08.04.2013

Die Trainerin

Heather Hofmeister ist Professorin für Soziologie an der Universität Frankfurt am Main. Dort, wo die Koryphäen ihrer Zunft lehrten, fordert sie von ihren Studenten Höchstleistungen. Das sorgt manchmal auch für Unmut.
Das Kleid der Soziologieprofessorin ist dunkelgrau, kurz und elegant. Und wenn Heather Hofmeister darin an diesem Morgen vor 800 Studenten in der Vorlesung auf- und abläuft, das Mikrofon in der Hand, könnte der Unterschied zu den alten Zeiten nicht größer sein. Hier an der Universität Frankfurt lehrten in den fünfziger und sechziger Jahren einige Giganten der Soziologie: knorrige Charaktere wie Jürgen Habermas, Max Horkheimer und Theodor Adorno, die mit ihren Theorien die 68er befeuerten.
Heather Hofmeister will der großen Vergangenheit eine große Zukunft folgen lassen. Gerade spricht sie über die vielen Essays und Aufsätze, die die Studenten im Laufe des Semesters anfertigen müssen. Ein missbilligendes Murmeln geht durch die Reihen. Hofmeister erwidert: "The times you struggle, are often when you learn the most." Frei übersetzt: Qualität kommt von Qual. Es klingt wie ihr Schlachtruf.
Heather Hofmeister ist eine Art Trainerin. Sie spornt ihre Studenten an, sie kritisiert viel und verlangt viel. Am Ende der Vorlesung lässt sie die Studenten oft in ein paar Absätzen aufschreiben, was sie gelernt haben. In der Einführungsvorlesung müssen ihre Schüler zudem jede Woche dreiseitige Essays und Aufsätze abliefern, etwa über die Kunst des Analysierens oder wichtige Fragen der Forschung. Und am Ende des Semester sollen sie sogar "Portfolios" zusammenstellen mit all ihren Texten und Mitschriften. Damit Hofmeister überprüfen kann, wie weit sie schon "soziologisch denken". Auch das elegante Kleid ist Teil ihres Lehrplans: "Für mich ist es ein Erfolg, wenn die Studierenden gelernt haben, dass nicht nur graubärtige Männer Soziologie lehren können."
Soziologie versucht unter anderem, die verdeckten Strukturen der Gesellschaft aufzuspüren, die Machtverhältnisse, die Zusammenhänge. Wie verändert sich zum Beispiel ein Land, in dem nicht nur fast alle Männer arbeiten gehen, sondern auch fast alle Frauen? Was bedeutet das für die Kindererziehung?
Hofmeister betreibt die Suche nach Antworten genauso leidenschaftlich, wie andere Forscher das menschliche Genom entschlüsseln. Den Studenten versucht sie ihre Faszination durch anschauliche Beispiele aus dem Alltag zu vermitteln, zum Beispiel durch die Produkte einer großen Kaffeehauskette. Woher bezieht die Kette diese? Und was heißt das für die Erntehelfer und ihre Familien? Damit auch wirklich jeder mitkommt, wird alles in kleinen Tutorien nachher noch einmal wiederholt.
Nicht viele Professoren engagieren sich in Deutschland so für die Lehre. Oft rasseln sie in den Vorlesungen nur den Stoff herunter - und wenn einer etwas nicht verstanden hat, muss er selbst sehen, wie er klarkommt. Die Studenten danken es Hofmeister auf ihre Art: zum Beispiel auf der Internetseite "MeinProf.de", da bekommt sie stets Bestnoten.
Die 40-jährige Amerikanerin wuchs in Houston, Texas, auf. Sie studierte an der dortigen Rice University. Ihren amerikanischen Doktor - den PhD - machte sie an der Cornell University in Ithaca, New York. An beiden Unis gibt es Lerngruppen, in denen sich die Professoren viel Zeit für jeden Einzelnen nehmen können. Dort werde alles getan, so Hofmeister, dass die Studenten ihr Studium möglichst erfolgreich abschließen könnten. Wenn einer Schwierigkeiten habe, übe man eben so lange, bis es klappe. "Hier wird dagegen immer noch erwartet, dass die Studenten alles schon mitbringen." Was sie meistens nicht täten, sagt Hofmeister: Viele deutsche Schulabgänger könnten kaum schwierige Texte analysieren, geschweige denn Essays schreiben.
Um ihren Studenten einen guten Start zu ermöglichen, trainiert Hofmeister gerade die Erstsemester besonders hart. Der Unmut, den das mitunter auslöst, irritierte die Amerikanerin anfänglich. "Aber dann denke ich immer, starke negative Gefühle bringen bessere Lernergebnisse und bleiben viel länger in Erinnerung als Gleichgültigkeit, oder?"
GANZ KURZ
Heather Hofmeister, 40, studierte Soziologie in Houston und promovierte an der Cornell University in Ithaca. 2002 zog sie nach Deutschland und wurde wissenschaftliche Assistentin an der Uni Bielefeld. Nach Aufenthalten als Dozentin in Bamberg und Aachen wurde sie 2011 Professorin in Frankfurt am Main.
Von Caroline Schmidt

UniSPIEGEL 2/2013
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