Streit an Unis Ist das noch Israelkritik oder schon Antisemitismus?

An deutschen Unis häufen sich Antisemitismus-Vorwürfe. Undifferenzierte  Ansichten seien auf dem Vormarsch, warnen die einen. Israelkritik steht jetzt unter Generalverdacht, befürchten die anderen.

Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim
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Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim

Von Peter Neitzsch


Christiane Dienel hat keine leichte Aufgabe: Sie sitzt auf einem Podium, eingerahmt von Kritikern, vor einem Publikum aus Kritikern. Und sie möchte all diese Menschen davon überzeugen, dass an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim niemand etwas gegen Juden hat.

"Es ist nicht erwiesen, dass das Seminar antisemitisch war", sagt die HAWK-Präsidentin, den Oberkörper im schwarzen Sakko nach vorn gebeugt, unter dem Tisch wippt sie nervös mit den Füßen. Sicherlich, räumt sie ein, einige Quellen hätten nicht unkommentiert in die Leseliste gehört. Der Streit hat sie die zweite Amtszeit gekostet. Im Januar wurde sie an der Spitze der Hochschule abgelöst.

Veranstalter der Podiumsdiskussion in einem Kulturzentrum in Hannover war die Liberale Jüdische Gemeinde. Es ging um die Frage: "Wo beginnt israelbezogener Antisemitismus?" Streitpunkt war das Seminar "Soziale Lage der Jugendlichen in Palästina", das an der HAWK seit 2006 im Fachbereich Soziale Arbeit angeboten wurde. 2011 gab es zum ersten Mal eine schriftliche Beschwerde über die aus Palästina stammende Dozentin, sie blieb folgenlos. Erst der öffentliche Streit führte schließlich dazu, dass das Seminar im vergangenen Jahr abgesetzt wurde.

Die Diskussion drehte sich deshalb auch um die Details: Wann wurde welches Dokument hochgeladen? Wer hat die Evaluationen der Studenten gelesen? Wann wusste die Präsidentin von der Kritik? "Es gibt kaum einen stärker diffamierenden Vorwurf als den des Antisemitismus", wehrte sich Dienel und sprach von Rufschädigung. Das Publikum focht das wenig an: "Sie sind keine Antisemitin, aber Sie äußern sich antisemitisch", polterte etwa der Publizist Henryk M. Broder, der bekannt ist für seine proisraelische Haltung. "Das spricht für eine antisemitische Verseuchung, die mit Ihnen stattgefunden hat." Unschuldige Antisemiten gebe es nicht, insistierte er.

Der Fall der HAWK ist der prominenteste dieser Art, selbst die "Jerusalem Post" berichtete darüber. Doch der einzige ist es nicht: In jüngster Zeit häufen sich die Antisemitismus-Vorwürfe an deutschen Universitäten und Fachhochschulen. Der Streit dreht sich um Inhalte von Seminaren und Vorlesungen, um die Ansichten von Dozenten und um angeblich einseitiges Lehrmaterial.

Georg-August-Universität in Göttingen
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Georg-August-Universität in Göttingen

Konflikte gab es auch an der Georg-August-Universität Göttingen. Dort hatten zwei Professoren, Irene Schneider vom Seminar für Arabistik/Islamwissenschaft und der Rechtswissenschaftler Kai Ambos, eine Vortragsreihe organisiert, die im vergangenen November eröffnet werden sollte. Im Rahmen der Ringvorlesung "Naher Osten - Ferner Frieden?" sollte auch eine Ausstellung auf dem Campus gezeigt werden: "Die Nakba - Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948". Studierendenvertreter kritisierten die Ausstellung, die ein Verein für palästinensische Flüchtlingskinder kuratiert hat, als antisemitisch, forderten ihr Verbot.

Die Hochschulleitung sagte die Ausstellung daraufhin kurzfristig ab. "Wir nehmen Kritik der Studierenden oder externer Organisationen immer ernst", verteidigt Ulrike Beisiegel, Präsidentin der Göttinger Uni, die Entscheidung. Das Präsidium habe sich entschlossen, eine externe wissenschaftliche Analyse in Auftrag zu geben. Erst danach soll die Ausstellung unter Einbeziehung der Gegenpositionen zu sehen sein.

Lehrstuhlinhaberin Schneider, die zum Nahostkonflikt lehrt und forscht, kann das nicht nachvollziehen: "Die Ausstellung beruht auf historischen Fakten und hat eine Perspektive, die der Vertriebenen." Sie sei aber keinesfalls antisemitisch und enthalte auch keine Elemente, die den Staat Israel diffamierten. Über das Vorgehen der Hochschulleitung ist sie erbost: "Der Raum war reserviert, alles war vorbereitet." Die beiden Initiatoren entschieden, die Ausstellung stattdessen in einer Göttinger Galerie zu zeigen.

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Schneiders Kollege Kai Ambos beschwerte sich in einem Brief an die Universitätsleitung, er sei von der Entscheidung "enttäuscht" und fühle sich in seiner "wissenschaftlichen Reputation verletzt". Statt sich hinter die Professoren zu stellen, habe die Hochschulleitung einer "agitatorischen Kampagne" nachgegeben. Für den Juristen ist das ein Präzedenzfall: "Hier geht es um einen Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit, der, wenn er Schule macht, auch viele andere betreffen wird." Die Universität sei ein Ort des kritischen Diskurses, aber offenbar gelte das nicht für Veranstaltungen, die sich kritisch mit der Politik Israels befassten, findet Ambos.

Offenen, kritischen Diskurs, das wollen sie eigentlich alle.

