09.02.2013

DRAMA / "SPRING BREAKERS"Koks von nackten Körpern

Denn sie wissen nicht, was sie tun: Was als wilde Studentenparty am Strand von Florida beginnt, endet in einem blutigen Drogenkrieg.
Die Bewohner Floridas sind Leid gewohnt. Jedes Jahr drohen ihnen von Süden katastrophale Stürme. Und jedes Jahr sucht sie von Norden eine Plage nahezu biblischen Ausmaßes heim. Im März fallen Hunderttausende Studenten aus dem ganzen Land für ein paar Wochen in den Sunshine State ein, um hier das Semesterende zu feiern, den "Spring Break". Man fragt sich, was für die Menschen in Florida schwerer zu ertragen ist: die Hurrikane oder die "Spring Breakers".
Denn die Studenten machen den Bundesstaat zu einer einzigen Partyzone, allerorten wummern rund um die Uhr Bässe aus Lautsprechertürmen, kreischende Bikinimädchen lassen sich mit Trichtern Alkohol einfüllen, vollgedröhnte Halbstarke suchen Sex oder Streit, der Spaß kennt keine Grenzen. "Spring Break" ist ein amerikanisches Ritual, die Studenten wollen sich in einer Auszeit vom Wintersemester erholen. Ziel ist es, den überanstrengten Kopf komplett auszuschalten.
Der Regisseur Harmony Korine, 40, hat darüber nun einen Film gedreht. Er erzählt von vier College-Mädchen, die wie verloren über den leeren Campus irren, weil ihre Kommilitonen schon in den Süden aufgebrochen sind. Sie selbst haben nicht genug Geld, um sich eine Reise leisten zu können. Also entschließen sie sich, einen Raubüberfall zu begehen. Viel ist es nicht, was sie dabei erbeuten, aber es reicht, um sich auf den Weg ins gelobte Land zu machen.
Danach wirkt dieser Film erst, als wäre er für all jene gemacht, die nicht dabei sein können oder die etwas zu weit weg wohnen. Korine will den Zuschauern das Gefühl geben, sie seien mittendrin in der großen Sause: blanke Brüste und Hintern, wohin man sieht, die Mädchen lutschen ständig an länglichen Gegenständen herum, die Jungs schnupfen Koks von nackten Mädchenkörpern. Das ist Film gewordener Ballermann, laut, grell und vulgär.
Korine dreht die Spaßkultur bis zur Schmerzgrenze auf. Die vier Mädchen tun einem fast leid, wenn sie abends am Strand in den Sonnenuntergang stammeln, dass sie sich etwas Schöneres nicht vorstellen könnten. Sie wirken wie Gefangene auf Freigang, denen ein paar Wochen voller Ausschweifungen gegönnt werden, damit sie nicht völlig durchdrehen.
"Spring Breakers" hat eine ähnliche Struktur wie viele Horrorfilme. Ein Mädchen nach dem anderen scheidet aus der Handlung aus. Doch während die Figuren im Horrorfilm nacheinander sterben, müssen sie hier nach Hause zurück. Das ist aber, glaubt man Korine, ein ähnlich schlimmes Schicksal. Denn zu Hause hält das Leben nichts für die Mädchen bereit außer Regeln und Arbeit. Wer Florida verlässt, kehrt heim in ein freudloses Dasein.
Zwei der Mädchen, Candy und Brit (Vanessa Hudgens und Ashley Benson), bleiben deshalb unten, sie freunden sich mit einem Drogendealer (James Franco) an, der sich "Alien" nennt. Entweder wedelt er mit Geldscheinen herum oder mit Pistolen, beides finden sie sexy. Sie lassen sich fallen in eine Welt der Drogen und der Gewalt, in der die Menschen lieber riskieren, auf der Überholspur zu sterben, als langsam auf der Standspur zu verrecken.
"Spring Breakers" endet in einem Blutbad. Die beiden Mädchen und "Alien" treten gegen eine verfeindete Drogengang an. Wie Korine dies in Szene setzt, ist provokativ und widerwärtig zugleich. Der Film stellt die Posen der Waffengeilheit aus, er zeigt die Mädchen im Bikini mit stolz hochgereckten Maschinenpistolen. "Spring Breakers" erzählt davon, wie aus dem Gefühl der Leere Gewalt entsteht, er handelt von Menschen, die nicht im Geringsten wissen, was sie tun.
Von Lars-Olav Beier

UniSPIEGEL 1/2013
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