Extremer Minimalismus Tobi, 27, lebt ohne eigene Klamotten, Möbel oder Geld

Er brach das Studium ab, verschenkte sein Geld und zog mit seiner Freundin durch Europa: Tobias Rosswog will zeigen, dass man auch anders leben kann. Doch wie geht das, wenn der gesamte Besitz in einen Karton passt?

Tobias Rosswog
Lemrich / UNI SPIEGEL

Tobias Rosswog

Von Marie-Charlotte Maas


Wie viele Gegenstände braucht der Mensch wirklich zum Leben? 10.000 Dinge soll der Durchschnittseuropäer in seinem Besitz haben, das behaupten zumindest Minimalismus-Prediger und Aufräum-Gurus immer wieder.

Wie viele es genau sind und wer diese Dinge eigentlich gezählt haben will, das ist Tobias Rosswog egal. Der 27-Jährige weiß, dass er so oder so weit unter dem Durchschnitt liegt. Sehr weit. Sein gesamter Besitz passt in einen Umzugskarton. Und mehr möchte er auch nicht haben, auf gar keinen Fall.

Klamotten? Braucht er nicht. Im "Liebermensch-Haus" in Mainz, wo er mit neun Mitbewohnern lebt, gibt es einen Gemeinschaftskleiderschrank für alle. Was dort landet - Hosen, Pullis, T-Shirts - dürfen alle tragen. Nur für Unterhosen und Socken hat Tobi, wie er genannt werden möchte, ein eigenes Fach.

Bücher stehen im Gemeinschaftsregal, ebenfalls für alle nutzbar. Möbel und Küchengeräte, die die Bewohner auf die zwölf Zimmer im Haus verteilt haben, hat die Truppe geschenkt bekommen oder auf dem Sperrmüll eingesammelt. Von einem örtlichen Supermarkt bekommen sie Lebensmittel, bei denen das Verfallsdatum vor Kurzem abgelaufen ist. Sechsmal pro Woche holen die Bewohner dort die Reste ab und lagern sie in der gemeinschaftlichen "Mampf-Kammer".

"Geldfreier" nennt Tobias Rosswog diese Lebensphilosophie. Zusammen mit seiner Freundin Pia Damm hat er das Liebermensch-Haus gegründet.

Die Welt verändern. Und zwar sofort.

Das Experiment begann 2013, an einem Samstag im März. Tobi studiert damals Soziale Arbeit und Religionspädagogik in Hannover, er interessiert sich für Ökologie, steht dem Kapitalismus kritisch gegenüber. Immer wieder arbeitet er ehrenamtlich an Projekten mit. Und er stellt sich Fragen, wie sie viele Menschen in seinem Alter stellen: Warum lebe ich, wie ich lebe? Und wo will ich eigentlich hin?

Nur: Wenige beantworten diese Fragen so radikal wie Tobi an jenem Samstag vor vier Jahren. Er hält einen Vortrag vor anderen jungen Menschen, die ein freiwilliges ökologisches Jahr absolvieren. Es geht um "Welternährung und Veganismus". Und während er so spricht merkt er: Die Zuhörer lauschen aufmerksam. Er kann sie begeistern. Und er stellt fest: Das macht Spaß. Genau da will er hin.

Er überlegt weiter: Braucht er dafür ein abgeschlossenes Studium? Braucht er eine steile Karriere? Geld? Ein Auto?

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Nur wenige Tage später exmatrikuliert er sich - trotz eines Notendurchschnitts von 1,3 und trotz seiner Eltern, einem Ingenieur und einer Erzieherin, die ihn überzeugen wollen, doch zumindest den Bachelorabschluss zu machen. 90 Prozent von dem, was er in der Uni lernte, habe nichts mit dem zu tun, was ihn interessiere und bewege, argumentiert Tobi. Er will die Welt verändern. Und zwar sofort. "Der Klimawandel wartet nicht auf meinen Hochschulabschluss", sagt er.

Dann geht alles ganz schnell: Tobi bricht mit seinem alten Leben. Er verschenkt all seinen Besitz, all sein Erspartes. Geld, beschließt er, soll in Zukunft keine Rolle mehr spielen. Zusammen mit seiner Freundin Pia, die ebenfalls ihr Studium abbricht, stellt er sich an die Straße und reist los. Ohne Geld.

