08.04.2013

Kopie und Chaos

Deutsche Studenten schummeln und schlampen, was das Zeug hält. In ihren Arbeiten wimmelt es von Zitierfehlern und geklauten Gedanken. Noch kommen die meisten damit durch. Doch es könnte sein, dass sich das bald ändert.
Düsseldorf, Anfang Februar. Liza Graetsch konnte schlecht einschlafen in diesen Tagen. Spätabends lag sie manchmal noch lange mit offenen Augen im Bett und musste an ihre Bachelorarbeit im Fach "Soziale Arbeit" denken. Thema: "Jugendliche und deren individuelle Vorstellungen in Bezug auf Liebe".
Es war nicht die Angst vor einer schlechten Note, die sie wach hielt. Rein inhaltlich war sie zufrieden mit dem, was sie abgeliefert hatte. Die 23-Jährige fürchtete sich vor etwas anderem.
Konnte es sein, dass sie bei Lektüre und Schreibarbeit irgendwann den Überblick verloren hatte? Dass sie aus Versehen gegen wissenschaftliche Regeln verstoßen hatte? Dass sie Quellenangaben vergessen und sich fahrlässig die Gedanken anderer Autoren zu eigen gemacht hatte? War es möglich, dass sie nun ohne böse Absicht als Betrügerin dastand?
Zu einer anderen Zeit hätte sich Liza derlei Sorgen wohl gar nicht gemacht. Aber es war in diesen Tagen im Fernsehen und im Internet ständig über die Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan berichtet worden. Es ging um die Frage, ob die Politikerin bei anderen Autoren geklaut und mit voller Absicht getäuscht hatte. Liza beunruhigte das alles. "Ich hatte das Gefühl, dass ein Prüfer immer was finden kann, das nicht ganz korrekt ist", erinnert sie sich.
Der Studentin war natürlich klar, dass ein bisschen Fußnoten-Schlamperei wohl nicht zu vergleichen ist mit dem, was man Schavan oder gar Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vorwirft. Sie wusste, dass der Freiherr aus Bayern beim Anfertigen seiner Doktorarbeit systematisch geistigen Diebstahl begangen hatte - und es bei ihr wohl allenfalls um ein paar unvollständige oder fehlende Quellenangaben ging. "Aber woher soll ich wissen, wo ein Prüfer die Grenze zieht?", fragte sie sich. Was fällt auf, was nicht? Wie sensibel sind die Professoren geworden nach all den Plagiatsfällen und der breiten Berichterstattung darüber?
Es sind Fragen, wie sie derzeit viele Studenten beschäftigen, die Haus- oder Abschlussarbeiten verfassen müssen. Sie sitzen da mit zig Büchern voller Post-its, kopierten Aufsätzen voller Textmarkierungen und Notizzetteln mit schnell hingekrakelten Zitaten. Sie operieren mit Textpassagen aus dem Internet und kopieren Absätze mittels Copy and Paste so lange hin und her, bis deren Herkunft unklar ist. Natürlich wird in den deutschen Studierstuben auch bei vollem Bewusstsein getäuscht. Manchmal sind es aber nur Organisationschaos und Unvermögen, die zum Plagiat führen.
"Viele Studenten befolgen die Regeln sauberen wissenschaftlichen Arbeitens nicht", sagt Wolfgang Löwer, Juraprofessor in Bonn und Sprecher des Ombudsgremiums für die Wissenschaft bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Weil viele Dozenten mit Blick auf anfallende Korrekturarbeiten verstärkt auf Klausuren setzen und weniger Hausarbeiten schreiben lassen, fehlt es den Hochschülern schlicht an Erfahrung, wenn der erste große Aufsatz ansteht. Effekt: In wissenschaftlichen Arbeiten wimmelt es oft nur so von Verstößen wider die wissenschaftliche Sorgfalt.
Als der Psychologe Jens Rogmann von der Universität Hamburg kürzlich Hausarbeiten für die Veranstaltung "Einführung in die Psychologie" entgegennahm, konnte er kaum glauben, was er anschließend las. "Von 180 Arbeiten hätte ich streng genommen ein Viertel zurückgehen lassen müssen", sagt der Wissenschaftler. Einige Studenten hatten Hausarbeiten ganz ohne Quellenverzeichnis abgegeben.
Auch Rogmanns Berufskollegen, die sich Hausarbeiten genau anschauen, klagen immer mal wieder über sträfliche Textschlampereien. Wörtliche Zitate ohne Quellennachweise zum Beispiel. Oder komplette Absätze, die augenscheinlich aus dem Internet stammen. Und Sätze, die nicht nach einem Studenten, sondern nach einem emeritierten Philosophieprofessor klingen.
