09.02.2013

"Halt einfach deine Klappe"

Auch wenn er auf diesem Bild anderes behauptet: Student Mehman Huseynov bloggt weiter gegen das Unrecht an, das in seinem Heimatland Aserbaidschan geschieht. Das könnte ihn bald ins Gefängnis bringen.
Mehman Huseynov muss sich um vieles Sorgen machen, aber nicht darum, dass er seinen Abschluss verpatzt. Wenn seine Professoren an der Universität in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, ihr Versprechen halten, dann werden sie ihm im Sommer dieses Jahres ein Zeugnis mit guten Noten ausstellen. Mehman, 22 Jahre alt, setzte schließlich keinen Fuß mehr in die Uni, er konnte also keine Unruhe unter seinen Kommilitonen verbreiten. Er hielt sich also an den Deal. Außerdem hatte er schlicht keine Zeit mehr für sein Studium des IT-Managements.
Mehman, ein junger Mann mit dichtem schwarzen Haar, auf dem Kopf lockig und an den Seiten rasiert, ist einer der bekanntesten Videoblogger des Landes und arbeitet als Journalist für Sender und Zeitungen in aller Welt. Seine Bilder und Berichte zeigen, was falsch läuft in Aserbaidschan, dem autoritär regierten Staat am Kaspischen Meer, der ebenso reich ist an Öl wie an Verstößen gegen die Menschenrechte. Sie dokumentieren, dass Menschen ihre Häuser für Prestigebauten des Regimes weggenommen werden. Sie beweisen, dass Polizisten brutal gegen Regimegegner vorgehen. "Meine Aufgabe ist es, die Realität von Aserbaidschan zu zeigen", sagt Mehman.
Ein paar Monate lang schaute die Welt mal genauer hin, vor dem Eurovision Song Contest (ESC), der am 26. Mai vergangenen Jahres in Baku stattfand. Doch als die Stars abgereist waren, gingen auch die ausländischen Journalisten. Mehman aber setzte fort, was er vor fünf Jahren begonnen hatte: Menschenrechtsverstöße dokumentieren, Korruption anprangern, für die Freiheit der Berichterstattung kämpfen. Er scheut auch nicht davor zurück, Staatspräsident Ilcham Alijew offen zu kritisieren: einen quasi diktatorisch regierenden Mann, dessen Familie in dubiose Geschäfte verwickelt sein soll.
Regimekritiker und Journalisten leben gefährlich in Aserbaidschan. Es ist immer wieder von Folter die Rede, zwei Journalisten wurden in den vergangenen Jahren ermordet. Mehman Huseynov geht wie viele andere davon aus, dass das Regime hinter den Taten steckt. Viele Oppositionelle haben das Land inzwischen verlassen, was auch daran liegt, dass der Griff des Regimes wieder härter wurde, als der ESC gelaufen war. Auch Mehman bekam das zu spüren.
Es war am Abend des 12. Juni 2012, als er in Handschellen in einer Bakuer Polizeiwache saß. Die Beamten hatten ihn festgenommen, weil er gut zwei Wochen zuvor auf dem schmucken Brunnenplatz in der Innenstadt eine Protestaktion fotografiert hatte, ausgerechnet am Vorabend des ersten ESC-Halbfinales. Polizisten hatten die Demonstration aufgelöst, Mehman Huseynov war von einem Beamten geschubst worden. Weil dabei seine Kamera zu Bruch ging, geriet er in Streit mit dem Polizisten. Ein Konflikt mit Folgen, denn nun wurde ihm an diesem Juni-Abend der Vorwurf gemacht: Hooliganismus und Widerstand gegen die Staatsgewalt.
Mehman wurde verhört und musste lange warten, dann kamen um Mitternacht zwei Herren im Anzug. Er ist sich sicher, dass sie Mitarbeiter des Ministeriums für Nationale Sicherheit waren. "Einer von ihnen hat 1000 Dollar aus der Tasche gezogen und vor mir auf den Tisch gelegt", berichtet Mehman. "Dann hat er gesagt: Das Geld gehört dir. Willst du ein Auto? Hier ist der Schlüssel. Willst du eine Wohnung im Zentrum von Baku? Hier ist der Schlüssel. Halt nur einfach deine Klappe." Mehman lehnte ab. "Ich habe ihnen gesagt: Das kann ich nicht machen. Wenn ich das nähme, würde die Regierung mich kaufen. Ich bin aber ein unabhängiger Journalist."
Am Abend des 13. Juni kam Mehman Huseynov frei. Seitdem aber schwebt ein Verfahren über ihm. Kurioserweise heißt es nun sogar, er soll bei dem Streit um die Kamera gleich fünf in Kampfanzügen gekleidete Spezialpolizisten geschlagen haben.
Einmal im Monat muss sich Mehman auf einer Polizeiwache melden. Wenn er Baku verlassen will, ist er verpflichtet, die Zustimmung der Behörden einzuholen. Verstößt er dagegen, drohen ihm fünf Jahre Haft, und die ist in Aserbaidschan deutlich schwerer zu überstehen als in einem deutschen Gefängnis. "Ich bin in ihrer Hand. Wann immer sie wollen, können sie mich einsperren", sagt er. Er hat trotzdem nicht aufgehört, unter anderem auf seiner Facebook-Seite über das Unrecht zu berichten, das täglich in seiner Heimat geschieht.
Dass der Staat bisher noch vergleichsweise freundlich mit ihm umgeht und ihm Schweigegeld bot, statt ihn aus dem Verkehr zu ziehen, könnte an seiner Bekanntheit liegen. Wenn Mehman durch Bakus Fußgängerzone spaziert, grüßen die jungen Leute ihn. "Hey, du bist Mehman von Facebook", sagen sie. In kurzen Abständen klingelt sein Mobiltelefon. Spätestens seit seiner Festnahme verfolgen westliche Menschenrechtler, Journalisten und Diplomaten in Baku sein Schicksal aufmerksam. "Deswegen glaube ich nicht, dass mir der Staat ernsthaft schaden oder mich gar töten wird wie andere Oppositionelle", sagt er.
Mehmans Familie akzeptiert, was er tut. Einer seiner älteren Brüder ist ein bekannter Regimegegner. Freunde und Studienkollegen bestärken ihn, denn selbst haben sie seinen Mut nämlich nicht. "Die meisten jungen Leute schlafen. Sie haben Angst, Korruption oder den Präsidenten zu kritisieren. Also trinken sie Tee und tun gar nichts", sagt Mehman Huseynov. "Ich muss weitermachen."-
Von Christian Siepmann

UniSPIEGEL 1/2013
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