Von Boße, André
ein.
Kürzlich in den engen Räumen von KölnCampus, dem Studentenradio der Uni Köln. Es ist früher Abend, die blaue Stunde zwischen Seminar und Abendprogramm. In der Sendezentrale, gelegen in direkter Nähe zu den großen Hörsälen, ist es ruhig. Für ein Radiostudio gespenstisch ruhig.
Wo sind die Mitarbeiter? Warum wuseln durch die Redaktionsräume nicht ein Dutzend Studenten, die Radio machen wollen? Über neue Platten reden? Bands vorstellen, die noch keiner kennt? Sich als Comedians versuchen? Einen kritischen Kommentar über die umgeleitete U-Bahn-Linie aufsagen, die seit neuestem den Dom ins Wackeln bringt?
Die eine, die da ist, heißt Ina Plodroch und bereitet ihre Live-Sendung "Melophon" vor, die in 20 Minuten beginnt. Gleichzeitig spricht sie über die Probleme des Kölner Uni-Radios mit dem Nachwuchs. "Es ist schwer, neue Leute für die Sendungen zu bekommen. Viele Studis denken, ihnen fehle die Zeit für solche Dinge."
Ob Bachelor oder Master: Der Semesterstundenplan enge ein, die Studienordnung nötige dazu, andere Prioritäten zu setzen. "Und bei uns gibt's halt keine Credits."
Dann legt sie los und macht Radio. Moderation: sehr souverän. Musikauswahl: große Klasse. Digitale Studiotechnik: problemlos im Griff. Wären Personalchefs unter den Hörern, sie wären begeistert. Eine Studentin sammelt abseits der Seminare und Vorlesungen praktische Erfahrungen. Stellt eigenverantwortlich etwas auf die Beine. Ist Mitglied eines Redaktionsteams. Tobt sich aus, ist kreativ. Beweist Leidenschaft.
Die Sendung ist vorbei, auf das Lob reagiert Ina Plodroch beinahe entschuldigend. "Ich nehme mir halt einfach die Zeit, meinen Träumen nachzugehen. Und Radio zu machen ist einer dieser Träume."
Zeit, den Träumen nachzugehen - das klingt fast niedlich. Nach einem Spruch fürs Poesie-Album. Oder der Widmung, die auf vielen Glückwunschkarten zum bestandenen Abitur steht: "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume." Klar ist das Kitsch. Unklug ist dagegen, dass heute Träume im Lebensentwurf vieler Studenten überhaupt keine Rolle mehr spielen. Immer mehr junge Menschen beginnen ausgerechnet zum Start ihres Uni-Lebens damit, ihr Leben zu professionalisieren und zu optimieren. Das sieht dann so aus: Credits jagen, keine Zeit vertrödeln, Geld für die Miete verdienen, Sprachen lernen, Kurse für besseres Zeit- und Selbstmanagement belegen.
Alles Traumkiller.
Stellt sich die Frage: Warum dieser Optimierungseifer? Gern genannt wird der Leistungsdruck. Aber wer übt den aus? Die Eltern? Die Professoren? Oder die Personalchefs der Unternehmen, in denen Absolventen Karrieren starten? Jetzt wird es interessant: Diese Personalchefs stehen heute gar nicht mehr so sehr auf optimierte Leistungsmaschinen.
Klar, wer vom Abi bis zur Promotion nur Bestnoten vorlegt, bekommt leichter einen Job. Aber mehr denn je werden auch Träumer gesucht, Querdenker. Und zwar nicht nur in kreativen Branchen, sondern gerade in den großen Industrien. Zum Beispiel in der Autobranche.
Jahrzehntelang waren die Fahrzeughersteller damit beschäftigt, die Produktion ihrer Modelle zu optimieren. Ein Job vor allem für Arbeitsbienen, die herausfinden, dass ihr Arbeitgeber ein paar tausend Euro einsparen kann, wenn die Schraube A ab morgen an der Maschine B und nicht erst an der Maschine C festgedreht wird. Heute aber steht die Autobranche vor ganz anderen Fragen. Wie begeistern wir die Leute für Elektroautos? Oder: Was machen wir eigentlich mit der wachsenden Gruppe von Leuten, die Autos nicht mehr cool, sondern doof und überflüssig finden?
Antworten auf diese Fragen finden nicht die Optimierer. Die können das Neue umsetzen - aber nicht entwickeln. Daher hoffen Branchen, die vor ähnlich großen Fragen stehen, auf Leute, die sich darauf verstehen, ein Problem 1000-mal zu umkreisen - um dann beim 1001. Mal plötzlich die Perspektive zu wechseln und eine Lösung zu sehen. Eine Lösung, die genial ist. Sonst wären andere ja schon früher darauf gekommen.
So eine Suche kann man nicht optimieren. Effizienz und Genialität sind Begriffe aus zwei verschiedenen Welten. Während die Menschen vom Planeten Effizienz ununterbrochen sogenannte Efficency-Apps herunterladen, um den Tag noch besser zu planen, legen sich die Leute auf dem Planeten Genialität erst mal schlafen. Erstens, weil das dem Körper guttut. Zweitens, um im Schlaf zu träumen. Im Traum, das wissen Psychologen, passiert etwas, das noch keine App der Welt beherrscht: Das Gehirn spielt uns Dinge vor, die wir am Tag übersehen oder verdrängt haben. Darum träumen wir häufig grandiosen und peinlichen Quatsch. Am Tag regiert die Vernunft, in der Nacht kommt der Nonsens zu seinem Recht. Doch hinter diesem Quatsch steckt häufig mehr, als wir denken.
Paul McCartney behauptet, er habe die Melodie zu "Yesterday" zum ersten Mal im Traum gehört. Und Albert Einstein spekulierte, wie es wäre, wenn man hinter einem Lichtstrahl herliefe oder auf ihm ritte, ein Bild aus seiner Jugend: So kam er zur Lichtgeschwindigkeit.
Natürlich träumt nicht jeder von Welthits oder revolutionären Theorien. Das ist aber kein Grund, Träume nicht ernst zu nehmen. Die Träume aus der Nacht. Aber auch die Träume, die man hat, wenn man wach ist. Denn hier finden sich die Spuren zu dem, was man wirklich gern macht. Und häufig genug auch wirklich gut kann.
Eine Warnung für alle, die das Träumen immer wieder aufschieben: Es wird nicht einfacher, wenn man älter ist. Wenn man einen anspruchsvollen Job ausübt, ein Haus abbezahlen muss und kleine Kinder hat. Plötzlich trägt man Verantwortung nicht nur für sich, sondern für ein Team, für die Familie. Darum ist die Uni-Zeit so wichtig. Es sind die paar Jahre, in denen man schon volljährig, aber noch nicht erwachsen ist. In denen Freiheit keine Worthülse ist, sondern gelebt werden kann - und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Was hat man denn schon, wenn man sich an der Uni einschreibt, außer dem Abi und seinen Träumen? Man sollte diese wertvollen Jahre daher nicht dem zweifelhaften Vergnügen opfern, optimal eine Organisation zu durchlaufen. Man verpasst so viel. Und erreicht dabei oft wenig.
Daher: Bitte den Campusradios die Hütte einrennen und Radio machen. Oder Theater spielen. Debatten führen. Literaturkreise organisieren. Bands gründen. Hochschulpolitik machen. Eine Campus-App programmieren. Was auch immer. Und nicht vergessen - die Personalchefs, die das hier lesen, sagen voller Vorfreude: Macht mal.
UniSPIEGEL 1/2013
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