09.02.2013

Viel Spaß beim Kellnern!

Noch immer kursiert das Gerücht, dass Geisteswissenschaftler notgedrungen als Taxifahrer enden oder als Bedienung in der Kneipe. Das Gerücht ist falsch. Leicht haben es Historiker und Co. trotzdem nicht.
VON BORIS BREYER (TEXT) PAULA TROXLER (ILLUSTRATIONEN)
Gwendolin Lehnerer sitzt in ihrer Münchner WG-Küche und kann gar nicht aufhören, über das Fach zu sprechen, das sie studiert: Theaterwissenschaften, die große Leidenschaft der 21-Jährigen. Die lässt sie sich auch nicht vermiesen, und so hat sie inzwischen gelernt, diese eine Frage auszuhalten, die ihr nun seit drei Semestern immer wieder gestellt wird: "Theaterwissenschaften? Was willst du denn später damit machen?" Meist wird dann noch ein "Du bist ja mutig!" hinterhergeschoben. Es bedeutet so viel wie: Na, dann mal viel Spaß beim Taxifahren. Oder beim Kellnern.
Wie viele andere wusste Gwendolin nach ihrem Abitur nicht recht, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Die Welt stand offen, die Möglichkeiten schienen unbegrenzt. Was studieren? Ein Fach wie Medizin, Mathe oder Informatik, das nach dem Examen einen Job mit gutem Einstiegsgehalt so gut wie garantiert? Das dafür aber nicht ihren Interessen entspricht? Oder doch ihren Wünschen folgen, auch wenn nicht klar ist, wohin dieser Weg sie führt?
Gwendolin entschied sich für Letzteres. Ihre Mutter hatte zwar "ein wenig Bammel", sie selbst aber war sich ihrer Sache sicher. "Ich studiere etwas, in dem ich aufgehe, und deshalb bin ich jetzt auch richtig gut." Und wer etwas gut kann, so lautet Gwendolins Maxime, der wird auch einen Job finden.
Dabei kann man Mutter Lehnerer durchaus verstehen, genauso wie alle anderen Eltern, die Kopfschmerzen bekommen, wenn ihre Kinder auf einmal Studienwünsche wie Archäologie, Soziologie oder Kulturpädagogik an sie herantragen. Derlei Fächer gelten von jeher als ziemlich brotlose Kunst. Die Frage ist, ob das auch zu Recht so ist.
Alexander Brede studiert seit fünf Jahren Geschichte und sitzt an seiner Masterarbeit. Er weiß, dass in seinem Fach eine der höchsten Arbeitslosenraten unter den Absolventen der Geisteswissenschaften zu verzeichnen ist. Trotzdem hat er seinen Schritt nicht bereut: Er liebt die Geschichtswissenschaften - und wird von seinen Eltern unterstützt. Die rieten ihm, sich bei der Studienwahl an seinen Interessen zu orientieren und nicht in erster Linie an Karrierechancen.
Nach seinem Abschluss möchte Alexander "am liebsten an der Uni bleiben und forschen". Bei seinem Nebenjob als Tutor für jüngere Studenten entdeckte er, dass ihm auch das Unterrichten liegt, ein Job als Dozent wäre also genau das Richtige für ihn. Denkbar ist für ihn zudem, sich als Historiker in einem Archiv zu bewerben. Der Berufseinstieg wird auf jeden Fall nicht einfach. Laut dem "Informationssystem Studienwahl und Arbeitsmarkt", einem Projekt der Uni Duisburg-Essen, das Studienfächer auf Jobchancen untersucht, tun sich Historiker da besonders schwer.
Alexander ist auf mögliche Startprobleme vorbereitet. Findet er keinen Arbeitsplatz an einer Universität, würde er sich auch für den Dienst in einer Behörde bewerben. Im Idealfall in einer Verwaltung, die "irgendwas mit Häfen zu tun hat". Die Beschäftigung mit Schifffahrtsthemen zählt nämlich zu seinen Hobbys, und bei seiner Abschlussarbeit hat ihm das genützt: Er erforschte die Geschichte des Hamburger Hafens.
Würde Alexander in einer Behörde landen, wäre das kein Einzelfall. Manchen Historikern ist es tatsächlich gelungen, in Ämtern Fuß zu fassen, andere arbeiten in Consultingfirmen. Auch Theaterwissenschaftler und Sozialpädagogen heuern regelmäßig fachfremd an, zum Beispiel bei Internet-Start-ups.
Das Hochschul-Informations-System (HIS) ermittelte zwar kürzlich, dass in den vergangenen vier Jahren nur durchschnittlich zwei Prozent aller Uni-Absolventen arbeitslos waren - in der Gesamtbevölkerung lag die Arbeitslosenquote Ende 2012 bei 6,7 Prozent. Doch unter Geisteswissenschaftlern und Pädagogen arbeiteten nur etwa 50 Prozent in einem Beruf, der genau ihrer Ausbildung entsprach.
Das Ausweichen auf Alternativen hat seinen Preis. Während etwa die Mediziner des Absolventenjahrgangs 2009 laut einer HIS-Studie zwei Jahre nach ihrem Berufseinstieg knapp 50000 Euro brutto im Jahr verdienen, kommen ihre Mitstudenten aus den geisteswissenschaftlichen Fächern - also jene, die besonders oft auf andere Berufsbilder ausweichen müssen - nur auf wenig mehr als die Hälfte.
Überzeugungstäterinnen wie die Theaterwissenschaftsstudentin Gwendolin irritiert das nicht. "Ich studiere doch nicht BWL oder Medizin, nur um später einen sicheren Job und ein gutes Gehalt zu haben", sagt sie und ist fast ein bisschen empört. "Ich finde, die Leute sollten das machen, was ihnen am Herzen liegt." Das sieht inzwischen sogar ihre Mutter so. Und eigentlich studiert Gwendolin ja auch etwas richtig Solides - zumindest im familieninternen Vergleich. Ihre Schwester ist an der Kunstakademie.
Von Boris Breyer

UniSPIEGEL 1/2013
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