Studenten nachts in Dresden Ziellos in Neustadt

Was passiert in Unistädten, wenn es dunkel wird? Matthias Fiedler tanzt mit Pils in der Blase und trinkt Schnaps mit einer Dragqueen. Eines Nachts in: Dresden.

Patrick Slesiona

20.30 Uhr: Der Barkeeper kommt schwer hinterher. Er ist allein an diesem Abend, und in der "Zapfanstalt", einer mit Fassadenholz verkleideten Eckkneipe in der Dresdner Neustadt, sind die Gäste durstig. Fruchtiges Red Ale aus Sachsen, würziges Bockbier aus Bayern, rauchiger Breakfast-Stout aus England: An der Theke gibt es 20 Sorten aus 20 Hähnen, mehr als hundert weitere stehen dahinter im Regal. Meine alten Dresdner Freunde René und Gerd haben den Laden empfohlen. Ich bin selbst in der Gegend aufgewachsen, aber vor einer Weile weggezogen. Heute wollen wir sehen, was so geht in dieser Stadt, in der ich nur noch selten bin. Ich starte mit Augustiner. "Langweiler", sagt Gerd. Na, das werden wir sehen.

21.45 Uhr: Zeit für frische Luft - in der Äußeren Neustadt immer lohnenswert, weil das alternative, sagenumwobene Viertel einem Abenteuerspielplatz für Erwachsene gleicht. Wir laufen die Görlitzer Straße entlang. Bunt bemalte Häuser, Cafés, Bars, Burger-Läden. Vor dem Kino "Thalia" hocken junge Menschen auf Fensterbänken, trinken, lachen, rauchen, es riecht nach Marihuana. Für Studenten ein Hort der Glückseligkeit. Nur kann sich kaum einer der knapp 45.000 Hochschüler die Mieten noch leisten, sie weichen mittlerweile lieber auf andere Viertel aus.

Fotostrecke

7  Bilder
Nachts in Dresden: "Abgeranzte Gemütlichkeit"

22.05 Uhr: Wir sind im Zentrum des Trubels angelangt. Das "Asi-Eck" - die Kreuzung Rothenburger Straße/Ecke Louisenstraße - ist das Gegenstück zu Dresdens barockem Altstadtidyll. Hipster, Punks und Feierwütige kauern im Schneidersitz auf dem Asphalt, lehnen mit der Bierflasche an Häuserwänden, spielen Gitarre. Quer über die Kreuzung taumelt eine Gruppe Männer im Schornsteinfegerkostüm dem Höhepunkt des Junggesellenabschieds entgegen. "In der Neustadt hat man kein Ziel. Hier lässt man sich überraschen", sagt Gerd. Wir sind noch beim Aufwärmen und nehmen ein Radeberger aus dem Spätshop.

22.20 Uhr: Trotz verordneter Ziellosigkeit: Das "Hebeda's" muss sein. Das Schild über der Eingangstür verspricht eine "Familieneinkehr". Die Luft ist dick, in der Stube rauchen Männer mit Karoschiebermütze und Ziegenbart, auf den Tischen flackern Kerzen. René nennt es "abgeranzte Dresdner Gemütlichkeit". Wir erkämpfen uns einen Platz an der Bar und bestellen einen halben Liter Bier für 2,70 Euro.

Fotostrecke

22  Bilder
Studentenstädte im Nachttest: Was können Köln, München, Rom?

22.45 Uhr: In einem verwinkelten Gang treffen wir zwei Studentinnen aus Münster. Sie wollten in Bayern wandern gehen. Weil dort alle Hütten ausgebucht waren, entschieden sie sich für die Sächsische Schweiz und einen Stopp in der Dresdner Neustadt. "Urig" und "hip" finden sie das Viertel. Schickimicki gibt's hier nicht, das gefällt ihnen.

23.45 Uhr: René muss gehen, er ist kürzlich Vater geworden, seine Augen verraten, dass er wenig schläft. Gerd schließt sich an. Auch das "Hebeda's" leert sich langsam. Voll ist es meist bis 24 Uhr und dann wieder am frühen Morgen, wenn die Leute auf einen Absacker kommen. Zum Glück bleibe ich nicht allein: Fotograf Patrick, der mich für diesen Text begleitet, ist nicht müde. Wir bestellen Bier und bestaunen die Zockermaschine, an der man CDs aus einer anderen Zeit gewinnen kann: "Bravo Hits 13".

