Studenten nachts in Weimar Mit Crêpes im Bauch auf die Reservebank

Was passiert in Uni-Städten, wenn es dunkel wird? Felix Bohr wandelt auf den Spuren von Schiller und Goethe, sinniert über Kunstausstellungen und tanzt, bis der Fußboden wankt. Eines Nachts in: Weimar

Julia Unkel

Von und Julia Unkel (Fotos)


19.00 Uhr: Wenn ich Weimar höre, muss ich gleich an Goethe denken. Der Dichterfürst zog 1775 in die thüringische Stadt und lebte mit Unterbrechungen bis zu seinem Tod 1832 hier. "Mehr Licht", sollen seine letzten Worte gewesen sein. Fände ich auch nicht schlecht, denn als ich Weimar erreiche, ist es stockdunkel.

Ich laufe durch das pittoreske Zentrum, vorbei an Goethes prächtigem Wohnpalais, kurz darauf auch an dem bescheideneren Haus Friedrich Schillers. Das Sprachgenie mit Geldsorgen verbrachte hier seine letzten Lebensjahre.

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19.30 Uhr: Bis heute sorgen die kongenialen Kumpels Goethe und Schiller für den kulturgeschichtlichen Weltruhm Weimars. Aber ob man in der Stadt auch feiern kann? Ich erreiche die "Crêperie du Palais", wo ich mit Laura und Jonas verabredet bin. Sie wollen mich durch die Nacht begleiten.

Jonas ist einer von 4500 Studierenden Weimars, er hat sich für Musikwissenschaft und Eventmanagement an der Hochschule für Musik entschieden. Seine Freundin Laura lebt in Frankfurt, wo sie Theater- und Orchestermanagement studiert, und ist regelmäßig übers Wochenende da.

20.00 Uhr: Wir bestellen Galettes, herzhafte bretonische Crêpes, belegt mit Käse, Schinken, Ei und Ziegenkäse. Serviert werden sie von Megane aus Paris, die vor wenigen Jahren der Liebe wegen nach Thüringen gekommen ist. Sie fühle sich wohl in Weimar, sagt sie lächelnd. Die Stadt findet sie zwar "sehr klein, aber authentisch".

20.45 Uhr: Wir trinken Cidre und Bier. Jonas schwärmt von Weimars tollem kulturellen Angebot und dem kosmopolitischen Flair. Good old Goethe locke bis heute zahlreiche Touristen in die Stadt. Sein "Faust" laufe im Weimarer Nationaltheater in Dauerschleife, ergänzt Laura. Die beiden haben die Aufführung längst gesehen, für Studierende kostet ein Ticket nur 6,50 Euro.

21.30 Uhr: Wir verabschieden uns von Megane und ziehen weiter zum "Salon Konetzny". Früher wurden hier Haare geschnitten, heute befindet sich in den Räumen eine hippe Bar. Der Gastraum ist durch helle Holzbalken unterteilt. Auf den Tischen stehen Kerzen, an den Fenstern wuchern Grünpflanzen. Die lauschige Stimmung wird durch Loungemusik mit Trompetensounds abgerundet. Auf einem Regalbrett steht ein Röhrenfernseher aus den Achtzigerjahren.

Wir bestellen Bier, und Jonas erzählt begeistert von den Abschlusskonzerten seiner Hochschule, bei denen die Absolventen der Meisterkurse ihr Können auf höchstem Niveau zum Besten geben.

22.30 Uhr: Unser nächstes Ziel ist die "Reservebank", eine gemütliche Bar. Die Tische sind voll besetzt, in der Luft liegt Rauch, in einer Ecke steht ein Kicker.

Der Laden liegt in der Nähe der Bauhaus-Universität. Die Hochschule für Gestaltung wurde vor knapp hundert Jahren in Weimar vom Architekten Walter Gropius gegründet. Später zog das Bauhaus weiter nach Dessau, dann nach Berlin. 1933 schlossen die Nazis die Kunstschule, weil sie ihnen zu freigeistig war. Die Ideen und Designklassiker aber lebten weiter und prägten die Architektur des 20. Jahrhunderts.

23.00 Uhr: In der Reservebank treffen wir Konrad, einen Berliner, der seit acht Jahren in Weimar lebt und hier Umwelt- und Ingenieurwissenschaften studiert. Während Laura und Jonas eine Runde kickern, gibt er mir ein Bier aus.

Konrad ist im Vorstand der Studierendenvertretung der Universität und spricht von seiner Wahlheimat wie ein Missionar, der zum Umzug nach Weimar überreden will. Er vermisse die Stadt sofort, sobald er nur mal zwei Tage weg sei. Sie sei "eine Blase", jeder kenne jeden: "In Weimar bist du als Studierender nicht einfach eine Nummer wie an großen Universitäten." Mit den Dozenten verkehre man auf Augenhöhe.

Konrad gibt mir noch ein Bier aus, dann einen Wodka mit Apfelsaft. Ich bekomme Lust zu tanzen, sage Ciao und hole Laura und Jonas am Kicker ab.

00.00 Uhr: Auf dem Weg zum Klub legen wir eine kurze Zwischenstation in der "Plan Bar" ein. Am Eingang strahlt uns Johann Sebastian Bach an, in Form eines zur Lampe umfunktionierten Glaskopfs. Noch so ein Klassiker, der länger in Weimar gewirkt hat.

Wir setzen uns und trinken Gin Tonic. Im Hintergrund läuft leise Elektromusik, an der Decke drehen sich Discokugeln. Jonas erzählt von der diesjährigen "Summaery", der Jahresausstellung der Bauhaus-Uni: Jeden Sommer organisieren Studierende und Absolventen in der ganzen Stadt Lesungen oder Performances.

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00.30 Uhr: Auch wir sind jetzt endgültig reif für eine kleine Performance und gehen zum "E.Werk". In dem einstigen Elektrizitätswerk finden Partys statt. Auch das Nationaltheater nutzt die Räume für Aufführungen.

Der Weg zur Tanzfläche führt vorbei an massiven Stahlrohren und Kesseln die aus dem Boden ragen. An der Decke hängt ein krakenförmiger Leuchter, blaue Lichter schaffen eine surreale Atmosphäre, in der Luft liegt der Geruch von Gras. Die Leute sind gut drauf, sie tanzen zu den Sounds eines Weimarer DJ-Kollektivs. Der mit Stahlplatten ausgelegte Boden wankt.

01.30 Uhr: Wir bestellen ein letztes Bier und treffen Sophie, eine Kommilitonin von Jonas. Sie erzählt von ihrem Projekt "Klangrausch". Mit Freundinnen organisiert sie klassische Konzerte im E.Werk. Sophie möchte Bach und Mozart aus der steifen Atmosphäre eines klassischen Konzertsaals herausholen und in einer hippen Location bei Bier und entspannter Stimmung aufführen. Im Anschluss wird zu modernen Beats getanzt. Das machen auch wir noch eine Weile. Dann verabschieden wir uns.

insgesamt 2 Beiträge
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matbhmx 02.02.2019
1. Spricht ja sehr für das ...
... Nachtleben von Weimar: "Wir bestellen um 01:30 Uhr das letzte Bier!" Aha! Also, in der Regel geht's da in Berlin erst los!
troy_mcclure 04.02.2019
2.
Dieser Student namens Jonas ist mir suspekt, der redet ja den ganzen Abend nur über sein Studium.
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