Studium im Gefängnis Wo Häftlinge zu Akademikern werden

Sie sind Dealer, Betrüger oder Räuber: In deutschen Gefängnissen absolvieren rund 200 Häftlinge ein Studium auf Staatskosten. Ist das gerecht? Ein Besuch in der JVA Würzburg.

Markus Hintzen

Von Marie-Charlotte Maas


Maximilian Weber und seine Kommilitonen trennen Welten. Genauer: eine große Mauer, ein Zaun aus Stacheldraht, zehn Türen mit Sicherheitsschlössern, drei lange Gänge. Wenn Maximilian aus dem Fenster seines Zimmers schaut, sieht er eine blassgrüne Frühlingslandschaft, blauen Himmel, gleißende Sonne - und Gitterstäbe in Eisengrau.

In Wirklichkeit heißt Maximilian Weber anders. Wie alle Häftlinge in diesem Text möchte er anonym bleiben. Er ist Ende dreißig, studiert im dritten Semester Psychologie. Und er sitzt seit vier Jahren im Gefängnis. Zu insgesamt zwölfeinhalb Jahren Haft hat ihn das Gericht verurteilt - wegen Handel mit Crystal Meth in großem Stil. Als die Polizei ihn festnimmt, wird aus Maximilian, dem ehemaligen Lehramtsstudenten und Besitzer einer eigenen Schreinerei, Maximilian, der Verbrecher. Er landet in der Haftanstalt Straubing, in Niederbayern. Dort sitzen, wie Maximilian sagt, "die ganz harten Jungs" ein, darunter Mörder und ein Großteil der bayerischen Sicherungsverwahrten. "In so einer Umgebung kann man schnell zugrunde gehen," sagt Maximilian.

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Eines Tages hört er von der Möglichkeit, ein Studium zu absolvieren - in Würzburg. In der dortigen Haftanstalt kommen alle inhaftierten Studienwilligen Bayerns zusammen. Ein Akademiker-Knast. Maximilian Weber bewirbt sich für das Programm, aus Interesse - und aus Kalkül. Er will weg aus Straubing. Keine 300 Kilometer sind es bis nach Würzburg, für Maximilian Weber ist es ein Umzug in eine andere Welt.

Alle Kurse werden von der Fernuni Hagen organisiert

Denn wie ein Gefängnis sieht die Studierendenabteilung der Würzburger JVA nicht aus. Frederik Becker läuft über den Flur, eine Tasse Kaffee in der Hand, offenes, intelligentes Gesicht. Er ist auf dem Weg zum Hörsaal. So nennen die aktuell fünf Studierenden ihren Computerraum, ein etwa 20 Quadratmeter großes Zimmer, durch dessen vergitterte Stäbe man einen Blick auf die Festung Marienberg erhaschen kann. Frederik ist Mitte vierzig, ein ehemaliger Banker, Ehemann, Vater. Und verurteilt zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren wegen Anlagebetrug. Wie alle anderen hier trägt Frederik die einheitliche Anstaltskluft, blaue Hose, grauer Pullover. An den Wänden hängen Kunstdrucke von Max Beckmann und eine Panoramaansicht von New York. In den Regalen stehen Bücher, ordentlich sortiert nach Fachgebieten: Guido Knopps "Die Deutschen" und Golo Manns "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhundert", die "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" des britischen Ökonomen John Maynard Keynes, ein Handbuch zum Thema "Personalmanagement" und, ja, das Bürgerliche Gesetzbuch - auch Rechtswissenschaften kann man im Gefängnis studieren. Alle Kurse werden von der Fernuni Hagen organisiert. Die Kommilitonen der Häftlinge sind in der ganzen Welt verstreut.

Auf einer Ablage stapeln sich Tages- und Wochenzeitungen und Magazine - die Studierenden sollen auf dem Laufenden sein, was die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage angeht. Wer will, kann sich zusätzlich ein kostenloses Zeitschriftenabo bei einem Berliner Verein bestellen, der Gefängnisinsassen bei ihrem Wunsch nach Bildung unterstützt.

Vor einem Monitor sitzt Hans Müller, Anfang fünfzig, auf der Nase eine Brille, seine Füße stecken in Hausschuhen. Müller, gelernter Finanzfachwirt, wegen schweren Raubs und diverser Vorstrafen verurteilt zu zehneinhalb Jahren Gefängnis, bastelt an seinem Stundenplan. Aktuell studiert er Wirtschaftswissenschaften, doch er will wechseln. Philosophie soll es zukünftig sein. "Ich habe aus Vernunft BWL gewählt, aber jetzt folge ich meinem Interesse", erzählt er. Von einem Studium habe er immer geträumt. "Eigentlich wollte ich als Rentner anfangen", sagt er, "jetzt mache ich es eben ein bisschen früher." Ganz einfach sei das allerdings nicht, schließlich habe man nur beschränkten Internetzugang, könne nur die Seiten der Fernuni Hagen erreichen, das erschwere die Recherche für Hausarbeiten und Klausuren. Kameras zeichnen jede Bewegung der Häftlinge auf, Vollzugsbeamte kontrollieren, womit die Studenten sich im Hörsaal beschäftigen. Auch E-Mails an Professoren und Mitstudenten können sie mitlesen.

