Jurastudentin will Popsternchen werden "Cool, Schlager!"

Nadine Maikler, 28, steht kurz vor dem juristischen Staatsexamen - und in High Heels tanzt sie über die Bühne eines Bierzeltes. Am liebsten will sie als Schlagersängerin Karriere machen.

Kostas Maros/ UNI SPIEGEL

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Ist sie das wirklich? Diese Haare: blond, glatt, lang. Dieses Outfit: ein weißer Einteiler, knapp, mit Spitze besetzt. Überhaupt, die ganze Erscheinung: eine junge Frau, die leichtfüßig über die Bühne tanzt. Und dann dieses Lied: "Marathon", das ist doch bekannt!

Der Blick vor die Bühne allerdings verrät: Nein, das ist nicht Helene Fischer. Denn im Gegensatz zu Deutschlands derzeit berühmtestem Schlagerstern blickt diese singende Blonde nicht in eine volle Arena, sondern auf eine Art Biergarten in einer dunklen Halle, die mit grünem Teppichboden ausgelegt ist, der wohl an eine Wiese erinnern soll.

An der Wand hängen Nahaufnahmen einer Schwarzwälder Kirschtorte. Kellnerinnen in Schwarzwaldtrachten verteilen frisch gezapftes Tannenzäpfle an Männer und Frauen der Generation fünfzig plus. Es ist nicht ganz klar, ob sie wegen des Bühnenprogramms hier sitzen oder einfach nur ein Bier trinken wollen.

Willkommen auf der Baden-Messe in Freiburg. Die junge Frau, die so sehr an Helene Fischer erinnert, heißt Nadine Maikler. Sie ist 28 Jahre alt, Jurastudentin kurz vor dem ersten Staatsexamen - und Schlagersängerin.

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"Ihr seid super", ruft sie jetzt ihrem spärlichen Publikum zu. Ein paar Zuschauer wippen mit dem Fuß, manche klatschen mit oder filmen mit dem Handy. Getanzt wird nicht, aber es ist auch ziemlich heiß an diesem Spätsommertag. Im Hintergrund sind Verkaufsstände aufgebaut, an denen Aussteller Steinofenbrote, Käse, Dampfbügeleisen und Katzen aus Porzellan feilbieten.

Singende Anwältin? Sängerin mit Kanzlei?

Fast genau vor einem Jahr startete Nadine Maiklers Marathon. Damals gewann sie einen Gesangswettbewerb, ein Produzent wurde auf sie aufmerksam - und dann ging alles plötzlich ganz schnell. Sie schrieb einen Text, er die Musik. Kurz darauf stand sie in der ARD-Show "Immer wieder sonntags" neben Volksmusikstar Stefan Mross und trällerte ihre eigene Single "Freispruch".

Nadine besingt darin, tatsächlich, die Juristerei. Das klingt dann so:

Artikel 1: Du bist verhaftet /
Artikel 2: von meinem Herz /
Artikel 3: Was mich erwartet /
dafür brauch ich heute kein Gesetz.

Der Text sei natürlich "humorvoll gemeint", sagt sie. Die nächste Single soll sich um den Abschied vom Studentenleben drehen. Das Studium möchte sie auf jeden Fall zu Ende bringen - selbst wenn ihr auf der Bühne tatsächlich der Durchbruch gelingen sollte. Ob aus ihr mal eine singende Anwältin wird oder eine Sängerin mit Kanzlei nebenbei, hat sie sich noch nicht überlegt. Erst einmal möchte sie zweigleisig fahren.

Indem sie ihre akademische Ausbildung auch in den Texten so in den Vordergrund rückt, will Nadine sich vom gängigen Klischee des Schlagerdummchens abheben - und damit natürlich von der Konkurrenz. Denn der Markt ist hart umkämpft. Erst recht, seit dieser Jahrmarktsound unter jungen Menschen wieder so was wie Kult geworden ist.

Wenn Nadines Kommilitonen von den Auftritten erfahren, sagen sie häufig: "Cool, Schlager." Das einstige Rentnerimage ist verschwunden: Jeder Dritte zwischen 18 und 25 Jahren hört einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge Schlager. Während das Fußball-Sommermärchen im Jahr 2006 noch mit den Sportfreunden Stiller gefeiert wurde, schmetterten zum WM-Titel 2014 Tausende Fans Helene Fischers "Atemlos". Ironische Distanz? Nix da.

Bevor Nadine Maikler den Schlager für sich entdeckte, sang sie in einer Elektropop-Band, mit der sie einmal sogar in Afghanistan auftrat, im Luftwaffenstützpunkt Camp Marmal. Es gibt Bilder, die zeigen Nadine vor Ort, mit Männern in Uniform, vor Stacheldraht statt Jägerzaun. "Wir wollten die Menschen dort ablenken", sagt Nadine. Sie sei schließlich Unterhalterin, mit einem Stückchen heile Welt im Gepäck.

Deshalb erschien es ihr nur konsequent, die Elektropop-Band als "Experiment" abzuhaken und komplett ins Schlagerfach zu wechseln. Auch um überregional bekannt zu werden, wie Nadine zugibt. Vor allem aber, "weil ich Schlager einfach liebe".

Schon als Vierjährige habe sie vor dem Fernseher gesessen und die Lieder der "ZDF-Hitparade" mitgesungen, ihre Helden hießen Nicole und Stefanie Hertel, später Britney Spears. Heute bewundert sie, natürlich, Helene Fischer. Sie ist Nadines großes Vorbild. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen ist kein Zufall.

"Die Grenzen zwischen den Genres sind doch ohnehin fließend", sagt sie. Viele deutsche Popsongs könnten auch als Schlager durchgehen - und umgekehrt. Es sei diese Mischung, mit der sie sich am besten identifizieren könne.

Zumal in den Liedern längst nicht mehr nur die heile Welt besungen werde. "Es gibt inzwischen auch kritische Texte."



© UNI SPIEGEL 5/2016
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