Doch wie weit darf Israelkritik gehen, bevor sie antisemitische Züge annimmt?

"Natürlich können Wissenschaftler die israelische Regierung ebenso wie jede andere Regierung kritisieren", sagt Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden. Problematisch sei die Kritik dann, wenn alle Israelis oder gar alle Juden in Generalhaftung genommen würden oder Israel im Konflikt mit den Palästinensern einseitig beschuldigt werde. "Dieser verkappte Antisemitismus ist in akademischen Kreisen leider keine Seltenheit mehr." Dazu zählt für Schuster auch die Ausstellung in Göttingen. Dabei handle es sich um eine "einseitige und unwissenschaftliche Darstellung".

Das Seminar in Hildesheim habe ebenfalls eine "undifferenzierte Sicht auf den Nahostkonflikt" vermittelt. Als Beispiel nennt er einen Zeitungsartikel in den Seminarunterlagen, der die israelische Armee beschuldigte, mit Organen getöteter Palästinenser gehandelt zu haben. Der Vorwurf hatte sich bereits kurz nach Erscheinen des Artikels als haltlos erwiesen. "Er steht aber in der Tradition mittelalterlich-antisemitischer Ressentiments vom jüdischen Kindsmord."

Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA), verfasste ein Gutachten zu dem umstrittenen Seminar. Die Lektüreliste sei extrem einseitig gewesen, doch das sei nicht das alleinige Problem: "In unseren Seminaren lesen wir oft antisemitische Texte", sagt die Forscherin. "Aber sie dienen uns als Quellen, um bestimmte antisemitische Argumentationen zu verdeutlichen." Nur sei dies allem Anschein nach an der HAWK nicht geschehen.

Hat sich die Dozentin die Israelkritik zu eigen gemacht? In ihrem Gutachten gibt Schüler-Springorum der Hochschule eine Mitschuld: "Das Seminar war bewusst einseitig konzipiert." In einem Teil sollte der Nahostkonflikt nur aus palästinensischer Sicht geschildert werden, in einem anderen nur aus israelischer. Der Besuch des jeweils anderen Kurses war jedoch nicht verpflichtend. Das sei "per se eine hoch problematische Anordnung".

Wie schnell die Debatte eskalieren kann, zeigt der Fall einer Dozentin an der FU Berlin. Studentische Aktivisten warfen der Lehrbeauftragten Eleonora Roldán Mendívil Antisemitismus vor: Die Wissenschaftlerin habe Israel auf ihrem Blog einen Kolonialstaat genannt und arbeite mit Gruppen zusammen, die palästinensischen Terror als Freiheitskampf verharmlosten. Das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft reagierte prompt: Bis zur Klärung soll Mendívil keinen Lehrauftrag mehr erhalten.

Obwohl sich die Vorwürfe nicht auf die Lehrveranstaltung bezögen, beträfen sie gleichwohl "die mögliche Eignung der Dozentin für einen wissenschaftlichen Umgang mit Lehrinhalten", heißt es in einer Stellungnahme. Da half es nicht, dass sich die Teilnehmer ihres Seminars mit der Dozentin solidarisierten. Sogar eine Gruppe israelischer Akademiker sprang der Politologin öffentlich zur Seite: Deren Positionen zum Nahostkonflikt würden sich im Rahmen der akademischen Meinungsfreiheit bewegen.

Alarmismus erschwert einen sachlichen Diskurs - teilweise macht er ihn unmöglich. "Es gibt Themen wie Rassismus, Sexismus und Antisemitismus, die sehr schnell eskalieren, weil sie emotional aufgeladen sind", sagt Stefanie Schüler-Springorum. Da bleibe in der Diskussion oft wenig Platz für Grautöne. In Leipzig traf die Kritik ausgerechnet den Antirassismus-Beauftragten des Student_innenrats (Stura), Tarek Abdel Al Mohamed Hassan. Er hatte in einem Facebook-Post den Artikel einer Organisation verlinkt, die sich an anderer Stelle mit der Hamas solidarisierte. "Dieser Verweis war von mir schlecht recherchiert", sagt Hassan, der inzwischen sein Studium beendet hat. Er habe die Links gelöscht und sich dafür entschuldigt. Dennoch gab es Rücktrittsforderungen und den Vorwurf, er sei Antisemit.

Hassan kritisiert, dass es in der Debatte zu einem "Silencing" gekommen sei. Durch den Vorwurf, er sei Antisemit, fühlt er sich "stummgeschaltet", es sei ein Totschlagargument. Die Debatte sei so erstickt worden. Darunter leide das demokratische Klima im Stura Leipzig und anderen Studierendenvertretungen. Menschenrechtsverletzungen durch Israel könnten nicht mehr angeführt werden, aus Angst, zur Zielscheibe proisraelischer Gruppen zu werden, sagt Hassan.

"Was ich an der linken Israelkritik problematisch finde, ist diese Fixierung auf einen Konflikt von vielen", sagt dagegen Schüler-Springorum vom Zentrum für Antisemitismusforschung. Doch Antisemitismus finde sich nicht nur in linken, propalästinensischen Positionen zum Nahostkonflikt. Aktuell gebe es eine Renaissance rechten Gedankenguts in der Gesellschaft, dieser Trend werde auch an den Hochschulen nicht spurlos vorbeigehen. Die Berliner Forscherin ist sich sicher: "Wir werden in nächster Zeit auch Fälle von rechtsintellektuellem Antisemitismus an Universitäten erleben."



© UNI SPIEGEL 3/2017
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