Rogmann fordert deswegen, gerade die Anfänger besser zu begleiten und nicht zu viel vorauszusetzen. Er bietet Seminare zu Techniken wissenschaftlichen Arbeitens an. Hier sollen die Studenten die Regeln für Recherche, Quellenanalyse, Literaturverwaltung und Schreiben lernen. Eine Teilnahme ist mancherorts Pflicht. Aber auch freiwillige Veranstaltungen werden gut besucht - vielleicht haben ja die Fälle Guttenberg, Schavan und Co. einige Studenten wachgerüttelt.
Wie wichtig ein Umdenken wäre, weiß auch Sebastian Sattler von der Universität Bielefeld. Er leitete vor einigen Monaten eine großangelegte Studie zum Thema "Schummeln im Studium" und befragte mehrere tausend Studenten, anonym natürlich. "Die Ergebnisse", sagt Sattler, "waren wirklich erschreckend."
79 Prozent der Befragten hatten in den sechs Monaten vor der Umfrage im Studium getrickst oder betrogen. Während mehr als jeder Dritte zugab, in Klausuren abzuschreiben, gestand jeder Fünfte, ein- oder mehrmals plagiiert zu haben. Das große Schummeln geschehe vielfach "ohne jegliches Unrechtsbewusstsein", glaubt der Hamburger Psychologe Rogmann. Geistiges Eigentum, stellen viele Wissenschaftler fest, zählt heutzutage immer weniger. Dass trotzdem so wenige Studenten auffliegen, hat einen einfachen Grund: mangelnde Kontrolle.
"Die Dozenten haben einfach nicht genug Zeit, die vielen Arbeiten gewissenhaft zu überprüfen, zudem fehlt es oft an Korrektur-Assistenten", sagt Debora Weber-Wulff. Die Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin ist Aktivistin bei der Internetplattform VroniPlag Wiki. Meist falle nur derjenige Schummler auf, der wirklich dumm-dreist täusche und zum Beispiel aus den Werken des betreuenden Dozenten kopiere oder wortwörtlich aus Wikipedia abschreibe.
Einer der Studenten, der Weber-Wulff ins Netz ging, hatte eine besonders freche Entschuldigung parat: "Das muss meine Frau ohne meine Erlaubnis in den Text geschrieben haben, als ich geschlafen habe."
Um Plagiate zukünftig effektiver aufspüren zu können, sind mittlerweile über 50 Computerprogramme auf dem Markt. Auch die Aktivisten von VroniPlag arbeiten damit. Zunächst müssen die im Literaturverzeichnis angegebenen Quellen eingescannt werden, dann die Literatur, aus der möglicherweise abgeschrieben wurde. Nur so kann die Maschine kopierte Textpassagen finden, zu denen die Quellenangaben fehlen.
Noch ist die Suche nach Plagiaten also mühsam und zeitintensiv, aber das dürfte sich in Zukunft ändern. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Haus- oder Masterarbeiten mit besserer Software problemlos und schnell online durchgecheckt werden könnten.
Informatikerin Weber-Wulff wünscht sich nicht nur eine verbesserte Kontrolle. Sie plädiert auch dafür, Textsünder härter zu bestrafen. Die Gesetzeslage erlaubt teilweise zwar Geldbußen bis hin zu 50000 Euro, Exmatrikulation und Titelentzug. Doch die Möglichkeiten werden so gut wie nie ausgeschöpft. Gerade im Bachelor und Master passiert bei Täuschungen wenig. "Die Arbeit wird meistens mit null Punkten bewertet, so dass ein zweiter Versuch möglich ist", sagt DFG-Ombudsmann Löwer. Nur in besonders heftigen Fällen greifen Universitäten zu härteren Sanktionen.
Eine Ausnahme bildet ausgerechnet Schavans ehemalige Alma Mater in Düsseldorf. Seit etwa fünf Jahren müssen überführte Sünder dort zwischen 200 und 250 Euro zahlen - auch, um die Uni-Verwaltung für die zusätzliche Arbeit zu entschädigen. Wer ein zweites oder drittes Mal erwischt wird, muss mit einer Strafe von bis zu 500 Euro rechnen. Allerdings verjähren Plagiate in Abschlussarbeiten in der Regel nach einigen Jahren. Einzig Promotionsfälschungen können noch Jahrzehnte später geahndet werden, so wie bei Annette Schavan. Der Bundesbildungsministerin wurde der Doktortitel entzogen, in der Folge trat sie zurück.
Liza Graetsch, die Studentin aus Düsseldorf, die der Fall der Ministerin so beunruhigte, findet mittlerweile wieder besser in den Schlaf. Sie bekam kürzlich ihre Note für die Bachelorarbeit: 1,7. Der Prüfer hatte keinerlei Beanstandungen, was Quellenangaben, Zitate und Fußnoten anging. -

