophie, Germanistik oder Soziologie. Sein Wissenserwerb erfolgte kanalisiert und verschwamm nicht im Uferlosen. Moderne Studiengänge, mit deren Hilfe Universitäten in Wettbewerb treten, entfernen sich gern von den klassischen Fächern und bieten an ihrer Stelle Konglomerate wie die "European Studies" oder die in Passau erfundenen "Diplomkulturwissenschaften". In beiden Fällen ist der Fokus zu groß, das Resultat ist die bloße Addition von verbindungslosem Wissen.

Wenn der Student der - natürlich anglifizierten - "European Studies" Veranstaltungen zu Themen wie "Shakespeares Königsdramen", "Die Revolution von 1848" und "Hilfsverben im Spanischen" besucht -, wie kann er dann die mitgeschriebenen und zu Hause gelernten Wissensvorräte in irgendeine zusammenhängende Ordnung bringen? Wenn wie in der "Diplomkulturwissenschaft" noch ein Anteil Betriebswirtschaftslehre hinzukommt, nimmt die Unübersichtlichkeit weiter zu. Studium und Forschung verharren an der Oberfläche, Tiefe ist nicht mehr gefragt.

Das gilt auch für empirische Studien und Befragungen, die sich zur häufigsten Form von Forschung entwickelt haben. Da werden deutsche Arbeiter über ihre türkischen Kollegen befragt und Vorurteile entdeckt. Da werden Mütter entlarvt, die ihren zu dicken Säugling für normalgewichtig halten. Da wird festgestellt, dass Kinder von Eltern, die rauchen, das Laster oft übernehmen. Nichts ist trivial genug, um nicht in einer durch Drittmittel geförderten Studie mal schnell erforscht zu werden. Da die Forscher dabei empirisch vorgehen und angeblich in direktem Kontakt zur Wirklichkeit stehen, glauben sie auf jede Art von Wissen, vor allem auf altes, verzichten zu können. Wichtig ist die Botschaft - zum Beispiel: Männer mit jüngeren Frauen leben länger als die mit gleichaltrigen. Dass das auch andere Gründe haben kann als das bloße Alter des Partners, beispielsweise ein gesunder Lebenswandel, wird ausgeblendet. Die Nachricht muss möglichst simpel sein. Studien sind daher weitgehend wissensfrei.

Der Gelehrte und sein Wissen werden aber nicht nur durch die genannten Neuerungen ausgeschlossen, sondern ebenso durch das geänderte Anforderungsprofil der Professur. Vom ambitionierten Lehrstuhlinhaber werden neuerdings Fähigkeiten verlangt, die wissenschaftsfremd sind. Die Schuld daran trägt das Allheilmittel Wettbewerb, das seit kurzem auch im Hochschulbereich Wunder wirken soll.

Sicherlich standen auch die Gelehrten, die ja von menschlicher Eitelkeit nicht verschont waren, im Wettstreit um das größere Wissen oder die bessere Expertise. Wettstreit mag der Qualität förderlich sein, nicht aber der staatlich beförderte Wettbewerb, der falsche Maßstäbe setzt. Was er ankurbelt, sind nicht Forschungsergebnisse, sondern Forschungsprojekte, die vor allem groß und international sein sollen. Um sie genehmigt zu bekommen, muss der Initiator in endlos langen Meetings sitzen und Ordner füllende Anträge schreiben.

Ein anderer dornenreicher Weg ist die Gewinnung von privaten Sponsoren, was besondere, aber wiederum keine wissenschaftlichen Talente verlangt. Der Höhepunkt an Ehre und bürokratischem Aufwand ist die Verleihung des Ordens Exzellenz durch das Wissenschaftsministerium. Er belohnt nicht wissenschaftliche Exzellenz, er belohnt nicht, Bücher zu lesen, sondern er belohnt, einen guten Antrag zu stellen.

Ist eine Uni dann Exzellenz-Uni, lockt das Studenten an und erhöht das Renommee. Der Qualität der Forschung dient es meistens nicht, was man auch daran erkennen kann, dass Forschungsergebnisse oft in Anthologien, also Sammelpublikationen veröffentlicht werden, die dann weithin ungelesen in den Bibliotheken verschwinden. Diese Anthologien machen inzwischen den Löwenanteil des wissenschaftlichen Buchmarkts aus, aber echte Paradigmenwechsel wurden noch nie durch Fachaufsätze oder Anthologien angestoßen, sondern stets durch wirkliche Bücher, also durch Monografien, die das Werk eines einzigen Gelehrten waren. Überspitzt formuliert: Wissenschaftlicher Fortschritt vollzieht sich nur durch Bücherlesen und Bücherschreiben.

Bisher kam das Neue meist von den jungen Wissenschaftlern. Derzeit arbeiten sie aber unter Bedingungen, die keine großen Würfe erlauben. Für den Nachwuchs stehen nur noch befristete Stellen zur Verfügung, entweder eine halbe Stelle, auf der die Arbeit eines ganzen Mitarbeiters verrichtet wird, oder im besten Fall eine Juniorprofessur. Die Befristungen liegen im Durchschnitt bei zwei Jahren; danach muss ein Antrag auf Verlängerung gestellt werden, in dem abgeschlossene oder geplante Projekte aufgelistet werden, zum Beispiel Vorträge auf Tagungen oder Fachaufsätze. Außerdem wird ein Nachweis der Lehrbefähigung verlangt, der durch das zweifelhafte Instrument der Studentenbefragung erfolgt. Der strategisch kluge Mittelbauer tendiert deshalb zu Infotainment und einer Senkung der Anforderungen.

In einer solchen auf Kurzfristigkeit und kleinteilige Wissenschaft angelegten Situation findet der Nachwuchs kaum Zeit für das Eigentliche, die Dissertation oder Habilitation, also für richtige Bücher. Daher ist es zum Beispiel konsequent, dass inzwischen auch die kumulative Dissertationen erlaubt ist. Damit bezeichnet man eine Art der Promotion, bei der mehrere Veröffentlichungen in Fachzeitschriften zum Doktortitel führen.

Kurzum, wir leben in einer Zeit, die von den Bedingungen her Gelehrtheit und vielleicht auch Genialität eher verhindert. Wenn der Professor die Rolle des Managers spielt und der Nachwuchswissenschaftler als Zeitarbeiter vegetiert, dann können nur noch Buchbesprechungen gesichtet werden, was ja zum Mitreden reicht. Bücher ganz zu lesen, bloß herumzuschmökern, was ja oft zu neuen Ideen führt, sind aussterbende Beschäftigungen. Man kann nur noch hoffen, dass der Geist auch weiterhin weht, wo er will, und selbst in der gelehrtenfeindlichen Umgebung moderner Hochschulen noch ab und zu Gelehrte auftauchen - und vielleicht sogar Genies.-

Prof. Dr. Klaus P. Hansen, 70, leitet die Forschungsstelle Grundlagen Kulturwissenschaft an der Universität Passau.


UniSPIEGEL 1/2013
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