Die beiden trampen durch Europa. Sie leben von dem, was andere Leute ihnen zur Verfügung stellen, schlafen bei Menschen, die ihre politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen teilen und sie gerne bei sich aufnehmen. Das Leben ohne Geld, merken sie, ist gar nicht so schwer - und es ist ein Thema, das auch andere zu interessieren scheint. Während seiner Reise hält er rund 250 Vorträge zum Thema "Anders leben und wirtschaften", um seine Idee in die Welt hinauszutragen - unentgeltlich.

Doch nach zweieinhalb Jahren beendet Tobi das Projekt "Geldfrei". Nicht weil er will, sondern weil er muss: Das System treibt ihn. Er ist mittlerweile 25 Jahre alt, damit endet seine kostenlose Krankenversicherung über die Eltern. Sein schönes, utopisches Konzept stößt erst mal an Grenzen.

Komplett geldfrei geht nicht

Das Abenteuer hätte hier zu Ende sein können. Tobi hätte zurück an die Uni gehen können, mit spannenden Geschichten im Gepäck, staunenden, ein wenig neidischen Kommilitonen und glücklichen Eltern, die ihren Sohn wieder in geregelten Bahnen wissen und ihm bereitwillig seinen Lebensunterhalt finanzieren.

Doch aufgeben möchte das Paar nicht. Tobi und Pia beschließen: Es gebe ja nicht nur Schwarz und Weiß. Wenn komplett geldfrei nicht geht, geht vielleicht geldfreier.

Die beiden suchen ein Mietshaus am Rande von Mainz, einen großen Garten soll es haben und viele Zimmer. Mit fünf Mitstreitern ziehen sie im Liebermensch-Haus ein. Mittlerweile sind sie zu zehnt. Die Miete wird solidarisch aufgeteilt, heißt: "Jeder zahlt so viel, wie er kann." Seinen Beitrag verdient Tobi damit, anderen von seiner Vision zu erzählen - diesmal gegen Geld.

An einem heißen Spätsommertag sitzt Tobi in einem staubigen Zelt am Rande des 45.000-Einwohner-Ortes Erkelenz in Nordrhein-Westfalen. Die braunen Locken liegen locker auf seinen Schultern, er trägt ein weißes Unterhemd und einen Hosenrock. Dicht gedrängt hocken rund hundert Menschen auf dem mit Stroh ausgelegten Boden. Die Jungs haben einen langen Bart oder Dreadlocks, die Mädchen flechten sich gegenseitig ihre Haare zu Zöpfen, eines malt sich ein Mandala auf den Arm. Jemand hat einen Hund mitgebracht. Nur wenige Kilometer von hier wird Braunkohle abgebaut. Darum sind sie alle hergekommen - um dagegen zu protestieren. Sie basteln Plakate und planen Aktionen, sprechen mit Anwohnern und Verantwortlichen. Umweltaktivisten nennt die örtliche Presse sie.

Tobi ist als Redner hier. Sein Thema: "Geldfreier leben - Wege in ein neues Miteinander". Barfuß sitzt er vor seinen Zuhörern und zitiert einen argentinischen Dichter. Seinen Vortrag hält er aus dem Effeff. Er erzählt von den 10.000 Gegenständen und davon, dass die meisten ungenutzt herumstehen. Er berichtet von Autos, die 23 Stunden am Tag nicht bewegt werden und von denen trotzdem jeder denkt, ein eigenes besitzen zu müssen.

Seine Ausführungen unterfüttert er mit Zahlen und Statistiken und Aussagen von Wissenschaftlern. Hin und wieder baut er eine Anekdote ein, wie die vom Audi-Fahrer, der ihn mit zum G20-Gipfel nach Hamburg nahm und dem er die berühmte Frage des Psychoanalytikers und Sozialphilosophen Erich Fromm stellte: "Was bleibt von dir, wenn man dir all deinen Besitz genommen hat?" Das habe, versichert Tobias, das Weltbild des Audi-Fahrers komplett auf den Kopf gestellt.

Auf die wenigen skeptischen Nachfragen reagiert er souverän. Er kennt die meisten Einwände ohnehin. Am Ende nicken sogar diejenigen zustimmend, die eigentlich nicht an seine Theorien glauben.

Was würde passieren, wenn man die Sache zu Ende denkt?

