09.02.2013

Bizarre BerufeDie Frau, die wo den Kurs gibt

Sprecherzieherin Ariane Willikonsky hilft Schwaben dabei, fern der Heimat verständliches Hochdeutsch zu sprechen. Teil 12 der Serie über ungewöhnliche Jobs.
Drei erwachsene Menschen sitzen zusammen und sprechen wie Babys: "Ba, be, bi, bo, bu, bei, beu, bau", sagen sie, "pa, pe, pi, po, pu, pei, peu, pau." Die Lehrerin lächelt zufrieden. "Sehr schön", sagt sie.
Die Lehrerin heißt Ariane Willikonsky und ist Chefin des Fon-Instituts in Stuttgart, einer Einrichtung für Coaching und Logopädie. Die zwei Männer und eine Frau, die heute gekommen sind, stammen aus Baden-Württemberg und haben ein Problem: Sie schwäbeln. Willikonsky soll helfen, dass sich das ändert. Sie soll ihnen Hochdeutsch beibringen, endlich.
"Es kommt vor, dass ich wegen meines Dialekts von meinen Gesprächspartnern veräppelt werde", erzählt Ulrich Bubeck, einer der Schüler. Er ist beruflich häufig im "nicht schwäbischen Ausland" unterwegs. Dort werde er oft nicht richtig verstanden, erzählt er. "Ich merke, dass Schwäbisch nicht nur positiv wahrgenommen wird."
Da könnte er recht haben. In Rankings taucht Schwäbisch neben Sächsisch regelmäßig unter den unbeliebtesten Dialekten auf. In Berlin wurde vor einigen Wochen erneut eine hitzige Debatte darüber geführt, ob es nicht zu viele zugezogene Schwaben in der Stadt gebe, es kamen viele Aggressionen hoch, auch gegen die Sprache. Angezettelt hatte sie der Vizepräsident des Bundestags, Wolfgang Thierse. Es kann sein, dass Willikonskys Arbeit noch nie so wichtig war wie heute.
Die Unterrichtsstunde im Fon-Institut beginnt um 10 Uhr morgens, spätestens gegen 17 Uhr sollen die Teilnehmer einen Text einigermaßen fehlerfrei auf Hochdeutsch vorlesen können. Zu Hause müssen sie dann mit Hilfe von CD und Buch weiter daran arbeiten, dass sie außerhalb Schwabens nicht allzu oft in Sprechfallen tappen.
An dem Satz "Das ist der Mann, der wo gestern angerufen hat" wird sich in Stuttgart und Umgebung niemand stören, in Hannover oder im Ruhrgebiet wird er dagegen zumindest für ein Schmunzeln sorgen. "Hochdeutschsprecher wirken bei Vorträgen oder Präsentationen auf die Zuhörer fachkundiger als Dialektsprecher, unbewusst ordnen ihm die Zuhörer sogar eine höhere Bildung zu", sagt Ariane Willikonsky. Allerdings gibt es einen Trost für sächselnde oder schwäbelnde Menschen: Nach einer Studie finden zum Beispiel Studenten Dialekt sprechende Hochschullehrer sympathischer. "Trotzdem sind nicht alle mit ihrem Dialekt glücklich", sagt Willikonsky.
Es gibt mehr als 2000 Begriffe, die nur in der schwäbischen Mundart vorkommen. Außerhalb Schwabens weiß kaum einer, dass mit Mucke nicht Musik, sondern eine Fliege gemeint ist. Dass "Gewand" Kleidung bedeutet und eine Wolldecke unter Schwaben "Teppich" heißt. Doch die Vokabeln sind nicht das große Problem. Schwerer wird es bei der Aussprache.
Ariane Willikonsky steckt sich den Daumen in den Mund - ihre Schüler tun es ihr nach. Dann wird gezählt: "Eins, zwei, drei." Mit dem Finger zwischen den Lippen trainieren die drei Schwaben hochdeutsche Wörter. Durch den Daumen wird die Artikulationsbewegung präziser: Das Sprechwerkzeug wird sozusagen entschwäbelt und fit gemacht fürs Hochdeutsche.
Vor zehn Jahren gründete Sprecherzieherin Willikonsky das Fon-Institut. Mittlerweile hat sie 50 Mitarbeiter in baden-württembergischen und bayerischen Filialen. An den Hochdeutschkursen nehmen Woche für Woche bis zu 50 Frauen und Männer teil, unterrichtet wird auch über Skype. Hochdeutsch gibt es für Schwaben, Sachsen, Bayern, Hessen, Pfälzer und Schweizer.
Unter ihren Schülern finden sich Manager, einfache Angestellte und Studenten. Oft sind es Menschen, die einen Karrieresprung gemacht haben, oder solche, die hoffen, dass ihnen Hochdeutsch im beruflichen Werdegang weiterhelfen wird.
Wie lange es dauert, bis die Schüler mühelos zwischen Dialekt und Hochdeutsch wechseln können, hängt von ihrer Begabung ab. Der Werbespruch von Fon soll ihnen Mut machen: "Wir können alles, auch Hochdeutsch."
Nur einmal musste sich Willikonsky bisher geschlagen geben. Ihr Mann, erzählt sie, spreche "breitestes Schwäbisch", aber er weigere sich hartnäckig, einen ihrer Kurse zu besuchen. Er wird weiterhin am Telefon über seine Frau sagen: "Das ist die Lehrerin, die wo den Kurs gibt."
MARIE-CHARLOTTE MAAS
Von Marie-Charlotte Maas

UniSPIEGEL 1/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


UniSPIEGEL 1/2013
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 05:00

Filmstarts der Woche "Hi, ich bin Frank Zappa"

  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?" Video 01:44
    Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?
  • Video "Videoanalyse zum Nein in Italien: Bankenkrise könnte sich verschärfen" Video 02:08
    Videoanalyse zum "Nein" in Italien: "Bankenkrise könnte sich verschärfen"
  • Video "Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat" Video 01:37
    Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat
  • Video "Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt" Video 01:01
    Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt