08.04.2013

Super Sperma

Studenten sind jung, klug und brauchen Geld. Kein Wunder, dass sie bei Samenbanken so begehrt sind. Zumindest dann, wenn sie gerade keine Prüfungen haben.
Ein rotes Backsteingebäude im Hamburger Schanzenviertel. Unauffällig liegt es zwischen den anderen Wohn- und Geschäftshäusern. Neben der Haustür ein dezentes Schild mit der Aufschrift: "Institut für Reproduktionsmedizin und Cryokonservierung", kurz IRC. Ein dunkelhaariger Mann geht zur Tür, klingelt.
Wie er heißt, was er beruflich macht und welche Motive ihn zum IRC treiben, bleibt geheim. Das Institut verspricht absolute Anonymität. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass der junge Mann, der sich im Innern des Instituts gleich für ein paar Minuten zum Masturbieren zurückziehen wird, an einer Hochschule eingeschrieben ist. Vielleicht für Maschinenbau, vielleicht für Medizin, vielleicht für Germanistik. Genau wie bei anderen Samenbanken sind Studenten mit über 30 Prozent in der Kartei des IRC stark überrepräsentiert. Sie werden von Samenbanken und Menschen mit Kinderwunsch besonders geschätzt, weil sie wichtige Kriterien erfüllen: Sie sind in der Regel nicht älter als 40 und nicht jünger als 20. Sie machen eine solide Ausbildung. Und bringen eine gewisse Intelligenz mit.
Etwa 35 Spender kommen jede Woche ins IRC, betreut werden sie von Heike Schulze-Jena, die keinen weißen Kittel trägt - sie empfängt im schwarzen Kleid. Sie ist seit 1986 in der Reproduktionsmedizin tätig. Viele Spender kennt sie schon seit Jahren. Sie wählt sie aus, spricht mit ihnen über ihre Bedenken und manchmal auch über private Sorgen. Die jungen Männer vertrauen ihr, berichten von Klausuren, von Plänen und von Problemen mit der Freundin, die von der Spendertätigkeit meist nicht begeistert ist. Dass das Interesse der Hochschüler groß ist, wundert sie nicht: "Für das Geld, das sie bei uns bekommen, müssten sie lange hinter der Theke stehen." Wer allerdings nur aus finanziellen Gründen komme, werde abgelehnt. "Wir möchten nicht, dass der Spender primär aus Geldnot handelt", sagt Schulze-Jena. Er sollte auch den Wunsch haben zu helfen. Im IRC spreche man daher auch nicht von "Honorar", sondern von "Aufwandsentschädigung". Etwa 80 Euro gebe es pro Termin, bar auf die Hand.
Nachdem der dunkelhaarige Mann ejakuliert und das Institut verlassen hat, geht Heike Schulze-Jena in die Kabine, um den kleinen Plastikbecher zu holen, den er zurückgelassen hat. Dann überprüft sie, ob alles sauber und bereit für den nächsten Spender ist. Sind Tücher da? Steht das Öl noch an seinem Platz? Funktionieren Fernseher und DVD-Player? Magazine und Zeitschriften gibt es hier zur Stimulation schon lange nicht mehr. "Das ist eklig, und außerdem werden die Magazine manchmal entwendet", sagt Schulze-Jena.
An der Wand der Kabine hängt ein gerahmtes Bild von Marilyn Monroe, es gibt einen Spiegel und einen Paravent, der die Waschmöglichkeit vom Rest des Raums abtrennt. Die Kabinen sollen nicht zu steril sein, die jungen Männer sollen sich wohl fühlen.
Der nächste Spender kommt. Als er in einer der Kabinen verschwindet, kehrt Heike Schulze-Jena zurück in das Zimmer, in dem sie die Spermaspenden aufbereitet. Es gleicht eher einem Büro als einem Labor. Aus dem Fenster ist ein kleiner Innenhof mit Kinderspielplatz zu sehen.
