09.02.2013

ROMAN / "MEINE 500 BESTEN FREUNDE"Bussis in Berlin

Johanna Adorján erzählt 13 abgründige Geschichten über eitle, unglückliche und peinliche Menschen aus der Hauptstadt.
Restaurant Borchardt, Berlin-Mitte. Zwei Freundinnen treffen sich zum Essen. Sie ergattern einen Tisch in der Mitte des Etablissements. Das ist gut, denn von hier aus kann man am besten sehen und gesehen werden. Schlecht ist, dass die eine Frau eine Affäre mit dem Ehemann der anderen hat. Es könnte also sein, dass es sich dabei um das letzte Treffen der beiden handelt.
Nach ihrem bewegenden Debütroman "Eine exklusive Liebe" von 2009, in dem Johanna Adorján den Doppelselbstmord ihrer Großeltern zum Thema machte, wendet sich die Autorin diesmal weniger persönlichen Geschichten zu. In "Meine 500 besten Freunde" erzählt sie insgesamt "13 Stories" von lose miteinander verbundenen Charakteren, zu denen auch die beiden Frauen im Promi-Restaurant gehören. Allen Protagonisten ist etwas gemeinsam: Sie sind beruflich und privat abhängig von der Anerkennung der anderen und ständig auf der Suche nach dem vermeintlich Besonderen.
Da geht es um eine angespannt-angetrunkene Schauspielerin, die sich beim Berlinale-Empfang vor der Enthüllung einer Affäre durch die stadtbekannte Klatschkolumnistin fürchtet. Um eine berechnende Feuilleton-Praktikantin, die alle ihre Reize in den Dienst ihrer Karriere stellt. Ein junger Bestseller-Autor muss seinen Lektor von der Qualität seines neuen Buchs überzeugen, ein Filmstudent bemüht sich nach Kräften, eine störrische Filmlegende für seinen Abschlussfilm zu gewinnen, und ein so gediegener wie eitler Journalist ist ganz sicher, dass ihm ein wichtiger Preis verliehen wird, die "Edelfeder".
Adorján, Feuilletonjournalistin bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", hat sich in ihrer Umgebung umgesehen und gut beobachtet. Ihre Geschichten sind unterhaltsam, bisweilen überzogen und ironisch, manchmal bissig. Ausstellungseröffnungen, Konzerte, Pressetermine und andere Veranstaltungen sind die Schauplätze - und wer in der Hauptstadt lebt, kann die Orte und Personen mitunter wiedererkennen. Der Autorin gelingt ein flotter, beiläufig erzählter Reigen, auch wenn dessen Verbindungen bisweilen arg konstruiert erscheinen.
Zwei Storys stechen hervor: die Innenansicht eines drogenabhängigen Slackers, der sich seiner Psychotherapeutin Frau Weber nicht wirklich anvertraut und beinahe eine Freundin vergewaltigt. Und die Schilderung eines Tages aus dem Leben der Yogalehrerin Ayumi, die innerlich wie eine Tourette-Syndrom-Patientin flucht. Diese beiden können sich nicht einfügen in die Berliner Variante der Bussi-Gesellschaft - und lassen die Abgründe erkennen, die es dort gibt.
GABRIELA SEIDEL-HOLLAENDER
Johanna Adorján
"Meine 500 besten Freunde"
Luchterhand; 256 Seiten; 18,99 Euro.
Von Gabriela Seidel-Hollaender

UniSPIEGEL 1/2013
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