Rund 200 Euro bekommt er für Reden wie diese. Genau weiß er das nicht - und, so versichert der 27-Jährige, es interessiere ihn auch nicht. Kann ein Veranstalter nichts zahlen, kommt er trotzdem. Das Honorar wandert auf ein Konto, auf das auch andere Aktivisten Zugriff haben. Tobi selbst behält nur das Nötigste, Geld für Miete und Krankenversicherung zum Beispiel. Mehr als hundert Vorträge und Workshops hält er pro Jahr. Anfragen bekommt er weit mehr. Der Terminkalender ist über Wochen gefüllt: Er spricht an Hochschulen, vor Jugendorganisationen und Pfadfindern, bei Kongressen und Konferenzen über Nachhaltigkeit, sozial-ökologische Transformation oder Utopien. Und immer wieder zu seinem Lieblingsthema "Geldfreier leben". Auch die Bundesbank und die Frankfurter Börse haben ihn eingeladen.

Keine Frage: Tobi Rosswog ist ein begnadeter Redner mit einer wunderschönen Idee. Wer ihm zuhört, möchte am liebsten sofort mitmachen. Dennoch stellt sich die Frage: Was würde passieren, wenn man die Sache zu Ende denkt? Wenn Tobias Rosswog zu viele Menschen von seinem Lebenskonzept begeistern würde?

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Basiert sein Lebensstil nicht darauf, das andere das kapitalistische Spiel mitspielen? Die eine Wohnung mieten, in der Aktivist Tobi dann kostenlos übernachten darf? Die sich ein Auto kaufen und den Tramper Tobi mitnehmen?

"Was wäre denn, Tobi, wenn alle so lebten wie du?" - "Das wäre nicht möglich", entgegnet er. Tobi weiß um die Grenzen seiner Utopie - und nur deshalb funktioniert sie wohl auch. "Mit meiner Tätigkeit will ich inspirieren und irritieren, einen Prozess anstoßen. Wenn nur ein paar der Leute beginnen, ihr Leben und ihre Konsumgewohnheiten zu hinterfragen, habe ich mein Ziel erreicht."

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Seite 1
mwroer 21.10.2017
1.
"Was wäre denn, Tobi, wenn alle so lebten wie du?" - "Das wäre nicht möglich" Eben. Es braucht immer eine Menge Leute die nicht in Visionen leben um anderen diese Traumwelt zu finanzieren - früher hießen die Leute Philosophen, heute nennen wir sie anders. Letztlich machen sie das gleiche: Schöne Ideen verkaufen die allesamt nicht funktionieren wenn jeder sie adaptieren würde. Er soll es genießen solange es geht und wenn er Leute in der Tat dazu bringen kann ihre Konsumangewohnheiten zu ändern - fein. Sei ihm gegönnt :)
eunegin 21.10.2017
2. nett, aber reality check
tja, aus eigener Erfahrung: irgendwann kommt halt immer ein Wendepunkt. Bei mir waren es Kinder. Dann kann man seine Selbstverwirklichung nicht mehr anderen aufdrücken. Und Kinder sind eigene Personen, nicht das verlängerte Ich. Ich lebe so, dass ich den Kindern später auch Wahlmöglichkeiten biete und nicht vorab auf eine Lebensweise festlege.
johann79104 21.10.2017
3. Tolle Lebensphilosophie,
Krankenversicherung zahlen andere die malochen. Auto und Benzin zahlen andere. Überhaupt zahlen alles andere, sonst könnte er nicht überleben. Der Typ lügt sich seine Welt zurecht.
schnabelnase 21.10.2017
4. Das Paradoxon
Immer die gleiche Geschichte. Der Mann kann dies alles ja nur deshalb, weil die Mehrheit der Menschen in Europa ein „normales“ Leben führt und für dieses freie, befriedete Europa gekämpft und gearbeitet haben. Wenn er mal keine Lust mehr haben sollte, kommt er zurück und meldet sich kurzerhand beim Amt, als wenn nichts gewesen wäre.
bwk 21.10.2017
5. Tobi
Tobi ist ein Schelm. Er lebt nach seinen Regeln. Wenn wir das alle täten, würde unser Staat zusammenbrechen. Die Gemeinschaft profitiert von der arbeitenden Bevölkerung, aber nicht von den Redenschwingern.
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