"Warten bis der Beat droppt"

0.15 Uhr: Der erste Klub unserer Wahl ist das "Downtown" - eine Dresdner Kultlokalität auf drei Floors. Vor dem Kellereingang zum Klub bestellen wir an einem Holzhäuschen Wodka-Cola. Über uns dreht sich eine silberne Discokugel. Auch im Kopf dreht es sich allmählich.

0.35 Uhr: Auf dem Main-Floor legt der DJ Mainstream auf. Sean Paul, Peter Fox, Marteria. Das stört keinen - im Gegenteil. Als "Songs für Liam" von Kraftklub aus den Boxen dröhnt, springt das Partyvolk freudetrunken auf und ab. Getreu dem Motto, das sich an der Wand auf der Männertoilette findet: "Hab Sonne im Herz und Pils in der Blase!"

1.50 Uhr: Wir schauen beim Elektro-Floor vorbei, wo sich drei Typen mit Sonnenbrille Salz auf die Hand streuen und zu wummernden Bässen Tequila bechern. Einen Stock darüber, im "Lofthouse", rahmen goldene Spiegel und rote Vorhänge die Tanzfläche ein. Als "Kling Klang" von Keimzeit ertönt, ist es Zeit zu gehen. Nicht zwingend bis nach Feuerland, wie im Song beworben, aber zumindest woandershin.

Hol Dir den gedruckten UNI SPIEGEL!
Den UniSPIEGEL gibt's auch kostenlos an den meisten Hochschulen.

2.15 Uhr: Wir eiern zurück Richtung Görlitzer Straße. Eine Treppe führt in die Tanzbar "Der Lude". Auf einer Fläche nicht größer als ein Wohnzimmer zappelt ein abenteuerlich gekleidetes Publikum im Rotlicht: ein Junge mit Lederhalsband in Netzstrumpfhosen, eine Wasserstoffblonde mit zwölf Zentimeter hohen Boots und Fächer, ein Vollbärtiger im Unterhemd. Das passt zum Laden, der voller Frivolität steckt. Die Blumentapete zieren Schwarz-Weiß-Fotos mit Porno-Sternchen aus den Achtzigerjahren, unter der Decke hängen Tangas und BHs. All das wirkt kurioserweise nicht billig. Macht Laune.

2.45 Uhr: Patrick und ich kippen Schnaps mit der DJane. Sie heißt Lara Liqueur und ist eine bekannte Dresdner Dragqueen. Rote Perücke, rote Lippen, mit ihren High Heels überragt sie jeden Gast. Als die Stimmung kocht, kramt sie eine Konfettikanone hervor und sagt: "Jungs, wir müssen warten, bis der Beat droppt." Dann schießt sie die bunten Papierschnipsel von ihrem DJ-Pult in die Menge. Das Publikum johlt.

3.40 Uhr: Lara Liqueur lässt zu "I can't get no sleep" tanzen. Wir sind allerdings bereit für den Heimweg. Kurzer Alkoholtest am Automaten im "Lude". 0,6 und 0,7 Promille sagt die Anzeige. Ob das stimmt? Dem Taxifahrer kann es egal sein. Uns auch. Schön war's.

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
juuu1978.08 24.11.2017
1. Schön
mal einen positiven Artikel über meine geliebte Heimatstadt zu lesen. Ich habe mich in der Neustadt als junge Frau immer wohler gefühlt als in den sogenannten nornalen Stadtvierteln, wo nach Einbruch der Dunkelheit die Bordsteine hochgeklappt werden und man so fast allein auf den Strassen unterwegs ist.
broilertarier 24.11.2017
2. Ja so war einmal
eine Nacht in der Neustadt.Bis so ca. vor anderthalb Jahren! Das feierwütiige Publikum ist immer noch diese puntgemischte Masse von allem was die Gesellschaft hergibt.Jedoch dazu kommen nun auch unsere Freunde aus dem Maghreb, Afghanistan,Irak u.s.w. Syrer, die wirklich Kriegsflüchtigen eher weniger, die dieses Viertel für sich entdeckt zu haben scheinen. Und es tut mir wirklich leid, dass schreiben zumüssen, mit weit mehr negativen als positiven Folgen für Anwohner, Nachtschwärmer, Gewerbetreibende, Vermieter und Investoren und am schlimmsten der Toleranz gegenüber wirklichen Kriegsopfern und anders Asylberectigten. Grad in der sehr liberal, grünbunten und offen Neustadt fällt das Verhalten eines Teiles dieser Personengruppen, sozial wie auch menschlich und geistg doppelt auf.Es tut mir leid aber nachts alleine mach ich nicht mehr und feiern kann ich auch woanders wenns noch schlimmer werden sollte.Schade
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© UNI SPIEGEL 5/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.