09.02.2013

Jägermeister zur Tarnung

Von Flohr, Markus

Was geschieht in deutschen Uni-Städten, wenn es dunkel wird? UniSPIEGEL-Autor Markus Flohr wird an klebrigen Holztischen melancholisch und sorgt sich um einen Betrunkenen. Eines Nachts in: Hamburg.

Nachmittags Es ist Januar und damit diese Zeit, in der es in Hamburg niemals richtig hell wird. Die Tage wälzen sich müde durch dunkelgraue Nebelwände, alles ist feucht, der Boden ist feucht, die Kleidung ist feucht, die Hände sind feucht, die Luft ist feucht. Ich bin heute mit Tino Hanekamp verabredet, der genau wie ich Anfang der 2000er nach Hamburg kam. Er hat der Stadt einen Kiez-Roman mit dem Titel "So was von da" und drei Clubs auf St. Pauli geschenkt: "Weltbühne", "Uebel & Gefährlich" und "Golem". Wir wollen losziehen und uns auf die Suche machen: Was gibt es noch vom alten Kiez, von der legendären Reeperbahn? Hat die Gentrifizierung noch etwas übriggelassen vom verruchten Charme St. Paulis?

21.00 Uhr Wir sind im "Crazy Horst". Der Mann hinter dem Tresen präsentiert sich als echter Barkeeper mit Fliege, schwarzer Weste und weißem Hemd. An der Seite grüßt einer von Fettes Brot, an der Rückwand steht eine Jukebox, und wenn man sie nicht bedient, läuft hier Whitney Houston. Ein Klavier wartet auf Spontankonzerte, manchmal spielt auch jemand.

Postkarte hinter dem Tresen: "Alles, was hier klappt, sind die Türen."

Barkeeper: "Was darf es bei Ihnen denn sein, junger Mann?"

22.00 Uhr Wir irren umher in den Seitenstraßen der Reeperbahn. Hier war mal dieser Laden, hier mal jener - dort habe ich als Erstsemester Tequila getrunken. Jetzt sieht vieles anders aus. Weniger abgeranzt, weniger Rotlicht, mehr Party, mehr Generve, mehr Abzocke, mehr Flatrate-Saufen. Weniger Siff-Suff am Tresen, betreut sogar bis um zehn. Mehr "moral majority". Weniger Randexistenz.

23.00 Uhr Ab in die "Ritze". Eine Kneipe im Schoß einer imaginären Frau, deren Beine gespreizt links und rechts der Tür aufgemalt sind. Da geht man dann rein, und ständig kommen Touristen durch die Tür, die denken, das hier sei ein Puff, und dann ist es gar keiner, sondern eine Bar mit Boxkeller und lauter Fußballschals und Bildern an der Wand. Die Touris stehen rum und bestellen aus Scham ein Bier. Und noch eins. Weil sie es hier nehmen können, von den Touristen, kostet der Jägermeister 3,20 Euro, und die Frau hinter dem Tresen sagt die ganze Zeit "ihr Süßen" zu uns. Die Süße.

0.00 Uhr Was ist übrig vom alten Kiez? Kurz-Check: Übrig sind die Huren auf der Davidstraße, eine davon quatscht Tino gerade in ein Handy-Telefonat hinein. Als er sie abweist, blafft sie zurück: "Wer redet denn mit dir?" - und sie schaut zu mir. Übrig ist der Eiswürfelautomat an der Esso-Tankstelle, man wirft Geld ein, 50 Cent, und dann fallen die Würfel einfach so raus. Übriggeblieben ist das "Molotow", der Kellerclub, bald wird er abgerissen. Schlachten des Nachtlebens wurden hier geschlagen: Mando Diao vor hundert Leuten, kondensierter Schweiß an der Kellerdecke, Jungschauspieler prügelten sich an der Theke, Petting und Koks am Pissoir, eklig.

1.30 Uhr Das echte Überbleibsel: der "Elbschloss Keller". Fünf Stufen ins Dunkle, fünf Stufen ins Ungewisse, an klebrigen Holztischen hockt die Halbwelt, der früher die Reeperbahn gehörte. Rocker mit langem Bart, Seefahrer ohne Heuer, Huren in Pension, Hafenarbeiter. Das gibt es doch alles nicht mehr, denke ich, aber hier sieht es doch so aus, als ob. Wir trinken Jägermeister, immer wieder Jägermeister, noch zwei Gläschen, zwei Fläschchen. Tino erzählt, wie er übel beklaut wurde in diesem Laden, auf dem WC, aber das gehört dazu. Tino erläutert, wie man hier aufpassen muss, dass man sich richtig benimmt, er versteckt seinen Dandy-Anzug unter dem Mantel. Zur Tarnung bestellen wir mehr Jägermeister. Am Tisch in der Mitte gibt es Ärger, da schlägt jemand auf die Platte, am Nebentisch erhebt sich ein Rotlichtrocker, Bart bis zum Bauchnabel, Sonnenbrille. Es entbrummt ihm ein Lautgewitter, vielleicht war das Deutsch, vielleicht kam es auch direkt aus Walhalla. Wir trollen uns.