Die 49-Jährige arbeitet schnell und konzentriert. Sie untersucht unter dem Mikroskop, ob das Ejakulat ausreichend bewegliche Spermien aufweist. Sie gibt eine Art Frostschutzmittel dazu und füllt es später mit einer Spritze in mehrere kleine Röhrchen, die sie verschweißt und mit Aufklebern versieht. Darauf stehen Tagesnummer und Code des Spenders. So kann der Mann auch ohne seinen Klarnamen identifiziert werden. Die Röhrchen werden bei minus 196 Grad in Kühlcontainern eingelagert, die am Rand des Raums stehen. Wenn geklärt ist, dass der Spender frei von Infektionskrankheiten wie HIV oder Hepatitis ist, darf das Sperma nach einer Quarantänezeit von sechs Monaten angewendet werden.
Bislang konnten die meisten Spender in Deutschland sicher sein, anonym zu bleiben. Doch vor kurzem klagte die Studentin Sarah P., die durch eine Samenspende gezeugt worden war, in einem aufsehenerregenden Prozess am Oberlandesgericht in Hamm auf die Herausgabe des Namens ihres biologischen Vaters - und gewann. Abschreckend wirkte das offenbar nicht: Trotz des Urteils, über das groß berichtet wurde, sind die Bewerberzahlen am IRC nicht eingebrochen.
Jeden Monat melden sich zwischen 20 und 30 potentielle Spender, allerdings wird am Ende nur zehn Prozent von ihnen eine Zusammenarbeit mit der Samenbank angeboten. Das liegt unter anderem an den besonderen Qualitätsanforderungen an den Stoff, aus dem die Kinder werden.
Die normale Dichte von Spermien beträgt 20 Millionen pro Milliliter. Ist die Hälfte von ihnen beweglich, können Männer auf natürlichem Weg ein Kind zeugen. Für den Einsatz in der Reproduktionsmedizin reicht dieser Normwert aber nicht aus. Viele Spermien überleben das Einfrieren, Auftauen und die Aufbereitung nicht. Darum muss ein Spender einen überdurchschnittlichen Wert vorweisen können. Zudem darf er keine Erbkrankheiten oder Fehlbildungen haben.
Ebenso wichtig wie die Güte des Spermas sind das äußere Erscheinungsbild und die Lebensumstände der Spender. "Wir möchten von dem Bewerber wissen, was er für seine Zukunft geplant hat und wie sein soziales Umfeld aussieht. Im Lebenslauf sollte ein roter Faden zu erkennen sein", sagt Heike Schulze-Jena. Es interessiert sie auch, ob der Spender schon öfter seinen Job verloren oder zum wiederholten Mal das Studium abgebrochen hat. Ein extremes Äußeres mit sichtbaren Tattoos oder vielen Percings kann ebenfalls die Chancen senken, zum erlesenen IRC-Spenderkreis zu stoßen.
Was nach strenger Selektion klingt, hat einen einfachen Grund: "Wir haben den Kindern gegenüber eine gewisse Verantwortung und möchten, dass der Spender in 20 Jahren, wenn sein Kind ihn vielleicht kennenlernen möchte, auch vorzeigbar ist", erklärt Schulze-Jena. Letztendlich sei die Auswahl aber eine Einzelfallentscheidung, bei der auch Sympathie eine Rolle spiele. "Es ist wichtiger, dass der Mann sozial kompetent ist und einen gewissen Ehrgeiz vorweisen kann, als dass er zum Beispiel Abitur hat oder gar studiert."
Schulze-Jena entscheidet, welcher Spender wem zugeordnet wird. In anderen Ländern dürfen sich Paare den biologischen Vater selbst auswählen. Informationen zu Hobbys und Musikalität der Spender sind dem IRC zwar auch bekannt, sie werden aber nicht an die sozialen Eltern weitergeleitet. "Ich möchte nicht, dass das Kind später unter Druck gerät. Dann sind die Eltern enttäuscht, weil der Spender gesagt hat, er spiele so toll Klavier, das Kind aber keinerlei Talent aufweist", sagt Schulze-Jena.
Der letzte Spender für diesen Nachmittag klingelt an der Tür. Ob er Student ist? Heike Schulze-Jena lächelt - und schweigt. Aber sie hat zum Thema Hochschüler noch etwas zu sagen: "In der Prüfungszeit haben sie immer schlechtere Werte als sonst. Wenn Bachelorstudenten in der Klausurenphase stecken, merken wir das sofort." -
Von Marie-Charlotte Maas

UniSPIEGEL 2/2013
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