09.02.2013

Auf zur Jagd!

Dreimal so schnell lesen, aber doppelt so viel behalten? Weniger Zeit in der Bibliothek verbringen und stattdessen mit gutem Gewissen länger im Café sitzen? Funktioniert tatsächlich, hat UniSPIEGEL-Autorin Gunthild Kupitz herausgefunden.
Für diesen Text braucht ein Leser normalerweise fünf Minuten. Danach wird er gut die Hälfte der darin enthaltenen Informationen erinnern. Das ist keine sonderlich herausragende Leistung des Gehirns.
Tatsächlich ist es jedoch möglich, die folgenden Zeilen in der Hälfte der Zeit zu erfassen und rund 80 Prozent der Fakten zu behalten. Das behaupten nicht nur die Anbieter von Kursen wie "Speed Reading", "Turbo-Lesen" oder "Speed Students", die in fast allen Universitätsstädten angeboten werden - es gibt auch wissenschaftliche Belege dafür.
Auch meine eigenen Testergebnisse nach einem "Improved Reading"-Seminar in Hamburg im Frühjahr vergangenen Jahres schienen dies zu bestätigen. Statt anfangs 264 Wörter pro Minute (WpM) schaffte ich gegen Ende des zweiten Tages 496 WpM. Aber, und das ist noch viel wichtiger, ich hatte nach dem Lesen nicht nur wie zu Beginn 60 Prozent des Inhalts parat, sondern konnte beim Abschlusstest 85 Prozent der Kontrollfragen zum Text richtig beantworten. Was bedeutete, dass meine sogenannte Effective Reading Rate, kurz ERR, die Tempo und Verständnis in Beziehung setzt, bei 420 WpM lag.
Glückwunsch von mir an mich: Mein Wert war etwa dreimal höher als der des deutschen Durchschnitts
Leider war meine ERR gegen Ende Dezember wieder auf mein Ausgangsniveau von 224 gesunken, wie ein Test bewies. Dass ich zurückfiel, hatte einen einfachen Grund: Trotz meiner Erfahrungen in dem Kurs vertraute ich meinen Fähigkeiten nicht. Ständig beschlich mich beim Lesen von Zeitungsartikeln, Recherchematerial und Fachbüchern die Angst, mir könnten mit der neuen Methode wichtige Informationen entgehen. Deswegen mein Entschluss: Noch mal von vorne, diesmal im Selbststudium und immer schön üben - am besten jeden Tag mindestens 20 Minuten lang, wie Experten raten.
Anfang Januar las ich das theorieunterfütterte Praxisbuch "Schneller lesen. Besser verstehen" von Wolfgang Schmitz. Gleich auf Seite 19 steht mein Motivationssatz: "Angenommen, es sind zehn Stunden, die Sie jede Woche mit Lesen verbringen: Wenn Sie nur 25 Prozent schneller lesen (bei mindestens gleich hohem Textverständnis natürlich), gewinnen Sie zwei Arbeitswochen pro Jahr." Und 25 Prozent sind nur ein Anfang - 100 Prozent und mehr sind leicht möglich.
Was für Aussichten! Nicht nur für mich, sondern auch für Studenten: durch Sachbuchtexte rasen und fast alles behalten! Sich schneller Wissen aneignen und die Zeit, die man in der Bibliothek spart, dann im Café verbringen - mit gutem Gewissen, wohlgemerkt. Großartig!
Um zum Schnellleser zu werden, gilt es, drei Fehler auszumerzen. Erstens: das Subvokalisieren, also das stumme Mitsprechen. Zweitens: die Regression, das Zurückspringen im Text. Und drittens: das Wort-für-Wort lesen, das noch aus der Zeit des Lesenlernens stammt.
Als ich zum Üben aus dem Stapel ungelesener Zeitschriften einen Artikel über die desaströsen Zustände beim Energiekonzern EnBW auswähle, nehme ich mir vor, die drei Fehler zu vermeiden. Also: auf zur Jagd!