Plagiattypen

KOMPLETTPLAGIAT: Ein Text wird unverändert und ohne Quellenangabe übernommen.
EIGENPLAGIAT: Der Autor stiehlt bei sich selbst. Er übernimmt Passagen aus einer eigenen vorherigen Arbeit, ohne kenntlich zu machen, dass er diese Absätze schon einmal veröffentlicht hat. Wie macht man es richtig? Auch hier immer die Quelle und in diesem Fall den eigenen Namen nennen.
STRUKTURPLAGIAT: Man formuliert zwar selbst, folgt dabei aber den Gedanken und Argumentationsketten anderer.
ÜBERSETZUNGSPLAGIAT: Sätze werden aus einem fremdsprachigen Text ins Deutsche übersetzt, ohne die Quelle zu nennen.
COLLAGETECHNIK: Aus verschiedenen Quellen werden Fragmente kopiert und neu zusammengesetzt. Der Text ist neu, die Bestandteile sind aber geklaut.
VERSCHLEIERUNG: Die Sätze und Gedanken anderer werden übernommen und dabei leicht umgestellt - ohne Angabe der Quelle. Es gilt: Auch wenn der Gedanke formal anders klingt, ist er noch nicht der eigene.
FALSCHES PARAPHRASIEREN:
Die Thesen anderer werden sinngemäß zusammengefasst. Dabei darf aber der Wortlaut nicht identisch sein. Und hier gilt ebenfalls: Auch eine Paraphrase braucht eine genaue Quellenangabe.
BAUERNOPFER: Man weist einen kleinen Teil des fremden Gedankens mit einer Fußnote aus, schreibt aber dahinter munter weiter ab. Wie immer gilt: Jeder Gedanke, jeder Satz, der nicht von einem selbst stammt, braucht eine Quellenangabe.

Arbeitshilfen

Aufräumen, einkaufen, telefonieren, joggen, Zeitung lesen: Steht eine Hausarbeit an, fallen einem plötzlich viele andere Dinge ein, die dringend erledigt werden müssen. Dabei ist Zeitmangel einer der größten Feinde für eine gelungene wissenschaftliche Arbeit. "Eine Seite guten wissenschaftlichen Text am Tag zu produzieren ist für Studenten in den ersten Semestern viel", sagt Frank Schätzlein, Experte für Recherchetechnik und Informationskompetenz an der Uni Hamburg, "für eine 15-seitige Arbeit sollte man sich zwei Wochen reservieren." Einmal angefangen, gilt es, gleich sauber zu arbeiten und die Zitate zu verwalten, die man in seinen Text einbauen will. Sonst hat man spätestens am Ende komplett den Überblick verloren - und glaubt oft fälschlicherweise, ein woanders gelesener Gedanke sei der eigene gewesen. So geht korrektes Exzerpieren: Thesen, Zitate und Hintergründe aus Aufsätzen und Büchern in destillierter Form zusammenschreiben - immer mit Quellenhinweisen. Früher nutzten die Wissenschaftler noch riesige Zettelkästen, heute werden für die persönliche Quellenverwaltung zum Beispiel die kostenlosen Programme Zotero (www.zotero.org) und Mendeley (www.mendeley.com) angeboten. Zudem gibt es haufenweise Literatur und Leitfäden zu guter wissenschaftlicher Praxis: die DFG-Homepage, Regelwerke in der Bibliothek oder übersichtliche Handbücher.
Von Lena Greiner und Miriam Olbrisch

UniSPIEGEL 2/2013
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