Mein Leben als Apothekerin Mein! Medikament! Jetzt! Sofort!

Ein äußerst schwieriges Studium, erstaunlich viel Bürokratie und nur ein mittelmäßiges Gehalt: Eine Apothekerin berichtet - von "Dr. Google"-Erkenntnissen und Kunden, die Viagra ohne Rezept haben wollen.

Das Anfangsgehalt von Apothekern liegt bei 3300 Euro brutto
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Das Anfangsgehalt von Apothekern liegt bei 3300 Euro brutto

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Studentenpartys und entspannte Stunden im Café kenne ich nur vom Hörensagen. Mein Pharmaziestudium fand ich ziemlich anstrengend. Vormittags im Hörsaal, nachmittags im Labor und abends und am Wochenende lernen - das hält nicht jeder durch: Einige haben schnell abgebrochen, viele mussten mehrere Semester dranhängen.

Verglichen mit diesem Aufwand ist das Gehalt als angestellte Apothekerin nicht wirklich hoch. Eine Berufsanfängerin erhält knapp 3300 Euro brutto, ab dem elften Berufsjahr sind 4000 Euro vorgesehen. Aber Geld ist mir nicht so wichtig.

Ich habe meinen Beruf gewählt, weil ich Menschen helfen möchte - auch wenn das abgedroschen klingt. Deshalb hat mich auch ein Job in der Pharmaindustrie nie gereizt.

Die Anfangszeit in der Apotheke war hart. Ich fühlte mich durch das theorielastige Studium nicht gut auf den Alltag vorbereitet. Fachwissen ist zwar wichtig - aber mir hat niemand beigebracht, wie ich die komplexen Wirkungen der Medikamente so erkläre, dass alle Patienten sie verstehen.

Morgens weiß ich nie, was mich am Tag erwartet: Der eine braucht ein Kopfschmerzmittel, der nächste hat eine Erkältung, wieder ein anderer hat ein Asthmaspray verordnet bekommen, weiß aber nicht, wie er es anwenden soll.

Einfach kommentarlos Arzneimittel zu verkaufen, geht für mich gar nicht. Deshalb frage ich nach: Hat der hustende Kunde eine Erkältung, oder könnte es etwas anderes sein? Steckt hinter den Beinschmerzen ein Wadenkrampf, eine Zerrung, oder gibt es Anzeichen für eine Thrombose? Die Diagnose stellt natürlich der Arzt. Trotzdem muss ich wachsam sein, Fehler passieren: Der Arzt hat das Rezept nicht unterschrieben, versehentlich eine falsche Stärke verordnet, oder das neue Mittel verträgt sich nicht mit Präparaten, die der Kunde bereits nimmt.

ASS statt ACC

Meine Aufgabe ist es, Unstimmigkeiten aufzuspüren. Einmal wünschte ein Kunde eine Packung ASS. Auf die Frage, ob er es gegen Kopfschmerzen brauche, antwortete er irritiert: "Nein, ich habe Husten." Er hatte das Schmerzmittel ASS mit dem Hustenlöser ACC verwechselt.

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Einige verlangen rezeptpflichtige Arzneimittel, obwohl sie keine Verordnung haben. Ihr Arzt ist nicht da, sie haben das Rezept vergessen - aber sie brauchen ihr Medikament jetzt! Sofort! Eine schwierige Situation. Gebe ich solche Präparate ohne Rezept ab, mache ich mich strafbar. Es gibt Kunden, die mir dann unterstellen, ich wolle nicht helfen. Als ich einem Mann Viagra verweigerte, wurde er laut und meinte, ich würde ihm seinen Spaß nicht gönnen.

Am schlimmsten sind Patienten, die mit Empfehlungen von "Dr. Google" kommen und sich nach intensiver Internetrecherche schwer krank fühlen - trotz eher harmloser Beschwerden. Sie misstrauen mir als Expertin. Das macht eine Beratung ziemlich mühsam.

Als Apothekerin bin ich auch eine beliebte Gesprächspartnerin. Gerade ältere Kunden freuen sich, wenn ich mir Zeit nehme, berichten stolz von ihren Enkeln oder vom Urlaub - aber auch von Schicksalsschlägen. Wenn bei einer Stammkundin Krebs festgestellt wurde oder ihr Mann gestorben ist, lässt mich das nicht kalt.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Neben Beratungsgesprächen erledige ich zahlreiche Aufgaben im Hintergrund, kontrolliere Rezepte, damit es keinen Ärger bei der Abrechnung gibt, oder dokumentiere die Abgabe spezieller Arzneimittel. Wenn ich Cremes anfertige, prüfe ich, ob die Inhaltsstoffe zusammenpassen und die verordneten Wirkstoffkonzentrationen stimmen. Alles muss dokumentiert werden - ein Riesenaufwand.

