09.02.2013

Von Greiner, Lena und Kleinhubbert, Guido

In den tristgrauen Uni-Gebäuden tropft, müffelt und bröckelt es jedes Jahr etwas mehr. Wer Pech hat, wird im Seminarraum vergiftet. Oder von herabstürzenden Betonteilen erschlagen.

Philosophische Fakultät I der Universität Würzburg: nicht nur feucht, sondern auch kalt

Uni-Gebäude in Düsseldorf und Bochum: eine Zumutung für Studenten wie Professoren

Mal wieder grauer Himmel über Düsseldorf, leichter Regen, zwei Grad. Ulf Pallme König, Kanzler der Heinrich-Heine-Universität (HHU), tritt vor das Verwaltungsgebäude, klagt über das "Schietwetter" und spannt seinen schwarzen Regenschirm auf, der groß genug für zwei ist. Er will seinem Besucher zum Auftakt des Rundgangs erst einmal was Schönes zeigen. "Was fürs Auge", sagt der Professor für Verwaltungsrecht.

Durch den Regen geht es dann über den Vorplatz des Rektorats und vorbei an der Mensa, dann steht man etwas später vorm Oeconomicum, einem Prachtbau mit grünlich illuminierter Glasfassade und vorgelagerter Holzterrasse. Das 2010 eröffnete Gebäude für den wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchs beschreibt eine leichte Kurve und wurde von zwei Düsseldorfer Unternehmerfamilien gesponsert. Kosten: 40 Millionen Euro. Architekt: Christoph Ingenhoven, der auch die Google-Hauptzentrale in Palo Alto, Kalifornien, entworfen hat. "Ist doch super, oder?", fragt Pallme König.

Ja, ist super das Oeconomicum, besonders im Vergleich zu den anderen Gebäuden, die so rumstehen auf dem HHU-Campus. Die Lernbunker wurden zum überwiegenden Teil in den siebziger Jahren gebaut, als man auch Türklinken oder Tafeln aus Beton gefertigt hätte, wenn das möglich gewesen wäre. Die tristgraue Optik ist allerdings nicht das Hauptproblem der HHU-Häuser.

Viel schlimmer ist es, dass es in Seminarräumen tropft, dass es bröckelt und müffelt und manche Büros und Forschungsräume derart abgeranzt sind, dass sich Uni-Mitarbeiter schämen, wenn sie Besuch von ausländischen Kollegen bekommen. Außerdem streikt immer öfter die Klima- und Lüftungstechnik, was unter anderem den Effekt haben könnte, dass Zehntausende Bücher in der Bibliothek Schaden nehmen. Mit Ausnahme des feinen Oeconomicums sind die HHU-Häuser also ziemlich runtergekommen, innen wie außen. Kanzler Pallme König würde ja gern etwas dagegen unternehmen, aber leider weiß er nicht so recht, wo die 850 Millionen Euro herkommen sollen, um alle Schäden zu beheben.

Es handelt sich um ein Problem, das viele seiner Kollegen plagt. Deutschlands Hochschulgebäude sind größtenteils eine Zumutung, für Studenten und Professoren - Geld für Reparaturarbeiten fließt aber viel zu wenig. Mittlerweile ist ein Sanierungsstau in Höhe von 30 Milliarden Euro aufgelaufen. In einigen Uni-Städten müssen Hochschüler und Personal manchmal Schirme spannen, um im Seminarraum oder Büro nicht nass zu werden, zum Beispiel in Bochum. Oder die Jacke anlassen, weil die oft morschen Fenster nicht mehr richtig schließen.

Frieren ist allerdings halb so schlimm, wenn man bedenkt, dass die Baufälligkeit der Alma Mater mancherorts sogar Leib und Leben bedroht: Ein Gebäude der TU Berlin zum Beispiel ist seit Jahren eingezäunt, weil Fassadenteile auf Passanten runterfallen könnten. Die Kölner Universität spannte in mehreren Hörsälen Netze, weil Lampen hätten herunterkrachen können. In Greifswald löste sich ein Stück Putz aus der Decke eines Seminarraums und verfehlte einen Professor knapp. Jetzt wurde das komplette Gebäude gesperrt.

Auch im Düsseldorfer HHU-Trakt 25.12, wo die Informatiker ausgebildet werden, brachen Ende vorigen Jahres faustgroße Betonbrocken aus dem Treppenhaus. "Da haben wir echt Glück gehabt", sagt Pallme König. Der Rektor regt noch einen kurzen Umweg durch einen Tunnel an, der zwei Seminargebäude miteinander verbindet. Weil es inzwischen stark regnet, sucht sich besonders viel Wasser einen Weg durch Boden und Tunneldecke. Die Hausmeister haben rote Eimer aufgestellt, aber die reichen nicht aus: Als Pallme König links um eine Ecke biegt, steht er mit einem Fuß in einer Pfütze.

Dass es so weit gekommen ist im Land der Dichter und Denker, im wirtschaftlich stärksten Staat Europas, ist keine Überraschung. Denn die Länder gründeten in den sechziger und siebziger Jahren zwar eine neue Uni nach der anderen, allein in Nordrhein-Westfalen waren es zehn. Doch wenn es um den Unterhalt ging, wurde die Verantwortung zwischen Bund, einzelnen Landesministerien, Kommunen und den Hochschulen regelmäßig hin- und hergeschoben. Effekt: Es passierte oft gar nichts. Einig war man sich dann schon eher, wenn es um schicke prestigeträchtige Neubauten wie das Oeconomicum ging.

