Von Rapp, Tobias
1971
Manchmal bestraft das Leben auch die, die zu früh kommen. Als Conny Plank 1974 sein eigenes Studio in Wolperath bei Köln eröffnete, war die Jobbeschreibung eines Musikproduzenten noch klar: Er ist ein Aufnahmeleiter, nicht mehr. Doch Plank begriff sich als Künstler, agierte gleichberechtigt mit den Musikern, sein Instrument war das Studio. Hätte es ihn nicht gegeben, würde Pop in Deutschland heute anders klingen. Vergessen wurde er trotzdem. Bis heute. Nun erscheint, rund 33 Jahre später und lange nach Planks Tod, eine große 4-CD-Compilation, die sein Werk würdigt und einen passenden Namen trägt: "Who's That Man".
Planks Laufbahn begann 1963 beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, der damals weit mehr war als nur ein Radiosender: Im Studio für elektronische Musik saß zum Beispiel Karlheinz Stockhausen und experimentierte mit Sinustönen. Plank war rasch enttäuscht, dass er nur kleine Aufgaben erledigen durfte. 1966 kündigte er und machte sich selbständig. Er nahm Künstler wie Marlene Dietrich und Duke Ellington auf. 1969 kamen zwei Düsseldorfer Studenten zu ihm, Florian Schneider-Esleben und Ralf Hütter. Sie fragten ihn, ob er ein Demo mit ihnen aufnehmen könne: Es war der Beginn von Kraftwerk.
Plank produzierte fast alle Bands der Krautrock-Szene: Cluster, Harmonia, Neu!, Ash Ra Tempel, Can, Guru Guru - sogar das Debüt-Album der Scorpions. Brian Eno nahm seine wegweisenden Ambient-Alben mit Plank auf, und als David Bowie vorbeikam, weil er an "Heroes" arbeitete, schickte Plank ihn weg: Er habe keine Zeit, sagte er dem fassungslosen Bowie.
Lange werkelte Plank im kommerziellen Abseits. Sosehr die deutsche experimentelle Popmusik der Siebziger heute geschätzt wird, damals interessierten sich nur kleine Kreise für diesen Sound. Erst Anfang der Achtziger änderte sich das etwas: Plank nahm nun Ideal, Herbert Grönemeyer, Heinz Rudolf Kunze und DAF auf. 1986 erkrankte Plank an Krebs, ein Jahr später starb er.
"Who's That Man" präsentiert nun einen Querschnitt seines Schaffens. Auf zwei CDs gibt es Stücke diverser Bands zu hören, die bei Plank aufnahmen, für die dritte CD haben heutige Künstler Remixe alter Plank-Aufnahmen angefertigt. Die vierte CD dokumentiert ein Konzert von 1986.
Plank war Perfektionist und Experimentator. Er konnte nächtelang an irgendwelchen Sounds herumbasteln, die Möglichkeiten der neuen Synthesizer faszinierten ihn. Manchmal klebte er Tonbänder zu meterlangen Endlosschleifen zusammen und ließ sie quer durchs Studio laufen. Heute heißt das Loop und lässt sich in Sekundenschnelle am Computer zusammenklicken. Aber irgendwer musste eben damit anfangen.
TOBIAS RAPP
1. TOCOTRONIC
Auf Dem Pfad Der Dämmerung
2. THE PAINS OF BEING PURE AT HEART
Jeremy
3. BEACH HOUSE
Wild
4. FRISKA VILJOR
Bite Your Head Off
5. SHOUT OUT LOUDS
Blue Ice
6. CHROMATICS
Cherry
7. JAMIE LIDELL
What A Shame
8. I AM KLOOT
These Days Are Mine
9. LOCAL NATIVES
Breakers
10. KID KOPPHAUSEN
Das Leichteste der Welt
UniSPIEGEL 1/2013
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