Ist im Verkaufsraum niemand zu sehen, plaudern wir bestimmt nicht in der Kaffeeküche. Trotzdem höre ich manchmal Sprüche wie "Haben Sie Ihren Kaffee genossen?" oder "Guten Appetit". Unverschämt.

Bis zu zweimal pro Monat mache ich Notdienst, liege auf einer Klappliege und versuche zu schlafen. Überall summt es, und plötzlich klingelt die Glocke, nachts um drei Uhr. Wenn dann jemand einen Schwangerschaftstest verlangt oder ein abgelaufenes Rezept vorlegt, muss ich erst tief durchatmen.

Manchmal muss ich auch schmunzeln. Einmal prüfte eine Frau tatsächlich mit einem Pendel, ob die Arznei gut für sie ist. Ich hatte Glück, das Pendel und ich waren einer Meinung.

Wegen solcher Momente liebe ich meinen Beruf. Neulich hat sich eine Frau sogar mit einem persönlichen Brief für meine Hilfe bedankt. Da war ich richtig gerührt.



insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
!!!Fovea!!! 03.08.2017
1. Letzte Woche der "Heulsusen" Artikel
eines 22-jährigen (!) Rettungssanitäter der Katheter wechseln dürfte und Totenscheine ausstellte. Nun haben wir eine Apothekerin, die Kunden medizinisch berät?! Also brauchen wir keine Ärzte mehr... Sicher haben Apotheker ein Basiswissen "Medizin", aber wenn ich einen unbelehrbaren Kunden vor mir habe, sollte der Anstand so weit gediehen sein, dass man einen solchen Typ zum Arzt schickt. Zudem wissen wir doch alle, dass die Apothekenbesitzer nicht gerade zu einer verarmenden Zunft gehören, wenn ich mir die Preisunterschiede zwischen den Internetapotheken und den niedergelassenen Apotheke anschaue. ( ja, ja, ich weiß, jetzt kommt wieder das Argument der persönlichen Kundenberatung....) Daher lieber SPON, was sollen diese halbgaren Berichte aus medizinischen Nischen?
touri 03.08.2017
2.
Ich schon, z.B. welches Schmerzmittel bei bestimmten Kopfschmerzen am schnellsten wirkt oder welche Salbe sich für Muskelschmerzen am ehesten anbietet. Einmal wurde mir auch ein Medikament herausgesucht, welches gegen mein (zum Glück) temporäres fructoseaufspaltungsproblem half. Man muss halt danach fragen.
Sokrates1939 03.08.2017
3. Helfersyndrom
Vor Jahrzehnten gab es in Hamburg recht große Apothekenbezirke, für die jeweils nur eine Apotheke konzessioniert wurde. Diese Apotheken waren für den Inhaber wahre Goldgruben. Heute gibt es hier Straßen und Plätze, wo sich alle 30m oder rundherum Apotheken befinden. Täglich machen neue auf.Möglicherweise aus Konkurrenzgründen wird nach meinem Eindruck in vielen Apotheken neuerdings auch unnötige und unerwünschte Beratung geleistet. Ob die Kraft im weißen Kittel nun approbierte Apothekerin oder Apothekenhelferin ist, ist in der Regel nicht zu erkennen. Das Helfersyndrom wird wie bei anderen "Helferberufen" dem Berufsalltag häufig nicht standhalten. Ich halte ketzerisch den Wunsch, viel Geld zu verdienen, nicht für das schlechteste Motiv für Ärzte usw
grabenkaempfer 03.08.2017
4.
man mag es kaum glauben, aber wenn man tatsächlich den Apotheker vor sich hat und nicht den Apothekergehilfen/assistent wird man beraten. Und ein Apothekenbesitzer muss nicht der sein, der hinter dem Tresen steht.
jones26 03.08.2017
5. ich lese viel mimimi
2 mal im Monat auf einer Klappliege schlafen? Als Paedagoge in meinem letzten Job durfte ich das zweimal pro Woche in 24h Schichten und das auch an Feiertagen und Wochenenden. da teilt sich nicht eine Wohngruppe mit einer anderen den Bereitschaftsdienst. ich verstehe nicht, warum ein umfassendes Studium notwendig ist? Rezepte kontrollieren, Wirkstoffe kennen und Risiken und Nebenwirkungen, dass kann ich auch in 3 Jahre Ausbildung packen und den Praxisanteil hochschrauben. Pharmakant ist auch "nur" ein Ausbildungsberuf und die mischen die Drogen. Das Einstiegsgehalt ist recht hoch. Studierte aus anderen Bereichen duerfen sich meist mit weniger zufrieden geben. Mich würde an dem Job der Kundenkontakt nerven. Rentner die einen mit privaten Dingen vollsuelzen, schreiende Kinder und ahnungslose Menschen.... ich würde amoklaufen. täglich!
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