Trotz Bologna-Reform Und ewig bummelt der Langzeitstudent

Langzeitstudenten? Die sollte es nach der Umstellung auf das Bachelor-Master-System eigentlich nicht mehr geben. Aber: von wegen. Und die Langstreckler sind orientierungsloser denn je.

Dominik Kilian: Neuntes Semester und kein Ende in Sicht - na und?
Florian Generotzky/ UNI SPIEGEL

Dominik Kilian: Neuntes Semester und kein Ende in Sicht - na und?

Von Almut Steinecke


Das Headset sitzt wie angewachsen auf dem Kopf. Sinje Lornsen, 27, hat eine freundliche Telefonstimme. Gekonnt nimmt sie Anrufe von Kunden entgegen. Kein Wunder, schließlich hat sie jahrelange Erfahrung. So telefoniert sie sich durch die Woche, in einem Callcenter in Kiel, 16 Stunden verbringt sie hier im Schnitt. Die Arbeit mache ihr Spaß, sagt sie. Doch eigentlich sollte Sinje nicht hier sein. Sie sollte nicht nebenher jobben, sondern längst im Arbeitsmarkt fest angekommen sein. Schließlich ist sie Akademikerin - oder zumindest auf dem Weg, eine zu werden.

Allerdings war sie lange nicht sicher, ob dieser Weg überhaupt noch irgendwohin führt. Denn in ihrem Hauptfach Geschichte hat Sinje mittlerweile 15 Semester auf der Uhr, in Friesisch, ihrem Nebenfach, liegt sie mit sieben Semestern auch schon über der Regelstudienzeit. Und sie macht sich Sorgen, was potenzielle spätere Arbeitgeber wohl davon halten werden. "Ich habe Zukunftsangst", sagt sie.

Eigentlich sollte es solche Uni-Biografien nicht mehr geben. Der Langzeitstudent schien wie ein Phänomen längst vergangener Tage: Magister-Tage, Diplom-Tage. Mit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System sollte das Studium straffer organisiert werden - und damit auch schneller.

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Das dokumentiert etwa der nationale Bildungsbericht, koordiniert vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), aus dem Jahr 2014: "Mit der Studienstrukturreform war die Erwartung verknüpft, dass die stärkere Strukturierung die Studiendauer näher an die Regelstudienzeit heranführt."

Stichproben in einzelnen Bundesländern zeigen jedoch, dass vorgesehene Regelstudienzeit und tatsächliche Studiendauer trotz verschulter Organisation auseinanderdriften. In Nordrhein-Westfalen etwa betrug 2010 die durchschnittliche Bachelor-Studiendauer 7,1 Fachsemester, zwei Jahre später 7,5 und 2015 glatte 8 Fachsemester. In Bayern, nach Nordrhein-Westfalen das Bundesland mit den zweitmeisten Studenten, dauerte ein Bachelorstudium 2010 im Schnitt 6,6 Semester. 2015 stieg die Studiendauer um ein ganzes Fachsemester auf 7,6.

Die Gründe für die verlängerte Studiendauer sind vielfältig

Kolja Briedis vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) glaubt, dass nun erst offenbar wird, was vorher schon galt, aber in der Statistik bislang verborgen blieb: Langzeitstudenten hat es - allen frommen Politikerwünschen zum Trotz - immer gegeben. "Da die Umstellung erst rund zehn Jahre her ist, konnte es bislang bloß kaum Langzeitstudierende geben, die die Mittelwerte nach oben ziehen."

Die Gründe für die verlängerte Studiendauer sind vielfältig, glaubt Andrä Wolter, Professor für Hochschulforschung an der Humboldt-Universität Berlin: Überfrachtung der Studiengänge. Engpässe an den Hochschulen, zu viele Studierende, zu wenige Plätze im Seminar und im Labor. "In vielen Studiengängen ist die zentrale Studieneinstiegsphase nicht optimal organisiert." Und schließlich sei da noch die Studienfinanzierung.

Sinje Lornsen will sich nicht mehr stressen - und studiert nun in ihrem eigenen Tempo
Patrick Runte/ UNI SPIEGEL

Sinje Lornsen will sich nicht mehr stressen - und studiert nun in ihrem eigenen Tempo

Auch bei Sinje gab es nicht den einen, handfesten Grund, vielmehr eine unglückliche Verkettung von Orientierungslosigkeit, Finanzlücken und der lähmenden Niedergeschlagenheit von einer, die sich an der Uni lange verloren fühlte wie in einem Labyrinth.

Im Wintersemester 2009/2010, direkt nach dem Abitur, startete Sinje an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit einem Zwei-Fach-Bachelorstudiengang Ethnologie und Geschichte, finanziert durch Bafög. Nach kurzer Zeit schon merkte sie: Ethnologie ist nicht das Richtige. Sie suchte ein neues Zweitfach, entschied sich kurzerhand für Islamwissenschaften.