2.00 Uhr "Wie seid ihr denn hier reingeraten?", haucht uns Jan ins Gesicht, ein Gast im "Onkel Otto". Einer Kneipe in der Hafenstraße, in einem dieser berühmten Häuser, die in den Achtzigern besetzt wurden. Hier spülen sich Punks, Autonome, Anarchisten und wir den Ärger weg, den Ärger darüber, dass sich St. Pauli so verändert hat in den vergangenen Jahren. Jan stützt sich auf meiner rechten und Tinos linker Schulter ab. Er hebt sein Bier und prostet uns zu: "Skål! Das kommt von 'Schädel' wisst ihr? Weil die Wikinger nach einem Raubzug immer aus den Schädeln ihrer Feinde getrunken haben." Sein iPhone klingelt. Die Freundin. "Nix", sagt Jan. "Auf keinen Fall." Aufgelegt. Wir sehen ihn an. "Wenn die jetzt allein über den Kiez zieht, ist es echt aus. Da kenne ich nichts. Schluss, Ende. Trennung."

4.00 Uhr Exkursion erledigt, jetzt wird getanzt. Der "Golem" wankt wie ein Martini-Glas, das demnächst umkippt. In der Luft liegt Beatjazzrocknroll, Tino bringt dauernd neue Gläser, vor dem Fenster verschwimmen die Lichter der Hafenkräne, man sieht sogar das Wasser in der Elbe glitzern. Tino hat den Mantel abgelegt, ich weiß gar nicht mehr, ob ich einen anhatte am Anfang des Abends. Die dunkle Holzvertäfelung des "Golem" erträgt geduldig alle Idiotien, die vor ihr erdacht werden: Krieg, Frieden, Weltrevolution; alles entwerfen sie hier und leben es in einer Clubnacht. Was wird, wenn es das alles nicht mehr gibt, wenn nichts mehr übrig ist, wenn Hamburg kaputt ist, zu teuer oder in der Elbe ersoffen? Mir fällt Philipp von Makedonien ein, der vor Sparta lag und den Spartanern ausrichten ließ: Wenn ich euch besiegt habe, werden eure Häuser brennen, eure Städte in Flammen stehen und eure Frauen zu Witwen werden - und die Spartaner antworteten: Wenn.

7.30 Uhr Ecke Hamburger Berg. Unter einem Plakat, auf dem das ZDF für seine Serie über das Luxushotel Adlon in Berlin wirbt, liegt ein Mann. Sein Oberkörper ist von einem aufgerissenen Schlafsack bedeckt. Sein Kopf ruht auf einem Aldi-Karton. Neben ihm ein paar Tüten. Er liegt in einer großen Pfütze, der ganze Bürgersteig ist nass, sein Ärmel durchgesuppt, umrandet von Resten des Silvesterfeuerwerks. Durch die Straße kriecht der Frost. Der Mann lag hier schon vorhin, als wir auf den Kiez gingen, vielleicht liegt er seit gestern hier. Ob er sich seitdem bewegt hat, keine Ahnung. Scheint auch niemanden zu interessieren. Der Mann ist übriggeblieben. Ich stoße ihn an, keine Reaktion. Ich spreche ihn an, nichts. Ich gebe ihm eine Backpfeife, nichts. Immerhin Puls. Ich will einen Krankenwagen rufen und wähle. Ich sage in sein regungsloses Gesicht: "Ich rufe einen Krankenwagen."

Da schlägt er die Augen auf, langt nach seinen Tüten - und geht.

Ich stehe da, wie ein klammherziger Samariter auf dem Weg nach Jericho, meine Mütze nass vom Regen, meine Füße angefroren, ich schaue auf die Adlon-Werbung. Da hinten geht er, der Mann, der unter die Räuber gefallen war. Mir fällt eine Zeile von Die Sterne ein: "Die Nacht vorbei / Der Kiez gefegt / Und alles schleicht / was sich bewegt / Da hilft nichts auf der Welt / wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt."

Gute Nacht.-


UniSPIEGEL 1/2013
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