Überschrift, Vorspann, erster Absatz. Arrrgh, wie heißt noch mal der neue EnBW-Vorstandsvorsitzende, irgendein französischer Name, Mist; nein, nicht zurück; weiter, weiter. "... Betrug ... Untreue ... 20000 Mitarbeiter ... gelähmter Riese ..." Es ist, als raste ich in einem Bob einen Eiskanal runter, wissend, dass ich anschließend eine Landschaftsbeschreibung abgeben soll. Das Gefühl, Wesentliches zu verpassen, begleitet mich die gesamte Zeit. Und doch: Als ich anschließend den Text noch einmal langsam lese, stelle ich erstaunt den gleichen Effekt fest wie im Seminar. Die wesentlichen Fakten habe ich mir gemerkt. Neu ist nur der Name des EnBW-Vorstandsvorsitzenden: Frank Mastiaux.
Es stimmt also, was die Verfechter des Schnelllesens behaupten: "Schnelleres Lesen ist intensiveres Lesen." Das Gehirn, so lautet die Erklärung, ist beim normalen Lesen nämlich nur zu 25 Prozent ausgelastet. Deshalb beschäftigt man sich neben-bei mit anderen Dingen. Man hört Musik, denkt an Freunde, versinkt in Tagträumereien - und schweift vom Eigentlichen ab: dem Inhalt. Effekt: Man behält viel weniger.
In den folgenden zehn Tagen arbeite ich das Übungsbuch durch und versuche, die fünf Prinzipien des sogenannten erwachsenengerechten Lesens auf unterschiedlichste Sachtexte anzuwenden. Das heißt unter anderem: Nur noch wichtige Wörter innerlich mitsprechen (statt der vielen "der, die, das, auf, unter" und anderer wichtiger Wörter, die etwa 33 Prozent in Texten ausmachen). Konzentration auf sinngebende Substantive und Verben. Und vor allem: flexibel sein in der Anwendung der Schnelllesetechniken.
Am leichtesten fällt mir das "Scanning", eine Methode, bei der die Augen slalomartig Textseiten absuchen, um einzelne Begriffe, Zahlen oder Antworten auf bestimmte Fragen herauszufiltern. "Skimming" ist dagegen für mich schon sehr viel schwieriger. Es bedeutet, einen Text Zeile für Zeile schnellstmöglich visuell vollständig zu erfassen. Dabei soll man sich nur auf die Hauptaussagen konzentrieren und die Details ignorieren. Doch offenbar fehlt mir der Mut zur inhaltlichen Lücke. Seltsamerweise empfinde ich das sogenannte Querlesen, bei dem man großzügig die Absätze überfliegt, als angenehmer. Weil dabei aber von den Infos nur wenig hängenbleibt, streiche ich diese Methode für mich komplett. Sie ist Zeitverschwendung. Richtig effizient dagegen ist es, sich bei Sach- und Fachbüchern zuallererst einen groben Überblick zu verschaffen: Klappentext lesen, Inhaltsverzeichnis, Zusammenfassung - und dann im Fünf-Sekunden-Takt sämtliche Seiten anschauen. Weil sich so wesentliche Aussagen erfassen lassen, weiß man bereits nach einigen Minuten, ob es sich lohnen wird, mit dem Buch einen Nachmittag in der Bibliothek zu verbringen.
Ehrlich gesagt, richtig wohl fühle ich mich mit den neuen Lesetechniken immer noch nicht. Aber wie steht es in meinem Lehrbuch? "Es handelt sich um einen längeren, durchaus anstrengenden Lernprozess, mit Höhen und Tiefen." Für Training und Angstabbau habe ich mir nun vier Bücher bereitgelegt: eine hochgelobte Freud-Biografie von Peter Gay (928 Seiten), den Doppelband "Moderne Kunst" (insgesamt 688 Seiten) sowie Stefan Austs "Der Baader-Meinhof-Komplex" (672 Seiten). In knapp drei Wochen will ich durch sein.

SCANNING

Die gelbe Linie gibt die Richtung vor: Wer diesen Text mit der Scanning-Methode lesen will, muss ihn slalomartig nach den wichtigsten Fakten absuchen.

Von Gunthild Kupitz

UniSPIEGEL 1/2013
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