Sexismus an Unis "Nach Machtmissbrauch wird nie gefragt"

Studierende der Uni Hildesheim haben eine Hochschulgruppe gegründet, um Sexismus anzuprangern. Mit-Initiatorin Laura Steiner erzählt, wie es dazu kam.

Werden Frauen im Hochschulbetrieb benachteiligt oder gar belästigt?
Imago/ Michael Schick

Werden Frauen im Hochschulbetrieb benachteiligt oder gar belästigt?


UNI SPIEGEL: Wie begann die Sexismus-Debatte an Eurer Fakultät?

Laura Steiner: Es gab einen anonymen Artikel in einer Studentenzeitung, darin wurde kritisiert, dass am Literaturinstitut fast ausschließlich "alte, weiße Männer" lehren und Frauen benachteiligt würden. Vielmehr haben uns aber die Reaktionen auf den Text schockiert: Auf einmal fühlten sich die Dozenten diskriminiert. Es gab Druck auf die Redaktion, sich zu entschuldigen. Der Artikel ist mittlerweile nicht mehr frei zugänglich. Dabei hat die Autorin recht: Die Probleme sind überall in der Gesellschaft zu finden.

UNI SPIEGEL: Und dann?

Steiner: Die Diskussion darüber fand bei uns nur hinter verschlossenen Türen statt. Das wollten wir ändern. Die Hochschulgruppe "Solo" hat sich auch gegründet, um sich mit dem Vorwurf des Artikels zu solidarisieren. Viele von uns hatten ähnliche Erfahrungen gemacht: Männliche Kommilitonen wurden bevorzugt, weibliche Einwände belächelt. Wir kennen die ganze Bandbreite - von unpassenden Witzen über abfällige Bemerkungen bis zu Situationen, die Frauen als bedrohlich empfunden haben. Einige "Solo"-Mitglieder haben ihre Geschichten dann in der Zeitschrift "Merkur" veröffentlicht.

UNI SPIEGEL: Eure Berichte haben eine Debatte im Literaturbetrieb angestoßen. Wie groß ist das Problem?

Steiner: An einer Schreibschule oder generell im künstlerischen Bereich hängt das Fortkommen auch vom Netzwerk aus dem Studium ab. Sexistische Benachteiligungen wirken sich deshalb noch lange aus. Aber mir ist es wichtig, dass es hier nicht nur um ein Problem an Schreibschulen oder in Hildesheim geht. Sexismus existiert in allen Fachbereichen und an allen Hochschulen.

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UNI SPIEGEL: Was habt ihr bislang erreicht?

Steiner: Wir haben eine Podiumsdiskussion organisiert und eine Liste mit Forderungen erstellt. Frauen sollten bei der Besetzung von Stellen stärker berücksichtigt und Redeanteile in Seminaren fair verteilt werden. Manche Dozenten bemühen sich mittlerweile. Aber es gibt immer noch viele, die sagen: Es gibt kein Problem. Was soll das Ganze?

UNI SPIEGEL: Was müsste sich im Hochschulbereich ändern?

Steiner: Es braucht ein Bewusstsein für sexistisches Verhalten, aber auch für das Machtgefälle zwischen Studierenden und Dozenten. Studentische Kritik sollte nicht einfach vom Tisch gewischt werden. Wir wollen erreichen, dass die Lehrenden durch "diskriminierungskritische Workshops" geschult werden. In den Evaluationsbögen sollte gezielt nach Machtmissbrauch gefragt werden. Das fehlt bislang völlig.

© UNI SPIEGEL 6/2017
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