Man darf die Frage stellen, ob es gerecht ist, dass Gefangene studieren dürfen. Ob es fair ist, dass Müller sein Seniorenstudium nun schon früher beginnen kann. Ob die Häftlinge nicht einen doppelten Vorteil genießen, weil sie sich nicht mit zig Konkurrenten um ein WG-Zimmer drängeln, weil sie sich nicht mit einem Nebenjob über Wasser halten oder Bafög-Schulden anhäufen müssen. Schließlich studieren Maximilian, Frederik und Hans auf Kosten des Steuerzahlers. Normalerweise fallen für ein Studium an der Fernuni Hagen Studiengebühren an: Zwischen 1600 und 2400 für einen Bachelor-, bis zu 1200 Euro für einen Master-Abschluss. Die Häftlinge zahlen nichts. Sie bekommen sogar noch Geld. Wie ihre Mitinsassen, die in einer Werkstatt im Akkord Plastikringe an Infusionsschläuche anbringen oder in der anstaltseigenen Schlosserei helfen müssen, werden auch Studierende in Haft mit 1,64 Euro pro Stunde vergütet.

Resozialisierung ist die seit 1977 gesetzlich vorgeschriebene Aufgabe der Haft

Rainer Sachse muss die Gerechtigkeitsfrage immer wieder beantworten. Zusammen mit einem Kollegen kümmert sich der Vollzugsbeamte um die Studierenden in Würzburg. Außenstehende, aber auch Sachses eigene Kollegen könnten oft nicht nachvollziehen, wie das zusammenpasst: Ein Strafgefangener, der sich "als Belohnung" noch weiterbilden darf. "Viele sähen es vermutlich am liebsten, wenn die Häftlinge Steine kloppen würden", sagt Sachse. Dabei diene Bildung der Resozialisierung, die seit 1977 gesetzlich vorgeschriebene Aufgabe der Haft ist. Heißt: Menschen, die einmal im Gefängnis waren, sollen nach ihrer Entlassung möglichst problemlos wieder Teil der Gesellschaft werden. Und das funktioniert - zumindest in der Theorie - einfacher mit einer abgeschlossenen Schul- oder Berufsausbildung als ohne.

Das Angebot zum Studium ist sozusagen die Premium-Auslegung dieses Grundsatzes. Dass das Modell umstritten ist, wissen die fünf Studierenden in Würzburg. Alle betonen, dass sie in einer privilegierten Lage seien. "Wir sind 5 von 11.000 bayerischen Strafgefangenen, das ist schon Elite", sagt Hans, nur halb im Scherz. Dementsprechend begrenzt ist der Zugang. Wer sich für einen Platz im Studienprogramm bewirbt, muss entweder das Abitur, Fachhochschulreife oder eine abgeschlossene Berufsausbildung mit mehr als drei Jahren Berufserfahrung vorweisen können. Außerdem sollten idealerweise noch mindestens drei Jahre abzusitzen sein, sodass ausreichend Zeit bleibt, ein Bachelor-Studium zu absolvieren.

Die Straftat des Verurteilten spielt dagegen keine Rolle. Ob Totschläger oder Trickbetrüger - studieren darf mit der passenden Qualifikation theoretisch jeder. Behandlungsbedürftige Sexual- und Gewaltstraftäter und Mörder sollten allerdings vor Studienbeginn ihre Tat in einer Therapie erfolgreich aufgearbeitet haben. 16 Plätze hat die Studentenabteilung in Würzburg, bislang saßen aber nur maximal 9 Studierende vor den Rechnern.

Das Studium soll den Häftlingen bei der Rückkehr in die Gesellschaft helfen

Bei so viel Exklusivität bleibt es nicht aus, dass die Studis auch von ihren Mitinsassen kritisch beäugt werden. Kein Wunder, schließlich genießen sie einige Privilegien: Jeder hat eine eigene Zelle mit einem extra breiten Schreibtisch, einer kleinen Schreibtischlampe und Wandregalen für Ordner und Bücher. Rainer Sachse hat die Ausstattung für seine Schützlinge erkämpft. Er besorgt ihnen Literatur, lässt Abschlussarbeiten binden. "Wenn ein Gefangener sagt, dass er die ganze Nacht gelernt hat, weil er die Ruhe nutzen wollte, dann lasse ich ihn auch tagsüber gewähren, obwohl eigentlich alle um sechs Uhr aufstehen müssen", sagt Sachse.

Es ist eine Gratwanderung. Einerseits möchte Sachse die Studierenden auf ihrem besonderen Weg unterstützen. Andererseits muss er als Vollzugsbeamter dafür sorgen, dass in seiner Anstalt Gerechtigkeit herrscht. "Innerhalb der JVA heißt es oft, dass die Studierenden eine Sonderstellung genießen." Also bekommt jetzt jeder Häftling, der möchte, eine eigene Schreibtischlampe - unabhängig davon, ob er studiert, oder nicht.

Rainer Sachse glaubt daran, dass das Studium den Häftlingen bei der Rückkehr in die Gesellschaft helfen wird. Sicher ist das nicht. Viele Arbeitgeber sind skeptisch, wenn sie einen ehemaligen Straftäter einstellen sollen.

Frederik Müller könnte Glück haben. Noch zweieinhalb Jahre, dann darf der Ex-Banker das Gefängnis verlassen. Eine Stelle hat er schon im Ausland in Aussicht, als Fundraiser in einem Non-Profit-Projekt. Mit seiner Straftat habe er alle Grundsätze gebrochen, die er seiner Tochter je beigebracht hat, bekennt Frederik. Mit dem Studium habe er eine zweite Chance bekommen. "Ich muss aus meinem Gefängnisaufenthalt jetzt das Beste machen."



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