Schweden Frauenquote für Seminarliteratur verärgert Judith Butler

Eine Quote für Lektüre? 40 Prozent der Seminartexte am politikwissenschaftlichen Institut der Uni Lund sollen von Frauen stammen. Ausgerechnet die Feministin Judith Butler kritisiert das scharf.

Judith Butler (Archivbild)
DPA

Judith Butler (Archivbild)


Alte, weiße Männer sind eine erfolgreiche Spezies: Über Jahrhunderte haben sie Kunstwerke geschaffen, Kriege geführt und wissenschaftliche Texte veröffentlicht. Eine Schieflage, gewiss. Doch lässt die sich im Nachhinein korrigieren? In Schweden versucht man genau das: Eine Frauenquote soll für mehr Vielfalt in der Seminarliteratur sorgen.

Am politikwissenschaftlichen Institut der Universität Lund gilt: 40 Prozent der Texte müssen aus weiblicher Feder stammen - unabhängig vom Thema. Eine Regel, über die in Schweden jetzt ein erbitterter Streit entbrannt ist. Weil Dozent Erik Ringmar einen Text der Feministin Judith Butler in die Leseliste seines Seminars über konservative Denker aufnehmen sollte, bietet er den Kurs nun nicht mehr an. Kritiker sehen in der 40-Prozent-Regel einen Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit.

Auch Butler selbst, Professorin für Rhetorik an der Universität Berkeley, stellte sich auf die Seite des Politologen: Hochschullehrer sollten Seminartexte selbst auswählen können, mailte sie der Universität. Butler zählt zu den einflussreichsten amerikanischen Philosophinnen und Feministinnen. Sie beschäftigt sich mit Fragen der Macht und des Geschlechts.

Butler führte wie Erik Ringmar die akademische Freiheit an, die in Zeiten autoritärer Herrschaftsformen besonders wichtig sei. Ein Zwang zu einer Frauenquote bei einer Literaturliste sei eine verwerfliche Methode, schrieb Butler. Eine gerechte Gesellschaft erreiche man durch Freiheit, nicht durch Quotierungen.

Auch Dagmar Simon, die die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) zu forschungsorientierten Gleichstellungsstandards berät, sagte Deutschlandfunk Kultur: Es sei "keine sehr gute Idee, alles durchzuquotieren." Trotzdem sei es immer noch notwendig, den Finger in die Wunde zu legen, denn Arbeiten von Frauen würden leider häufig noch vergessen. Es sei daher gut, dass sich viele Frauen in der Wissenschaft ihren Weg durch Beharrlichkeit, Fleiß und Intelligenz gebahnt haben, nicht durch Quote.

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mae



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
gg0815 08.03.2018
1. Hut ab
die beiden Frauen und der Mann ( "obwohl was will man von den Kerlen anderes erwarten" ) haben wirklich Mut, einfach den Mainstream - Aktivistinnen zu widersprechen. Das auch noch gerade jetzt wo diese aktuell einen waren Lauf haben.
chris4you 08.03.2018
2. Der Artikel ist nicht vollständig
recherchiert, denn es fanden sich leider nicht genügend Werke von Autorinnen zum Thema: "Der Hochschullehrer Erik Ringmar berichtet auf seiner Homepage, dass er einen Kurs über den Aufstieg des Rechtsextremismus und schließlich Faschismus um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts geplant hatte. Ihn interessierte die Möglichkeit einer Verbindung zwischen der Ausbreitung der globalen Märkte im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und dem anschließenden Rechtsruck. Er legte seinen Vorschlag inklusive einer Literaturliste der zuständigen Studienkommission vor. Die Studienkommission kritisierte den Vorschlag wegen des Mangels an weiblichen Autoren auf der Leseliste, sagt Ringmar. Ihm wurde vorgeworfen, dass seine Leseliste nicht einmal annähernd die Quote der erforderlichen 40% erreichte. Das war allerdings keine Absicht des Dozenten. Es war nur schwierig für ihn, weibliche Autoren zu dem Thema zu finden. Dies könnte nach Meinung Ringmars damit zusammenhängen, dass die meisten Reaktionäre Männer waren. Frauen, zumindest diejenigen, die sich schriftlich zum Ausdruck gebracht haben, waren überwiegend liberal und progressiv. Nach einer umfangreichen Suche sei er schließlich auf eine Autorin gestoßen, die sich gegen das Wahlrecht für Frauen ausgesprochen hatte. Dankbar habe er sie auf die Leseliste gesetzt. Der Vorsitzende der Studienkommission habe ihm daraufhin mitgeteilt, dass die Quote von 40% zwar nur eine Faustregel sei, aber ein Kurs mit so wenigen weiblichen Autoren werde niemals akzeptiert werden." Insgesamt ein lesenswerter Artikel (http://ruhrkultour.de/judith-butler-gegen-die-universitaet-lund/), der deutlich mehr Hintergründe und vorgehensweisen offenlegt... ;o)... Mal sehen ob das so durchkommt ...
ithaqua 08.03.2018
3. Wow...
es gibt also Feministinnen, die trotz Überzeugung in der Sache, den Kontakt zur Realität noch nicht aufgegeben haben. Gerne lese ich mehr davon. Für die ewig gekränkten Schneeflöckchen dort draußen: Genau dies sind die Feministinnen, die nie eine Quote brauchen werden, da sie vollumfänglich, objektiv und konstruktiv die Idee des Feminismus vorantreiben und nicht völlig ideologieüberladen hanebüchene Forderungen stellen.
ithaqua 08.03.2018
4. Wow...
es gibt also Feministinnen, die trotz Überzeugung in der Sache, den Kontakt zur Realität noch nicht aufgegeben haben. Gerne lese ich mehr davon. Für die ewig gekränkten Schneeflöckchen dort draußen: Genau dies sind die Feministinnen, die nie eine Quote brauchen werden, da sie vollumfänglich, objektiv und konstruktiv die Idee des Feminismus vorantreiben und nicht völlig ideologieüberladen hanebüchene Forderungen stellen.
Publius Aelius Hadrianus 08.03.2018
5. Arbeiten von Frauen werden häufig vergessen ?
Wie wäre es, dass 99% der akademischen Arbeiten generell vergessen bzw, nie bekannt werden ? Schon mal etwas von der Pareto-Verteilung gehört ?
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