18.05.2013

Die Luxus-Studenten

Den ganzen Tag shoppen? Party machen? Golf spielen? Kann auch öde werden. Der Millionärsnachwuchs hat sich daher an der Uni in Monaco eingeschrieben. Gebüffelt wird am Hotelpool, in der Mittagspause geht es schon mal mit dem Helikopter nach Nizza.
VON ANNIKA JOERES (TEXT) UND REBECCA MARSHALL (FOTOS)
Monaco, das Schickeria-Fürstentum am Mittelmeer. Zwei Quadratkilometer Luxusfestung an der Côte d'Azur, wo die Reichen und Schönen der Welt ihr Geld parken, damit sie zu Hause nichts versteuern müssen. Wo auffällt, wer nicht mit einem teuren Sportwagen vorfährt. Wo Filmstars, Sportmillionäre und Despoten aus aller Welt auch mal gemeinsam am Roulettetisch zocken. Ein Platz für Millionäre, ein Ort des Nichtstuns, der Party, der Ausschweifung. Es mag verwundern, aber es gibt hier eine Uni.
Die Hochschule heißt International University of Monaco (IUM), und die meisten der gut 400 Studenten sind, natürlich, Kinder reicher Unternehmer oder Erben. Junge Männer und Frauen, die hier unter sich bleiben können und garantiert keinen Nebenjob brauchen, um über die Runden zu kommen. Hochschüler, die Golf, Shopping und Partys auf Yachten lieben. Studieren die auch?
"Natürlich", sagt Sophie de Lorenzo, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit an der IUM. Die Wissenschaftlerin trägt flache Schuhe, einen leicht verwuschelten Kurzhaarschnitt und einen Strickpulli. Sie wirkt demonstrativ dezent, als wolle sie einen Kontrapunkt zur Modenschau setzen, die sich jeden Tag in den Gassen von Monaco und auch an ihrer Uni abspielt. Gleich neben dem Büro, in der Cafeteria, bestellen die Studentinnen in Stöckelschuhen und Minirock-Kostüm ihren Kaffee, die Jungs sitzen in gestärkten Kragenhemden dabei und klimpern mit dem Autoschlüssel auf dem Tisch.
Ein Magazin hatte kürzlich Absolventen der IUM in ihren Ferraris abgelichtet. Sophie de Lorenzo hat das nicht gefallen, die Uni will nicht, dass ihre Zöglinge nur als Jetset-Nachwuchs porträtiert werden. Das Studium sei hart und ernst, sagt de Lorenzo, die jungen Leute sollen "hinter die Kulissen des Luxus und der Großfinanz schauen".
Es gibt an der IUM verschiedene Bachelor-Programme, man kann einen "Master in Luxury" machen, einen "Master of Finance" und den "Master in International Management". Die Studenten werden von rund 30 Professoren und Dozenten unterrichtet, sie sollen zum Beispiel lernen, wie man eine Luxusmarke gründet, Werbung entwickelt oder eine Boutique finanziert. "Bei unserer Projektarbeit", sagt de Lorenzo, "sehen die Studenten in den Fünfsternehotels auch Büroräume ohne Fenster." Derlei Exkursionen sollen sie wahrscheinlich erden, ihnen klarmachen, dass es sogar in Monaco Menschen gibt, die Geldprobleme haben. Wobei man die hier übrigens auch dann schnell bekommen kann, wenn man kein überdurchschnittliches Gehalt bezieht.
Eine Einzimmerwohnung kostet im Fürstentum monatlich zwischen 1400 und 3000 Euro Miete, mehr als an fast jedem anderen Ort der Welt. Viele Studenten würden deswegen in den angrenzenden französischen Städten wohnen, behauptet die Universität. Die jungen Leute kämen nur zu den Veranstaltungen und zum Lernen in die Innenstadt.
Studentin Diana Bassam, 25, aus Kopenhagen, schreitet wie selbstverständlich vorbei an den Portiers des Hôtel de Paris, eines der teuersten Häuser der Stadt, direkt neben dem Casino. Sie trägt einen Bouclé-Blazer, an ihren Ohren hängen Ringe von Chanel, sie trägt eine Perlenkette. Unter den schimmernden Lüstern in der Lobby (römische Säulen, Glaskuppel) bestellt sie einen Cappuccino für zwölf Euro. Dann macht sie es sich in einem der ausladenden Samtsofas bequem und sagt: "Hier kann ich am besten lernen."
Über den Luxus, der sie umgibt, hat Diana ihre ganz eigene Theorie: "Gucci und Prada kann heutzutage doch jeder tragen", sagt sie. "Es kommt darauf an, die richtigen Leute zu kennen." Die Neureichen wollten nur "Show" machen, die "wirklich Wichtigen" gingen heute nicht mehr ins Sterne-Restaurant, "sondern bestellen sich viel lieber den Spitzenkoch nach Hause".