Das allerdings begann immer nur zum Wintersemester, Sinje musste warten. Als es so weit war, stellte sie mit Schrecken fest: Auch die Islamwissenschaften passten nicht zu ihr. "Da bekam ich Panik", sagt Sinje. "Ich fühlte mich völlig unfähig." Sie traute sich nicht mehr, Kontakt zum Bafög-Amt aufzunehmen. Ein zweiter Fachwechsel in einem Bachelorstudiengang setzt auch den Nachweis eines "unabweisbaren Grundes" voraus, um weiter Förderung zu bekommen. Also verzichtete sie. Ihre Eltern mochte sie auch nicht um Geld bitten, wollte niemandem zur Last fallen. Fortan ging Sinje nicht mehr zur Uni, sondern heuerte in einem Callcenter an. "Mein Plan war, viel zu arbeiten, Geld zurückzulegen, um irgendwann wieder studieren zu können."

Erst studieren, dann die Praxis? "Völlig realitätsfern."

Der Zustand allerdings dehnte sich aus - auf zwei Jahre, in denen sich im Hintergrund die Semester anhäuften. Sinje sah, wie Kommilitonen an ihr vorbeizogen, Fotos ihrer Bachelorarbeiten auf Facebook posteten. "Und ich hatte noch keinen anderen Abschluss außer dem Abitur", sagt sie. "Ein beschissenes Gefühl." Sie wurde depressiv. An eine Fortsetzung des Studiums war nun erst recht nicht zu denken.

Das neue Tempo an der Uni habe sie ausgebremst, glaubt Sinje, weil sie sich so getrieben fühlte. "Unter dem Druck, bei der Fächerwahl schnell zugreifen zu müssen, um nicht auf der Strecke zu bleiben, greift man daneben - und dann dauert alles länger."

Nach einer Pause kehrte sie dann doch an die Uni zurück, auch weil sie damals einen Partner hatte, der sie immer wieder dazu ermutigte. Sie probierte Friesisch als neues Nebenfach zu Geschichte - und fand, was sie gesucht hatte. Das Studium macht ihr endlich Spaß. Und sie lernt und jobbt nun in ihrem Tempo, ohne sich von außen oder den eigenen Erwartungen stressen zu lassen.

Titelbild Heft 6/2016 Warum wir trotzdem keine Angst vor künstlicher Intelligenz haben sollten

Manchmal liegt das mäßige Vorankommen auch am Studiengang, der sich einfach nicht schnell studieren lässt, weil er zwingend mit zeitaufwendigen Praktika kombiniert werden muss. Dominik Kilian, Brille, Bärtchen, 25, studiert Theater- und Medienwissenschaften im Bachelor an der Universität Erlangen-Nürnberg. Speziell in solchen Fächern sei es "völlig realitätsfern, erst zu studieren und danach in die Praxis zu starten", bekräftigt Dominik. "Ich muss ständig im 'Learning by doing'-Modus sein, sonst wird es auf dem Arbeitsmarkt sehr schwierig." Anfangs versuchte er, die Theorie durch Praktika zu ergänzen, die er in die Semesterferien quetschte. Länger als zwei Monate dürfen diese Praxisphasen allerdings nicht dauern - auch das ist reichlich unrealistisch. Gleichzeitig sind die Semesterferien eigentlich dazu gedacht, Hausarbeiten zu schreiben und Prüfungen abzulegen. Sonst geht es im Studium nicht voran. Dominik merkte irgendwann: "Beides zusammen geht nicht - zumindest nicht in Regelstudienzeit."

Deshalb gründete er 2014 mit einem Kommilitonen das Unternehmen Brainfuck, eine Produktionsfirma für Musikvideos. Im Sommer 2016 brachte er mit einem anderen Studenten seine zweite Firma Motionbakery an den Start, die Image- und Werbefilme für Firmen und Auslandsdokumentationen, aber auch Musikvideos dreht. Die Selbstständigkeit kann Dominik besser mit der Uni vereinbaren, gleichwohl frisst auch sie Zeit.

Dass Dominik mittlerweile im neunten Semester studiert und wohl noch einige benötigen wird, bis er seinen Bachelor macht, ärgert ihn heute allerdings weniger als früher - weil er sieht, wie seine Firmen wachsen. Und er selbst gleich mit. Allgemein sollte die Uni Raum für "Entfaltung und Persönlichkeitsbildung" bieten, findet er. Wer sich an die Regelstudienzeit halte, sei nur damit beschäftigt, von Klausur zu Klausur zu hecheln. Es bleibe, anders als etwa bei ihm, wenig Zeit, über den Berufswunsch und den Weg nach der Uni nachzudenken. "Und dann steht man da wie nach dem Abi: Abschluss in der Tasche - und jetzt?"