Das war fahrlässig, weil gerade die Bauten aus den Sechzigern und Siebzigern viel Pflege gebraucht hätten - unter anderem wegen der Flachdächer, auf denen sich Regenwasser sammelt. Von dort aus läuft es dann in Wände und Decken und richtet Millionenschäden an, wenn man nicht aufpasst. Besonders teuer wird an vielen Unis auch die überfällige Erneuerung und Anpassung der jahrzehntelang vernachlässigten Haus- und Betriebstechnik - Kabel und Rohre etwa, die neu verlegt werden müssen. Oft sind ausgerechnet diejenigen Schäden am kostspieligsten zu beheben, die man nicht sofort sieht.

Und wer einmal anfängt, genau hinzuschauen, entdeckt immer mehr Probleme, die längst hätten gelöst werden müssen. Zu lange untätig war man zum Beispiel an den Botanischen Instituten der Universität Würzburg im superreichen Land Bayern. Dort kam es nach jahrelanger Aufschieberitis kürzlich zum Ernstfall. Ein Fakultätshaus mit Hörsaal und Ausstellungsräumen hätte eigentlich schon um die Jahrtausendwende renoviert werden sollen. Nichts passierte. Der Verschleiß führte schließlich zu einem großen Wasserschaden: Die Decken kamen runter, das Haus darf derzeit nicht betreten werden. Wahrscheinlich wird es jetzt komplett abgerissen.

Auch andere Gebäude der Würzburger Universität sind marode. "Aufgrund des Bauzustandes ist es nicht auszuschließen, dass in der Tiefgarage Gegenstände herabfallen und Flüssigkeiten herabtropfen. Das Begehen, Befahren und Einstellen von Fahrzeugen erfolgt auf eigene Gefahr", warnt ein Hinweisschild an der Einfahrt zur Tiefgarage am Hubland-Campus. Ungefähr 17000 der 25000 Würzburger Studenten besuchen auf diesem Gelände Seminare, die Bibliothek und die Mensa. Einsturzgefährdet sei die Tiefgarage zwar nicht, sagt Klug. Aber wer will schon garantieren, dass nicht der eine oder andere Brocken mal runterfällt? Deshalb haftet die Uni nicht mehr.

Ein paar Meter weiter steht die Philosophische Fakultät I, ein grauer Sechziger-Jahre-Bau mit gewöhnungsbedürftigem Innenleben: In der Eingangshalle hängen Kabel frei an der Decke, die Holzverkleidung musste wegen Brandschutzbestimmungen abmontiert werden. Ersetzt wurde sie nicht. Einige Flure sind vollkommen dunkel, in einem Gang wurden anstelle von Lampen einfach Baustrahler auf Schränke gelegt. "Die Anträge unserer Fakultät scheitern immer", sagt Stephan Hemmerich von der Fachschaft. Seit Jahren kämpfen die Studentenvertreter für neue Toiletten. Auf dem Männerklo seien die Pinkelrinnen verstopft und die Wände verschimmelt. "Dort riecht es erbärmlich", sagt Hemmerich.

Die gesamte Uni hat laut Kanzler Klug einen Investitionsbedarf von ungefähr einer halben Milliarde Euro. Sein Büro liegt im Hauptgebäude, einem nach außen hin prachtvollen Bau mit Säulen und Statuen. Eine Freitreppe führt in einen großzügigen Lichthof. Bei Regen stehen hier Eimer, 14 Stück zählte eine Sekretärin kürzlich. Allerdings ist es nicht nur feucht, sondern auch kalt: Heizung und Elektrik funktionieren nur leidlich. Im vorigen Winter zeigte das Thermometer in den Hörsälen der Wirtschaftswissenschaftler sechs Grad.

Einige Kilometer entfernt, in einem Gebäude der Biowissenschaften, zieht auch kalter Wind durch morsche Holzfenster. Die Heizungen sind aufgedreht, Umweltschutz ist unmöglich. Weil die Energieversorgung miserabel ist, müssen die Studenten ohne moderne Pflanzenkammern auskommen - dabei würden solche Anzuchtbedingungen die Forschungsarbeit und damit die akademische Qualität verbessern.

"Die baulich-technische Infrastruktur von Universitäten ist ein wesentlicher Faktor für deren Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit", schrieben kürzlich die Kanzler der deutschen Universitäten in einer Art Brandbrief, nachdem sie auf ihrer Jahrestagung in Düsseldorf zusammengekommen waren. Kanzler Pallme König hofft, dass jetzt ein Ruck durch die Politik geht.

Dringend muss zum Beispiel der komplette Gebäudekomplex 23 der Heinrich-Heine-Universität geräumt und erneuert werden, weil der - wie zig andere deutsche Uni-Gebäude - stark mit PCB belastet ist. Der Giftstoff durfte bis Ende der siebziger Jahre verbaut werden, jetzt will man ihn den Studenten nicht mehr zumuten: PCB gilt als krebserregend und schädigt das Immunsystem. Um Ersatzplatz für Veranstaltungen zu schaffen, wurden vor einigen Monaten Container auf dem Düsseldorfer Campus aufgestellt. Leider müssen die wieder abgerissen werden, weil deren Isolierung nichts taugte. Es hat sich so viel Schimmel gebildet, dass ein Unterricht darin ebenfalls gesundheitsgefährdend wäre.-

Toilettenräume in der Universität Würzburg: Pinkelrinnen verstopft, Wände verschimmelt

Euro werden für die Sanierung der Hochschulgebäude benötigt.

Rattenfalle in der Universität Würzburg: jahrelange Aufschieberitis


UniSPIEGEL 1/2013
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