Vorlesung am Nachmittag, Marken-Management steht auf dem Programm. Dozent Luca Signoretti erzählt den Studenten, wie sie ihr persönliches Image verbessern können. Signoretti arbeitet als PR-Berater von großen Firmen. "What have you done today for your personal brand?" ist einer seiner Lieblingssätze. "Ihr müsst jeden Tag an eurem Image arbeiten", sagt Signoretti. Ihre Karriere sollten die künftigen Absolventen der IUM nicht als Leiter sehen, die sie erklimmen wollen, sondern als steile Rampe, die sie hinaufstürmen. Es wird eifrig mitgeschrieben im Seminarraum.
Monaco, der Mikrostaat, ist eine Art Märchenland. Hier kleben keine Kaugummis auf den Bürgersteigen, die Fassaden sind stets frisch gestrichen, die Luxusyachten parken dichtgedrängt im Hafen, und an jedem zweiten Kreisverkehr steht ein Polizist mit schneeweißen Handschuhen. Mehr als 500 Personen beantragen pro Jahr die Staatsbürgerschaft, aber nur eine Handvoll erhält sie auch. Wer in Monaco wohnt, fühlt sich auserwählt, und die Fürstenfamilie arbeitet hart daran, dass das so bleibt.
Allerdings braucht man nicht zwingend die Staatsbürgerschaft, um sich in Monaco anzusiedeln. Das Fürstentum ist auch eine Heimstatt für Betrüger und windige Geschäftemacher aus aller Welt. Außerdem sollen einige Despoten, die der Arabische Frühling aus ihrer Heimat getrieben hat, Immobilien in Monaco besitzen. Dass der ganze Reichtum, der hier zu sehen ist, nicht vom Stadtstaat selbst erwirtschaftet worden sein kann, weiß ohnehin jeder, der ausführlicher als einen Cappuccino lang darüber nachdenkt.
Wie Diana aus Kopenhagen verbringt auch ihr Kommilitone Iimura Nobuhiko, 29, große Teile seines Studiums in einem Luxushotel, dem Fairmont, direkt am Meer. Am liebsten liegt er auf der Aussichtsterrasse neben einem Pool. Palmen wiegen sich im sanften Wind, von den schneeweißen Matratzen-Inseln kann man das Mittelmeer und die italienische Küste sehen.
Die uniformierten Angestellten grüßen Nobuhiko freundlich und bringen ihm ungefragt einen Latte Macchiato. Nobuhiko wohnt hier zwar nicht, er wohnt 50 Meter entfernt, aber am Pool des Fairmont ist er Stammgast.
Nobuhiko hat in Tokio bei IBM gearbeitet. Als im März 2011 Erdbeben und Flutwellen über sein Land hereinbrachen, das Atomkraftwerk Fukushima explodierte und die japanische Wirtschaft schrumpfte, beschloss er, nach Europa auszuwandern. "Ich wollte schon immer nach Monaco", sagt er, und als Student sei das kein Problem. Im Sommer wird er nun seine Masterarbeit abgeben, einen Job hat Nobuhiko auch schon längst. Er wird für eine Wellness-Firma aus Monaco Filialen in aller Welt planen.
An diesem Morgen hat er nicht viel Zeit, er will noch zu den "Rolex Masters" gehen, einem Tennisturnier. Er freue sich auf den Grand Prix, das berühmte Formel-1-Rennen von Monte Carlo, sagt er. Das wird Nobuhiko Ende Mai von dieser Terrasse aus beobachten, sie liegt genau über einer der engen Kurven des Kurses.
Alle paar Wochen treffen sich Nobuhiko und seine Kommilitonen zum "Networking Cocktail" in einer Bar, wo die Cola 25 Euro kostet. Dort begegnen sie Leuten aus der Wirtschaft, Managern und Brokern. Es sind einige Privatiers dabei, die für ihr Geld seit Jahren nicht mehr arbeiten müssen. So lernen die Studenten auch außerhalb der Universität Wichtiges für das Leben im Reichtum.
"Die Studenten lechzen nach Statussymbolen wie Maserati und Jaguar, und die meisten besitzen diese auch", sagt eine Angestellte der Hochschule, die ungenannt bleiben möchte. Manche gingen während der Mittagspause in Nizza shoppen, ließen sich vom Helikopter an der Küste entlang zurückfliegen und kämen mit Handtaschen im Wert von einigen tausend Euro wieder.
Es gebe einige, die dächten, es lasse sich mit Geld eigentlich alles kaufen, sagt die Frau - auch gute Noten. "Die wollen ihre Lehrer ständig mit teurem Essen und Einladungen ködern."

Ihre Karriere sollen die Studenten nicht als Leiter sehen, die sie erklimmen wollen, sondern als steile Rampe, die sie hinaufstürmen.

Von Annika Joeres

UniSPIEGEL 3/2013
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