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rieschen 01.01.2017
1. Wer bin ich eigentlich?
Wie die hier dargestellte Studentin gibt es viele! Jahrelang damit beschäftigt das Smartphone zu bedienen, stehen sie nach dem Abitur plötzlich vor der Frage: welcher Beruf könnte wohl zu mir passen? Dabei haben sie aber weder von sich, noch von der Berufswelt viel Ahnung. Und unser Bildungssystem gauckelt ihnen auch immer mehr vor, dass es schon reicht zu atmen, um voran zu kommen. Also brechen wir Studiengänge ab, wählen irgendwas neues, das spannend oder up-to-date klingt und greifen wieder ins Klo. Und es stehen tausende weiterer solcher 'Ahnungslosen Überforderten' in den Startlöchern! Jedes Jahr durchlaufen sie zu Hauf das deutsche Abitur und sind voller Kompetenzen angeblich.... welche das sein sollen, ist aber kaum noch festzustellen, wenn es nicht um mobile Endgeräte, soziale Netzwerke oder In-wear geht! Rosige Aussichten wahrlich!
hemithea 01.01.2017
2. nicht immer die Stundenten schuld
Wir haben bei uns das Problem, dass für Praktika im Bachelorstudiengang einfach nicht genug Betreuer gibt,ob Doktoranden oder Masteratudenten. Deswegen werden gerade mal 30% der benötigten Plätze angeboten, in zwei Phasen. Das reicht trotzdem bei Weitem nicht. Alle Studenten, die nicht rein kommen, müssen auf das nächste Jahr warten. Denn bei uns werden die Veranstaltungen nur jedes 2.Semester wiederholt. Da aber Klausuren nur mit einem bestandenen entsprechenden Praktikum geschrieben werden dürfen, haben Studenten halt Pech und müssen die Klausuren verschieben.
Phil2302 01.01.2017
3. Jeder so wie er mag
Aber es erfüllt mich mit Wut, mir vorzustellen, dass es diese Leute sind, die mir später sagen wollen, wie unfair unsere Gesellschaft ist und das andere zuviel Geld verdienen. Ich war auch kein Vorzeigestudent, aber so stark habe ich es nicht schleifen lassen. Mein Bruder hatte mit 27 bereits sein Prädikatsexamen in der Tasche und war auf dem Weg zum Doktor. Und da soll ich Mitleid mit Leuten haben, die nur den Mindestlohn verdienen? Jeder ist seines Glückes Schmied! Also reinhauen und was leisten und Geld verdienen, oder locker machen und sich nicht beschweren. Dabei meine ich natürlich insbesondere die oben angesprochene Studentin und weniger den Studenten, der nebenher seine eigene Firma aufbaut. Ach ja, nicht zu vergessen: Kritisieren sie weiterhin in Artikeln Eltern, die ihren Kindern den optimalen Lebensweg ermöglichen wollen (erst die Tage hier gelesen). Zumindest kann man bei den Kindern dann davon ausgehen, dass nicht 15 Semester und mehr bis zum Bachelor benötigt werden. Wie lange wollen die Menschen eigentlich bis zur Rente arbeiten? Man ich könnte mich hier endlos aufregen.
wahrsager26 01.01.2017
4. Nun ja.......
ich sehe zuallererst die Elternhäuser dieser Studenten in der Pflicht.Es reicht als Elternhaus nicht,nur Speis und Trank auf den Tisch zu stellen.....ab der Pubertät sind auch ernsthafte Erwachsenengespräche von Nöten!Da können Neigungen ,beobachtet von den Eltern,besprochen werden und ja,gewarnt werden von brotloser Kunst.Was sollen Theater und Medienwissenschaften ?Als Vater würde ich über Islamwissenschaften mein ganzes Gewicht bei Sohn und Tochter einsetzen.....damit es nicht dazu kommt-schließlich liegen einem die Kinder dich am Herz-auch in diesen Lebensjahren ist elterliche Beratung angebracht.Danke
zeichenkette 01.01.2017
5. Verschwendete Zeit ist das nur
wenn man dann irgendwann ohne Abschluss abbricht. Und die Aufregung über Langzeitstudenten ist rational auch schwer nachvollziehbar: Die sitzen ja nicht 20 Semster lang jeden Tag an der Uni und nehmen anderen den Platz weg. Die studieren oft jahrelang nur auf dem Papier (weil sie arbeiten). Und? Wer nicht schon vom Elternhaus auf Schiene gesetzt und unterstützt wird, hat es manchmal gar nicht so leicht. Besser schonmal gearbeitet und dafür länger studiert als vier Jahre nach dem Abi Akademiker sein wollen.
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